Jazzfest Berlin: Was tun, wenn’s brennt?

Es ist 65 Jahre her, dass Bob Dylan im New Yorker „Café Wha“ allein mit seiner Gitarre aufgetreten ist. Für Marc Ribot, der schon mit Musikern wie Solomon Burke, Tom Waits und den Lounge Lizards gespielt hat, ist das anscheinend immer noch ein Vorbild: Im eleganten Dreiteiler, die Haare mittlerweile weiß, spielt und singt er im knallvollen Quasimodo-Club zunächst Songs zur akustischen Gitarre. Doch dann greift er zur E-Gitarre und schleudert mit verzerrten Tönen eine Lärmattacke nach der anderen ins überraschte Publikum. Das Motto des Berliner Jazzfests, „Where will you run when the world’s on fire?“, stammt aus einem seiner Songs.

Natürlich gefällt Ribot die politische Situation in den USA nicht, doch wenn es um Lösungsvorschläge geht, bleibt er vage: „Just do some­thing“ heißt es in einem seiner Songs. Dass er im kleinen Club „Quasimodo“ und nicht auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele spielt, liegt daran, dass die Verhandlungen mit seinen Agenten schwierig waren und Ribot erst als letzter Künstler zugesagt hat – zu diesem Zeitpunkt waren alle Auftritte auf der Hauptbühne bereits verplant.

Wenige Pedale, großer Effekt

Auf eben dieser Bühne spielt Ribots New Yorker Kollegin Mary Halvorson, die schon vor Jahren beim Jazzfest zu Gast war und damals zusammen mit ihrem Kollegen Bill Frisell aufgetreten ist. Halvorson gilt als schüchtern, Frisell ist es definitiv – wie sind die beiden überhaupt zusammengekommen? „Ich bin ihm irgendwann in New York begegnet“, erzählt Mary Halvorson. „Es war Bills Idee, dass wir zusammen in Berlin spielen. Und er kann sehr hartnäckig sein.“ Beim diesjährigen Jazzfest tritt Halvorson mit ihrem Amaryllis Sextet auf, zu dem die Vibraphonistin Patricia Brennan, der in Berlin lebende Bassist Nick Dunston, der Schlagzeuger Tomas Fujiwara und zwei Bläser gehören.

Eher schüchtern, aber ausdrucksstark: Gitarristin Mary Halvorson (rechts) mit der Vibraphonistin Patricia Brennan auf der Bühne in BerlinBerliner Festpsiele/Camille Blake

Halvorson spielt in einem eleganten ärmellosen Abendkleid im Sitzen auf ihrer Halbakustikgitarre, die ein befreundeter Musiker nach ihren Vorgaben gebaut hat. Den Hals kann man abnehmen. „Das ist auf Reisen sehr praktisch“, sagt sie. Effektpedale benutzt sie nur selten, obwohl ihr Spiel oft erstaunliche Verfremdungseffekte enthält, manchmal mitten in einer Melodielinie, wie man auch auf ihrem in diesem Jahr veröffentlichten Album „About Ghosts“ hören kann. Sie habe eigentlich „nur ein Pedal für Delay, eines für Loops und eines für Verzerrung“. Wer zeitgenössische Kollegen kennt, weiß, wie wenig das ist: Der Berliner Gitarrist Andreas Willers benutzt etwa ein Pedalbrett mit achtzehn miteinander verbundenen Pedalen.

Halvorson ist eine unauffällige Bandleaderin, die Melodien werden meist vom Posaunisten Jacob Garchik oder vom Trompeter Adam O’Farrill gespielt. Die Gitarristin schrummt versonnen ihre Akkorde, und rasante Single-Note-Linien entströmen nonchalant ihrem Instrument. Für Nadin Deventer, die künstlerische Leiterin des Jazzfests Berlin, waren sowohl Ribot als auch Halvorson wichtige Bestandteile ihres diesjährigen Programms. Mit ihrer Einladung hat sie dem Qualitätskonzept eine charakteristische Note hinzugefügt.

Source: faz.net