Den Release des neuen Albums auf den eigenen Geburtstag zu legen, mag für ausgesprochenen Narzissmus stehen, deutet im Falle des amerikanischen Künstlers Jack Harlow, der jüngst 28 wurde, aber auch einen biographischen wie künstlerischen Bruch an. Auf diesem vierten Album „Monica“, das drei Jahre nach seinem in den USA erfolgreichen „Jackman“ erscheint, hat sich der Rapper so neu erfunden, dass sich die Frage stellt, ob das überhaupt noch Rap ist, was man hier in neun Songs zu hören bekommt.
Die Kulisse des „Electric Lady Studios“, das einst von Jimi Hendrix gegründet wurde und in dem sich Harlow für sein Album einrichtete, hat ihre Wirkung nicht verfehlt: der neue Sound erinnert – im Guten wie im Schlechten – an die Hintergrundmusik einer New Yorker Jazz-Bar. Ein bemerkenswerter geographischer Wandel, wurde Harlow doch in den späten 2010ern in der Szene als Mittelschichts-Rapper aus Kentucky entdeckt. Als weißes Südstaaten-Kid sollte er aber weder durch die immer etwas komische Anbiederung an die schwarze Hip-Hop-Kultur noch durch einen Rückbezug auf die aus Pennsylvania und Missouri stammenden weißen „Vorbilder“ Mac Miller oder Eminem bekannt werden.
Einst ein Junge aus Kentucky
Mit minimalistischen Beats, Piano Loops und rollenden Hi-Hats sowie einem melodischen Verständnis und unanfechtbarem Selbstbewusstsein ähnelte Harlow eher dem kanadischen Rap-Superstar Drake. Abseits stilistischer Eigenarten pflegte er von Beginn an einen gesunden Lokalpatriotismus, der für Rap nicht untypisch, aber im Falle der mit dem Selbstvertrauen ringenden Südstaaten durchaus zu erwähnen ist. Wenn es auf „Sundown“ heißt, er sei ein „Kentucky-Boy bis zum Tod“ oder er auf „Cody Banks“ erklärt, er habe ein „chick“ aus dem Nachbar-Bundesstaat Indiana, aber er „gehe niemals rüber“, war das Bekenntnis zur Heimat auch musikalisches Programm.
Zum „hometown hero“ hatte sich Harlow konsequenterweise schon auf seinem zweiten Album 2020 gekrönt, aber auch im jugendlichen Wahnsinn angefügt: „die Stadt gehört mir – I need a new challenge“. Lyrics, die retrospektiv seine Veränderung schon vorwegnahmen, denn schrittweise hatte er sich von seinem ursprünglich ausschließlich hip-hop-lastigen Sound entfernt, immer melodischere und tiefgründigere Songs gemacht, die auf den letzten zwei Alben nicht nur eine Randnotiz blieben. Kurzum, „Monica“ ist die ungewöhnlich radikale Manifestierung einer langfristigen Entwicklung, der Harlow nun ein 28 Minuten kurzes Album widmet.
Vom Entertainer zum Künstler
Der Szeneriewechsel von Louisville nach New York ist für den Hörer dabei eine größere Herausforderung als für den Künstler. Die stärker in sich gekehrten Aufnahmen sind tauglich für eine Jazz-Bar oder als R&B-Sounds für einen Abend mit Vinylplatten und Old-Fashioneds, fallen damit aber aus den üblichen Playlists, in denen sich seine Hits sammelten, heraus. Und dass der gleiche Harlow, der in den letzten Jahren rap-typisch über Frauenkörper alles Mögliche von sich gab, plötzlich das „Geländer“ sein möchte, „an das du deine Hände legst“, ist zum Schmunzeln. Der leicht performative Übergang zum Erwachsensein (mit 28!) ist, gerade in diesem Distinktionsbewusstsein, ebenso reif wie peinlich.
Dennoch, ein Album vorzulegen, das so außerhalb des davor bespielten und weiterhin nachgefragten Kanons steht, ist mutig – und als Stilbruch auch gelungen. Harlow selbst hatte zuletzt betont, dass er eine Entscheidung zwischen „Entertainer“ und „Künstler“ treffen wollte – und er in erster Linie nun mal Künstler sei. Mit seinem fehlenden „Willen zur Macht“ ist Harlow damit nicht nur eine Antithese zur Rap-Szene, sondern eine (unbewusste?) Verkörperung amerikanischer Gesellschaftskritik. Langsame Musik für wohlhabende Jazz-Enthusiasten zu machen, mag ein Verrat an der Heimat sein, aber widersetzt sich angenehmerweise dem allgemeinen Trend zur Radikalisierung und Zuspitzung.
Glaubwürdig wäre es ohnehin nicht mehr, wenn der gealterte Harlow so tun würde, weiterhin der Junge aus Kentucky zu sein. Warum das schief geht, beweist der amerikanische Vizepräsident täglich. In seinem Klassiker „Hillbilly-Elegie“ hatte JD Vance einst seine Entfremdung von der südstaatlichen Heimat dokumentiert, nur um sie in seinem MAGA-Revival wieder als Persiflage aufleben zu lassen. Chamäleonhaft gibt sich der Ziehsohn der Tech-Milliardäre damit auch noch als selbsternannter Vertreter der weißen Arbeiterschicht. Auch Harlow könnte so Karriere machen, aber er braucht es nicht. Ruhe, Reflexivität und Reife: Vielleicht brauchen aber die Vereinigten Staaten den neuen Harlow?
Source: faz.net