Der oft als „Insurrektion eines Mobs“ beschriebene Vorgang ist die wohl am besten dokumentierte politische Konfrontation der US-Geschichte: Es gibt viele Stunden Video- und Handyaufnahmen, dazu den mehr als 800 Seiten langen Bericht eines Kongressausschusses, nicht zu reden von den vielen Anhörungen im Kongress, die anberaumt waren.
Am 6. Januar 2021 wollen Tausende von Trump-Loyalisten, aufgebrachte Männer und Frauen, verhindern, dass die US-Legislative in Washington das Ergebnis der Präsidentschaftswahl vom 3. November 2020, sprich: den Sieg des Demokraten Joe Biden über Donald Trump, offiziell bestätigt. Fernsehkanäle übertragen den Aufstand live. Anhänger Trumps glauben dessen Mutmaßungen über eine „gestohlene Wahl“, sie durchbrechen Absperrbarrieren, zerschlagen Fenster und dringen in das historische Gebäude ein, das normalerweise Schulklassen mit ehrfürchtigen Gesichtern oder Lobbyisten auf der Suche nach Einfluss aufsuchen.
Die vornehmlich weißen Männer sind ausgerüstet mit Fahnenstangen und Hämmern, voller Wut und Hass. Polizisten erweisen sich als überfordert. Die Belagerung dauert an jenem Tag bis zum späten Nachmittag. Dann kommt die Nationalgarde und vertreibt die Aufrührer, die offenkundig über soziale Medien gut vernetzt sind.
Viel fotografiert wurde der obskure „Schamane“ mit Hörnern und Speer, dabei repräsentierte der Aufruhr nicht etwa den gesellschaftlichen Rand, ermittelte der Extremismus-Experte Robert Pape von der Universität Chicago, der sich auf mehr als 700 der im Jahr nach dem Ereignis Festgenommenen bezog. Viele kamen aus dem Mainstream, waren White-Collar-Beschäftigte mit administrativen Befugnissen, Selbstständige und Geschäftsinhaber. Vier Angreifer kamen ums Leben, zwei davon mit Herzattacken, eine Frau wurde mutmaßlich erdrückt. Ein Polizist erschoss die Luftwaffenveteranin Ashli Babbitt, als die durch ein zerschlagenes Fenster in den Sitzungssaal gelangen wollte.
Lüge von gestohlener Wahl prägt Identität des trumpistischen Amerika
Rund 150 Sicherheitsbeamte wurden verletzt, vier nahmen sich in den Wochen nach dem Ansturm das Leben. Polizisten „leiden noch immer an körperlichen und seelischen Wunden“, so der demokratische Abgeordnete Don Beyer im Juli 2021.
Nachdem die Nationalgarde angerückt war, setzte der Kongress die unterbrochene Wahlbestätigung fort, sodass der damalige Vizepräsident Mike Pence am 7. Januar kurz vor vier Uhr morgens das offizielle Wahlergebnis verkünden konnte. Der Republikaner aus der alten Garde war Trumps Aufforderung nicht nachgekommen, seinen verfassungsmäßigen Dienst zu verweigern. Er wurde in seiner Partei zum Außenseiter. „Hängt Mike Pence“, skandierten die Randalierer im Kapitol. Vor dem Gebäude stand ein symbolischer Galgen.
Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses im Kongress, der demokratische Abgeordnete Benny Thompson, stellte später fest, der Ansturm sei „die Kulmination eines versuchten Coups“ gewesen. Wenn es so war, dann hat das Donald Trump nicht das Stigma der Unwählbarkeit eingebracht. Er ist erneut Präsident und seine Partei auf Kurs. Sie hat verinnerlicht, dass die Lüge von der gestohlenen Wahl die Identität des trumpistischen Amerika prägt. Eine konservative und wirtschaftliche Machtstruktur korrespondiert mit dem Autoritären. Gleich nach dem Kapitol-Sturm hatte Facebook Trumps Konto gesperrt, freilich nur vorübergehend. Nähe zur Macht zählt, wie sich das bei den Trump-Lobeshymnen der Hightech-Funktionäre von Meta bis Palantir zeigt: Trump ist Macht.
Die staatstragende Erinnerung an den 6. Januar 2021 passt zum Image vom Milliardär, der auf Seiten derer kämpft, die missachtet, verspottet und nicht ernst genommen werden. Trumps Amerika hat die damaligen Geschehnisse umgeschrieben und dabei zu widersprüchlichen Thesen gefunden. Einerseits heißt es, der Ansturm sei gar kein richtiger Angriff gewesen. So erklärte der republikanische Senator Ron Johnson, die Videoaufnahmen zeigten, dass die Männer und Frauen im Kapitol nicht randaliert hätten. Sie seien in der Rotunde „innerhalb der Seilabsperrungen geblieben“. Sie hätten sich verhalten wie normale Touristen, so der Abgeordnete Andrew Clyde. Zugleich gelten die mehr als eintausend danach Festgenommenen als Helden und Opfer staatlicher Willkür.
Im Wahlkampf 2024, den Bidens Vizepräsidentin Kamala Harris verlor, ließ Trump gelegentlich die vom „6.-Januar-Gefangenenchor“ gesungene Nationalhymne einspielen. In Untersuchungshaft sitzende Teilnehmer des Ansturms hatten es geschafft, sich beim Singen aufzunehmen. Die Männer seien „unglaubliche Patrioten“, zitierte die Zeitung USA Today Trump bei einem Meeting mit Hymne. Man könne die Widerstandskraft der „Geiseln“ sehen. Karoline Leavitt, Sprecherin von Trumps Wahlkampagne, heute des Weißen Hauses, vertritt die Auffassung, dass Bidens Justizministerium energischer gegen Trump und die „am 6. Januar friedfertig Protestierenden“ vorgegangen sei als gegen illegale Immigranten und brutale Terroristen.
Wahltag war der 3. November 2020. Joe Biden hatte sich in den Primaries durchgesetzt als einer, der „Normalität“ zurückbringen wollte. Seinen 81 Millionen Wählern musste das genug sein. Am Wahlabend dann blickten die TV-Analysten wie bei jedem Präsidentenvotum besonders auf die Swing States – diesmal Pennsylvania, Georgia, Arizona, Michigan und Wisconsin. Es sah knapp aus. Um 2.30 Uhr in der Nacht nach der Wahl trat Trump vor seine Getreuen. Womöglich wegen der Covid-Maskenvorschriften in Washington sollte die Siegesfeier nicht in einem Hotel stattfinden, sondern ohne Masken in kleinerem Rahmen im Weißen Haus.
Donald Trump geht nicht mit
„Um es ganz offen zu sagen“, so Trump, „wir haben die Wahl gewonnen“. Vornehmlich Pennsylvania, Michigan und Wisconsin hätten ihn gewählt – was sich als falsch herausstellen sollte. Trump war sichtlich verärgert, dass die TV-Sender ihn noch nicht zum Sieger erklärt hatten. Da sei ein „großer Betrug verübt worden an unserer Nation“, klagte er. Drei Tage blieben die USA in Ungewissheit. Am 7. November nach der vollständigen Auszählung in Pennsylvania stand das Ergebnis fest. Als erstes Network berichtete der Sender CNN um 11.24 Uhr, dass Biden gewonnen habe.
Donald Trump hat das nie akzeptiert. Dutzende Male zogen seine Anwälte vor Gericht mit der Behauptung, die Abstimmung sei gefälscht worden. Es wurden Politiker in einzelnen Bundesstaaten kontaktiert, um dortige Wahlergebnisse irgendwie zu annullieren. Am bekanntesten ist Trumps Anruf bei dem für die Wahl in Georgia zuständigen Republikaner Brad Raffensperger: Dieser möge doch 11.780 Stimmen finden, um das knappe Ergebnis in diesem Staat zu frisieren.
Die Kampagne schlug fehl. Die Gerichte lehnten die Beschwerden über illegal abgegebene, falsch gezählte Stimmen und „im Auftrag Venezuelas“ manipulierte Wahlmaschinen ab. Dies änderte nichts daran, dass Trumps Anhänger empfänglich waren für die Lüge von der manipulierten Wahl und auf die Straße gingen. Man stand inmitten der Pandemie, an die viele Amerikaner nicht glaubten.
Es war zugleich die Zeit nach den landesweiten Kundgebungen gegen Rassismus, nachdem der Afroamerikaner George Floyd im Mai 2020 durch einen Polizisten in Minneapolis getötet worden war, und nach der jahrelangen Propaganda über eine zu allem fähige Elite. Ein Sturm werde kommen müssen, hieß es, um dem bösen Treiben ein Ende zu setzen. In Washington demonstrierten am 12. Dezember 2020 Tausende beim „Jericho March“ für ein christliches Amerika und Trumps Wahlsieg. Dies sei die Generation, die eine „Erneuerung Amerikas“ erleben werde, sagte der Prediger Lance Wallnau. Die Rede war von einem Wunder, das geschehen werde. Der Jericho-Marsch bezieht sich auf die biblische Geschichte der Eroberung von Jericho durch die Israeliten. Jericho sei gefallen, hörten die Demonstranten in Washington, nachdem die Israeliten, wie von Gott befohlen, die Mauern der Stadt mehrmals umrundet hatten.
Der 6. Januar 2021 begann mit einer Großveranstaltung unweit des Weißen Hauses. Man müsse „fight like hell“, erklärte Trump, aber gewaltfrei bleiben. Es gäbe Bundesstaaten, die nochmals wählen wollten. Sie seien betrogen worden. Mike Pence müsse jetzt das Richtige tun. „Wir werden zum Capitol gehen.“ Trump ging nicht mit; die Kapitolstürmer hingegen machten sich schon auf den Weg, bevor die Rede zu Ende war. Am Abend des 6. Januar schickte Trump einen letzten Tweet: „Das sind die Dinge und Ereignisse, die passieren, wenn ein heiliger Wahlerdrutschsieg“ großen Patrioten entrissen werde. Die Versammelten sollten „mit Liebe und im Frieden nach Hause gehen“. Sie sollten sich immer an diesen Tag erinnern. Nach seiner Wiederwahl 2024 hat Trump mehr als 1.200 der wegen des Aufruhrs schuldig Gesprochenen und zu kurzen Haftstrafen Verurteilten begnadigt.