Das Bild kam ihm wie ein frischer Windstoß oder die Sonne vor, die nach einem kräftigen Regen zum Vorschein kommt: Mit gerade achtzehn Jahren fesselte ihn in Dresden ein abstraktes Gemälde von Wassily Kandinsky so sehr, dass er sich kurzerhand nach Dessau aufmachte und am Bauhaus vorfuhr – mit dem Fahrrad. Hier wurde Kurt Leppien, der 1910 in Lüneburg geboren wurde, wenig später Schüler Kandinskys, aber auch von Josef Albers und Paul Klee. 1930 zog es ihn dann nach Berlin, wo er Lucia und László Moholy-Nagy über die Schulter schaute. Dies und Erfahrung als Assistent eines Werbefilmers verschafften Leppien die Grundlagen für einen Brotberuf, den er ergriff, nachdem er das Land aus politischen Gründen 1933 verlassen hatte.
Mit dem Leben davongekommen
Nunmehr fotografierte und gestaltete der Norddeutsche Fotomontagen und -reportagen sowie Werbung und Buchumschläge in Paris. Weil er von hier aus weiter gegen den NS-Staat opponierte, wurde ihm 1936 die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Später tauchte er in Sorgues bei Avignon unter und betrieb einen kleinen Bauernhof, wo er und seine Frau Suzanne, eine aus Ungarn stammende Bauhaus-Schülerin mit jüdischen Wurzeln, 1944 von der Gestapo verhaftet wurden. Suzanne Leppien wurde unter anderem nach Auschwitz deportiert, Jean Leppien zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Das Paar überlebte und fand im Mai 1945 in Paris wieder zusammen.
Nach mehr als zehn Jahren größter Anspannungen wurde der Maler nach dem Krieg in Frankreich eingebürgert und ließ sich jetzt Jean rufen. Aber vor allem konnte er an die Zeit in Dessau und Berlin anknüpfen und künstlerisch aktiv werden. Im Kreis der französischen Künstler der Nachkriegsmoderne behauptete sich Leppien rasch mit Bildern, die Farbflächen und geometrische Formen miteinander in Dialog setzen. Diesem Interesse blieb er stets innovativ bis zu seinem Tod 1991 treu.
Hier setzt die Jean-Leppien-Ausstellung an, die derzeit von der auf Künstler der geometrischen Abstraktion spezialisierten Pariser Galerie Lahumière gezeigt wird. Sie präsentiert abstrakte Werke Leppiens der Jahre 1946 bis 1983 und bietet damit eine kleine Retrospektive (Preise zwischen 4500 und 30.000 Euro). Die Gründer der Galerie, Jean-Claude und Anne Lahumière, eine gebürtige Bremerin, waren Leppien seit 1988, als sie ihn erstmals zeigten, eng verbunden.
Mit Öl auf Leinwand gemalt, zeigen die frühen Arbeiten Formen, die von Kurven und Linien bestimmt werden und rhythmisch bewegt zu sein scheinen. Schon in jener Zeit lebte der Künstler zwischen Nizza, Roquebrune bei Menton und Paris, wo er Gründungsmitglied des Salon des Réalités Nouvelles war. Spätere Werke gewannen an Strenge, um dann wieder lyrischere Klänge anzustimmen. Schließlich isolierte Leppien einzelne Elemente in der Fläche und erzielte Beruhigung oder stellte einzelne große geometrische Formen über kleinteiligere Felder. Manches davon wirkt geradezu meditativ. Dabei experimentierte er bisweilen mit Bildern, deren unbehandelte Leinwand sichtbar blieb, um Gewebe und Textur in die Komposition einzubinden.
Für Leppien spielte die Verlegenheit, zu bezeichnen, was er hervorbrachte, ob als „abstrakte“ oder „absolute“ oder „nicht-figurative“ Malerei, keine Rolle. Ihm kam es vielmehr darauf an, den „je eigenen Ausdruck einer Linie, einer Form und einer Farbe“ nachvollziehbar zu machen und eine „Atmosphäre, ein Klima“ zu schaffen, das den Betrachter zu einer eigenen Deutung animiert, die das Spiel der in Beziehung gesetzten Bildelemente hervorruft. Ein ungegenständliches Werk diene, indem es sich der Darstellung der Wirklichkeit entziehe, der Sichtbarmachung einer anderen, „spirituellen Realität“, so ein Credo des Malers.
Jean Leppien, Galerie Lahumière, Paris, bis zum 13. Mai
Source: faz.net