Jahrhundertmusiker: Szenen einer iranisch-israelischen Freundschaft – während die Bomben purzeln


Zur Merkliste hinzufügen

Der Israeli Giora Feidman und der Iraner Majid Montazer fanden über die Musik zueinander. Ausgerechnet am ersten Tag des Krieges ihrer Staaten stellten sie in Hamburg ihren Film vor.

Beinahe versagt dem fast 90-Jährigen die Stimme, als er unter tosendem Applaus Sonntagmittag die Bühne des Kinosaals erklimmt. Dabei ist Giora Feidman große Auftritte gewohnt, wie kürzlich im großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie. Doch dort spricht er kaum, er spielt. „Die Klarinette ist das Mikrofon meiner Seele“, sagt er, dann zeigt er auf das Mikro in seiner Hand: „Dieses hier ist nur für Blabla …“

In den vergangenen 52 Minuten konnte das Publikum der Premieren-Matinee im Hamburger Abaton-Kino den Film „Giora Feidman – Seele der Klarinette“ zum allerersten Mal begutachten – und damit ein besonderes Porträt dieses Jahrhundertmusikers.

Eine iranisch-israelische Freundschaft auf der Kinoleinwand

Es zeigt Feidmans Anfänge in seiner Heimat Buenos Aires und seinen ungewöhnlichen Weg als stark sehbehinderter jüdischer Junge in die wichtigsten Orchestergräben der Welt. Wo er sich heimlich und vor den Augen des Stardirigenten Zubin Mehta verborgen, mit stark vergrößerten Notenblättern behalf. Internationale Bekanntheit hatte der Klarinettist durch Filmmusiken erlangt, darunter jener für Steven Spielbergs „Schindlers Liste“. Und schließlich: hinauf auf die Bühnen und ins Rampenlicht als gefeierter Solist. „Das hat Feidman geschafft, indem er sich des Erbes seiner Familie und Kultur besinnt: der jüdischen Klezmer-Musik, die schon sein Vater und Großvater meisterhaft spielten“, sagt Nahuel Lopez, Produzent und Regisseur des Films.

Und dann erzählt der Film, der ab Mitte März in der Mediathek von Arte zu sehen sein wird, eben noch die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft. „Majid Montazer hat einen wichtigen Anteil am heutigen Erfolg Gioras, nicht nur als Manager, sondern als Komponist“, glaubt Lopez. „Gemeinsam haben sie die jüdische Klezmer-Musik als Haltung begriffen und um klassische und auch persische Elemente erweitert.“

Als sie sich am Sonntagmorgen im Hamburger Grindelviertel treffen, schauen alle gebannt auf ihre Smartphones, um die neuesten Nachrichten aus Nahost zu verfolgen. In der Nacht hat Israel den Iran bombardiert, die ersten Meldungen vom angeblichen Tod des blutrünstigen Ayatollahs machen die Runde. „Es macht mich immer wieder traurig, wenn Menschen keinen anderen Weg finden, als Krieg als Lösung für ihre Ziele zu wählen“, sagt Feidman, der neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. „Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich bin nicht gegen Kriege – ich hasse sie. Überall, wo ein unschuldiges Kind stirbt, hat die Menschheit versagt.“

Montazer, der Exil-Iraner, beschreibt seine innere Zerrissenheit, spricht von einem „weinenden und einem lachenden Herzen“. So traurig ihn jede Nachricht über unschuldig Getötete macht, so sehr jubiliere er, „dass dieses Regime, das uns Perser seit fast 47 Jahren unseres gastfreundlichen, offenen und kulturbegeisterten Charakters beraubt hat, und stattdessen Terror und Diktatur brachte, endlich ins Wanken gerät.“

Premieren-Matinee im Hamburger Abaton-Kino. Der Film „Giora Feidman – Seele der Klarinette“ von Nahuel Lopez ist eine Co-Produktion von NDR und BR und ab Mitte März in der Arte-Mediathek abrufbar

© David Baum

Es ist nicht das erste Mal, dass der Konflikt zwischen den Staaten die beiden auf die Probe stellt. Schon bei den gegenseitigen Bombardements im April 2024 kämpfte Montazer von Hamburg aus dafür, dass sein Freund es zu den geplanten Konzerten nach Europa schafft – mittels eines Schiffstransfers von Tel Aviv nach Zypern gelang es schließlich unter widrigen Umständen.

Klezmer-Musik als Haltung

Nun geht es um mehr, um die Zukunft des Iran – und auch stets um jene Israels. Feidman ist skeptisch. „Ich erinnere mich in den letzten 30 Jahren an keinen Krieg, nach dem das Volk wirklich wieder frei aufatmen konnte“, sagt er. Montazer, der 2014 das letzte Mal im Iran war, ist da etwas optimistischer. „Wir schaffen keine Veränderung aus eigener Kraft, obwohl die Perser standhaft geblieben sind, die arabische Sprache verweigerten, und sich nicht gänzlich unterjochen ließen“, sagt er. „Die vielen israelischen Flaggen auf den Demos der Exil-Iraner sprechen eine eindeutige Sprache.“

Ein denkwürdiger Sonntagmorgen: Majid Montazer (l.), Giora Feidman (M.) und Nahuel Lopez mit Sohn vor der Premiere im Hamburger Abaton-Kino

© David Baum

Einig sind sich die beiden unterschiedlichen Freunde in einem Punkt: der verbindenden Kraft der Musik. Ihr gemeinsames Album „A Better World“ haben sie bewusst mit Musikern aus Israel, Palästina, Argentinien und den USA aufgenommen. „Musik kann Herzen miteinander verbinden. Musik kann Emotionen zum Leben erwecken. In unserer neuen Produktion, die ich gemeinsam mit Majid Montazer auf den Markt gebracht habe, beschäftigen wir uns mit der Frage, wie die Welt besser sein könnte“, erzählt Feidman.

Die verbindende Macht der Musik

Zwischen beiden gäbe es keinerlei Konflikte, „weil wir nur das Menschliche im anderen sehen“, sagt Feidman. „Manchmal denke ich, dass die Liebe oder Gott uns zusammengebracht hat, um den Menschen in dieser Situation zu zeigen: Schaut genau hin – da sind zwei Menschen aus vier Generationen, zwei Völker, die sich seit Jahrzehnten bekriegen, zwei unterschiedliche Religionen – und trotzdem machen sie Hand in Hand Musik für eine bessere Welt. Da soll mir noch jemand sagen, dass es naiv ist zu glauben, dass Musik die Welt verbessern kann.“

Für diesen Vormittag scheint dies erst einmal gelungen. Während die Passanten und Kaffeehausbesucher im umliegenden Studentenviertel deutlich bedrückt die Nachrichten lesen, sich in der Innenstadt Linksradikale und Islamisten zu einer Demo versammeln, strömen hier beglückte und hoffnungsreiche Menschen aus dem Dunkel des Kinos auf den sonnigen Isabel-Allende-Platz.

Source: stern.de