Der Chemieverband VCI legt alarmierende Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Der Abwärtstrend setzt sich fort. Vor allem im Mittelstand macht sich Zukunftsangst breit.
„2025 sind wir erstmalig seit vielen Jahren im Minus“, fasst Martina Nighswonger ein enttäuschendes Jahr zusammen. Sie ist Geschäftsführerin des mittelständischen Chemiebetriebes Gechem in der Pfalz. Das Traditionsunternehmen gibt es seit 1861. „Wir hatten immer wieder Krisen. Inzwischen aber haben wir aber immense Strukturprobleme, die uns ein vernünftiges, wirtschaftliches Handeln praktisch unmöglich machen. Das gab so bislang nicht.“
Gechem produziert unter anderem Tabs für Geräteentkalker, Toiletten-, Geschirr- und Kaffeemaschinen-Reiniger. Die Firma hat dafür eine eigene Entwicklungsabteilung. Zudem füllt der Betrieb mit 165 Mitarbeitern Substanzen für Großunternehmen ab und verpackt das Material.
Energiekosten steigen deutlich
Durch die Standortbedingungen sei ihre Firma im vergangenen Jahr in die roten Zahlen gerutscht, so Nighswonger. Sie nimmt sich einen Stift und notiert auf einem Blatt einige Zahlen: „Unsere Stromkosten sind von 152.000 Euro im Jahr 2023 auf 267.000 Euro im vergangenen Jahr gestiegen – und das, obwohl wir inzwischen eine eigene PV-Anlage inklusive Speicher haben. Die Kosten für Gas haben sich im gleichen Zeitraum nahezu verdoppelt, lagen zuletzt bei 415.000 Euro.“
Auf Entlastung von der Stromsteuer kann die Geschäftsführerin nicht hoffen. Diesen Nachlass erhalten nur Großbetriebe. Außerdem steige für Gechem auch die CO2-Abgabe weiter. „Da sind wir bei knapp 60.000 Euro angekommen. All das müssen wir inzwischen zusätzlich für Energie aufbringen“, so Nighswonger. „Ich bin froh, dass der Winter rum ist und wir im Sommer weniger brauchen.“
Das Abarbeiten der zunehmenden Nachweispflichten bindet inzwischen vier Vollzeitkräfte. Martina Nighswonger zählt auf: „Derzeit setzen wir die 45. Bundes-Immissions-Schutzverordnung (BlmSchv) oder die EU-Industrie-Emissionsrichtlinie (IED) um. Auch die neue ‘Packaging and Packaging Waste Regulation’ (PPWR) macht uns zu schaffen. Ich bräuchte neues Personal für die Verwaltung. Aber bei einem Minus kann ich niemanden einstellen“, klagt Nighswonger. „Die Politik sollte uns Unternehmern endlich wieder vertrauen, statt die Kontrollen immer kleinteiliger zu machen.“
Branche mit dickem Minus
Auch der Branchenverband der Chemischen Industrie (VCI) blickt auf ein schlechtes Jahr 2025 zurück. Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup wählt drastische Worte. „Die Jahresbilanz der Chemie ist unterirdisch – Produktion, Umsatz und Preise sind im roten Bereich.“ Eine rasche Besserung sei nicht in Sicht.
Die vom VCI vorgelegten Zahlen sind alarmierend: So ging die Produktion insgesamt um 3,3 Prozent zurück, der Gesamtumsatz sogar um 3,8 Prozent. Die Kapazitätsauslastung der Chemieanlagen lag im Schnitt nur noch bei sehr schwachen 72 Prozent. Diese Entwicklung bestätigt einen mehrjährigen Trend: Seit 2022 hat die Chemie massiv Produktionskapazitäten abgebaut. 34.000 Arbeitsplätze wurden gestrichen oder ins Ausland verlagert. Und: Es gab kaum noch neue Investitionen.
Ungewöhnlich scharf kritisiert der Verband die Bundesregierung. „Der Frust in den Unternehmen über die wirtschaftspolitische Kurskorrektur mit angezogener Handbremse ist groß. Deutschland reformiert im Schneckentempo. Ohne echten Reformwillen und mächtig Tempo in Berlin und Brüssel droht ein Strukturbruch für die industrielle Basis“, so Große Entrup. Auch für die nahe Zukunft macht sich der Hauptgeschäftsführer Sorgen. „2026 wird nicht leichter. Schon vor dem Iran-Krieg gab es keine Aufbruchstimmung.“
Heftige Kritik an CO2-Abgabe
Schon am Jahresende 2025 hatte der BASF-Vorsitzende Markus Kamieth auf die dramatische Lage aufmerksam gemacht. Bei der routinemäßigen Vorstellung der Quartalszahlen fand Kamieth aufsehenerregende Worte – zur CO2-Abgabe und was diese an Zusatzkosten für die BASF in Deutschland bedeute: „Das geht demnächst über eine halbe Milliarde Euro und dann über eine Milliarde Euro bis Ende der nächsten Dekade. Das sind Kosten für die BASF, die nur in Europa entstehen.“ Da sich die übrigen Wettbewerber außerhalb der EU aber nicht am CO2-Preissystem beteiligten, seien weitere Firmenschließungen in Europa absehbar. Das gehe – so Kamieth – an „das Fundament der Industrie in Europa.“
Ende Oktober hatte sich auch Evonik-Chef Christian Kullmann in den tagesthemen ähnlich geäußert. Konkurrenten in den USA und China würden mit der CO2-Gebühr nicht belastet. Das koste Arbeitsplätze hierzulande. Firmen bräuchten keine neuen Abgaben, sondern Geld für Innovationen und Investitionen, damit es weniger Emissionen gebe. Die CO2-Gebühr bezeichnete Kullmann als „Bleiweste“ für die Unternehmen.
Große Zukunftsängste
In den vergangenen zwei Jahrzenten hatte es bei Gechem in der Pfalz bei Wirtschaftseinbrüchen etwa durch die Finanzkrise oder den Ukraine-Krieg keine Entlassungen gegeben. „Ob ich das auch künftig nicht machen muss, ist inzwischen fraglich. Früher waren es temporäre Krisen. Jetzt sind wir in einem Umfeld, das uns produktives Arbeiten dauerhaft immer weiter erschwert“, sagt Nighswonger.
Die Politik reagiere weiter nicht auf die wachsenden Probleme. Die Geschäftsführerin stellt Grundsatzfragen: „Will Deutschland eine Industrienation bleiben? Das muss die Regierung beantworten. Ändert sich nichts, dann wird das Geschäft außerhalb Europas stattfinden.“
Source: tagesschau.de