Ich bin ein großer Fan von Joko und Klaas. Und ich denke, als Engländerin und Comedy-Expertin, dass sie die lustigsten Deutschen sind. Ich mag sie, ich gucke sie oft, ich finde sie einfach gut. Aber lange Zeit war ich sauer auf sie wegen eines TV-Streichs, den sie im Oktober 2012 zeigten.
„Der war das auch so unangenehm, die stand wirklich da und hat sich so entwürdigt gefühlt“, sagt Klaas Heufer-Umlauf über die Frau, eine Messehostesse, die in diesem Prank Opfer von Joko und Klaas wurde. Eine wichtige Frage für mich ist: Opfer wovon eigentlich? War das, was passierte, eine Mutprobe, in der Joko eine Messehostess unaufgefordert am Körper anfasste, ein harmloser TV-Streich?
So wie wir ihn im Unterhaltungsfernsehen jahrelang gewohnt waren? Oder war es etwas anderes: War das, was dort passierte, etwas, das wir heute als sexualisierte Gewalt bezeichnen würden? Oder etwas, das wir immer schon als sexualisierte Gewalt hätten bezeichnen sollen?
Es waren nicht nur Joko und Klaas
Klaas selbst scheint es als sexuelle Gewalt angesehen zu haben. Zur Betroffenen sagte er: „Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird sie schön heulen unter der Dusche. Sie steht jetzt sechs Stunden unter der Dusche.“ Das ist kein Satz über einen gelungenen Prank – denn selbst bei den entwürdigendsten Aprilscherzen, wo man vielleicht Eier auf dem Kopf bekommt oder eine Sahnetorte ins Gesicht, braucht man danach keine sechs Stunden in der Dusche. Die Menschen, die viel duschen, nachdem etwas Unangenehmes oder Entwürdigendes geschehen ist, wollen ihr Trauma abwaschen. Sich reinigen sozusagen.
Vielleicht wussten die Beteiligten damals sehr genau, dass hier eine Grenze überschritten wurde, auch wenn sie diese Grenze noch nicht so benannt haben, wie wir es heute tun würden. Es waren nicht nur Joko und Klaas, die an diesem Streich beteiligt waren. Ich bin, wie gesagt, eigentlich ein großer Fan, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich alles alleine schreiben und ausdenken und produzieren.
Es ist leicht, zu denken: Ah, der Typ war immer schon krank
Es gab 2012, als sie diese Sendung produzierten, Produzenten und Produzentinnen, Mitarbeiterinnen, Autoren, die mitgeholfen haben, und offensichtlich hatte niemand ein schlechtes Gefühl dabei. Nicht eine einzige Person hielt es für problematisch, dass hier schwer zu unterscheiden war zwischen Gewalt und Streich.
2013 produzierte Christian Ulmen, der deutsche Comedian und Schauspieler, der gerade in Deutschland sehr berühmt ist, weil er von seiner Ex-Frau Collien Fernandes wegen digitaler Gewalt und Stalking angezeigt worden ist, die trashige TV-Serie Who wants to fuck My girlfriend?.
Und wenn man diese Sendung anschaut, ist es leicht, zu denken: Oh, aha, der Typ war schon immer krank, er hat nie Frauen respektiert, er sah Frauen nie als Menschen. Offiziell als Parodie verkauft und von einer Kunstfigur moderiert, sollte die Sendung grundsätzlich billige TV-Formate wie Der Bachelor parodieren, vielleicht sogar satirisieren.
Aber obwohl der offizielle Spruch sagt, dass Satire alles darf, ist es schwer zu verstehen, was daran Parodie oder Satire sein soll. Genau wie bei Scream und Scary Movie oder James Bond und Austin Powers reproduzierte die satirische Sendung das Harmvolle an dem, was sie parodiert, nur überspitzt, und fordert die Zuschauer oder Zuschauerinnen nicht zum Nachdenken heraus.
Es war das Trashige, das Peinliche dieser erfolgreichen Sendungen
Denn es war das Trashige, das Peinliche an solchen Sendungen, das Ulmens Satire angriff, und nicht die Gewalt, das Gewalttätige, das Ausbeuterische, das tatsächlich Problematische. Ich gucke zurück auf diese Zeit von 2012 oder 2013 und frage mich, ob man Fernsehen aus dieser Zeit mit den moralischen Maßstäben von heute beurteilen darf.
Ich war nie in Comedy-Sendungen involviert, aber oft bei Poetry Slams, ich schrieb auch Texte, die satirisch sein sollten. Und ich sage jetzt ganz offen: Es gibt Texte, die ich zu dieser Zeit schrieb, die ich heute niemals schreiben würde, Poetry-Slam-Texte, für die ich mich richtig schäme, Meinungen sogar, die ich ernsthaft vertrat und die ich heute sehr problematisch finde, manchmal sogar gewalttätig und gefährlich.
Aber ich will nicht Ulmen, Joko und Klaas oder mich selbst beschützen, wenn ich sage, dass die Unterhaltungswelt der frühen 2010er Jahre eine andere war. Formate wie die von Christian Ulmen waren voller Grenzüberschreitung und provozierender Geschmacklosigkeit. Comedy sollte reizen, Dinge zeigen, die „eigentlich nicht gehen“.
Während international Stars wie Russell Brand oder Louis C.K. gefeiert wurden, gab es in kleinen Kellern in Neukölln Stand-up-Comedians, die sich bedenkenlos an Vergewaltigungswitzen abarbeiteten und manchmal sogar traumatisierte Gäste, die bei solchen Witzen getriggert wurden und den Raum verlassen mussten, auf der Bühne verhöhnten.
Wir brauchten erst #metoo, um zu verstehen
Man kann diesen Kontext nicht ignorieren, ich will diesen Kontext nicht ignorieren. Das war der Kontext, das war die Welt. Das war der Brunnen, aus dem wir tranken. Und das war der Pool, in dem wir herumschwammen. Er war vergiftet und das Gift hieß Rape Culture.
Es ist leicht zu sagen, dass wir es damals alle besser hätten wissen sollen, aber wir haben es tatsächlich nicht gewusst, Männer und Frauen, Opfer und Täter. Wir brauchten #MeToo, wir brauchten auch davor den Aufschrei, wir brauchten die Slutwalks, wir brauchten auch die 2020 von Joko und Klaas produzierte Sendung zum Thema sexuelle Gewalt, um die Themen besser zu verstehen, um unsere Grenzen zu erkennen, um unsere Weltsicht zu ändern und Grenzen neu zu ziehen.
War es heuchlerisch von Joko und Klaas, 2020, als die Umwelt eine neuere war, der Umgang mit sexualisierter Gewalt anders und die Atmosphäre im Land sich geändert hatte, eine Sendung zu diesem Thema zu machen? Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich war das heuchlerisch von ihnen. Aber ich glaube, wir brauchen diese Heuchlerei. Wir sollen uns entwickeln, wir sollen uns schämen. Wir sollen Texte und Sendungen, die vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren produziert wurden, schmerzhaft und ja, unangenehm finden.
Wenn wir Thomas-Gottschalk-Sendungen nicht sexistisch fänden, hätte sich die Welt in den letzten Jahrzehnten gar nicht verändert, wir wären paralysiert, unsere Gesellschaft als Ganzes und auch wir als Menschen, wir wären stockstarr. Heuchlerei heißt Fortschritt, Heuchlerei heißt Veränderung, Heuchlerei heißt, dass diese Welt nicht mehr die ist, in der ich wohnen will. Aber es gibt eine andere Art Heuchlerei, und diese ist gefährlicher.
Ulmen-Verteidiger tippen sich die Finger wund mit Kommentaren
Wir sehen genau deswegen so missbilligend auf die Vergangenheit, weil wir uns von der Gegenwart ablenken wollen. Rape Culture war früher schlimm, jetzt ist das Problem gelöst – aber die Frauen, die jetzt Männern etwas vorwerfen, sind alle Lügnerinnen, oder? Muss so sein, denn das Problem ist gelöst worden. Aber es ist 2026 und wir haben jetzt, in diesem Jahr, einen Vergewaltiger im Weißen Haus, Louis C.K. bekommt wieder ein Netflix-Special, Blake Livelys Vorwürfe gegen ihren Kollegen und Regisseur Justin Baldoni dürfen nicht als sexuelle Belästigung gelten, da sie freiberuflich beauftragt worden ist.
Lidl hat immer noch seinen Vergewaltigungswitz-Netflix-Werbespot auf YouTube. Digitale Gewalt und Hass gegen Frauen gibt es jetzt mehr, nicht weniger. Ulmen-Verteidiger tippen sich die Finger wund mit Kommentaren wie „Es ist eine perfide Kampagne!“ und „Deutschland versinkt in Heuchlerei, Doppelmoral und Hysterie.“ Frauen, die Männern etwas vorwerfen, werden jetzt von einer Armee Internet-Hasstrollen zum Schweigen gebracht. Die Fake-Profile, die Christian Ulmen mutmaßlich produziert hatte, waren digitale Gewalt, die echten Profile, die seine Ex-Frau bedrohen, mit Todesdrohungen, Vergewaltigungsdrohungen oder beidem, das ist auch digitale Gewalt.
Als Blake Livelys Instagram mit Pornografie bombardiert wurde, war das digitale Gewalt, als ein Donutladen, an dem sie vorbeiging, wegen Bombendrohungen schließen musste, war das digitale und reale Gewalt. Die schlimmste Heuchelei ist es nicht, wenn man vielleicht plump und leidenschaftlich versucht, die Welt der Vergangenheit mit den Augen und Werten von heute zu beurteilen, sondern wenn man von der Realität von heute wegschaut.
Deutschland ist 2026 immer noch ein Täterparadies
Ulmen hat sich, anders als andere, offensichtlich nicht geändert seit 2012 oder 2013. Und viele seiner Verteidiger haben sich doch geändert, indem sie sich radikalisiert haben. Und es ist leicht, auf Thomas Gottschalk in den 90ern oder Sendungen aus den frühen 2010er Jahren zu schauen und Sexismus oder Frauenfeindlichkeit festzustellen, es macht sogar Spaß, es befriedigt, es schockiert manchmal, aber es macht auch Spaß.
Viel schwieriger ist es, auf sich selbst zu schauen, auf sich selbst als Mensch, aber auch auf sich selbst als Gesellschaft. Deutschland 2026: ein Täterparadies, ein Land, eine Gesellschaft, in der Täter beschützt und Opfer verhöhnt werden. Es ist schmerzhaft, tief in das Herz der Gesellschaft zu schauen und dort die Frauenfeindlichkeit, die Gewalt, die Unterdrückung zu erkennen.
Es kostet etwas, wenn wir hineinschauen, statt mit dem Finger nach draußen zu zeigen. Es tut weh, wenn man zugeben muss, dass wir immer noch aus diesem giftigen Brunnen trinken oder vielleicht sogar ertrinken. Wir werden alle eine sehr lange Dusche brauchen, um den Schmutz von rape culture abzuwaschen, viel länger als sechs Stunden.
Aber ich habe Hoffnung, dass wir uns als Menschen und auch als Gesellschaft verbessern können. Ich wünsche Collien und allen Opfern in Deutschland viel Kraft, aber ich wünsche uns allen die Stärke, die wir brauchen, um unsere Gesellschaft weiter zu verändern und unsere Frauen und auch Opfer aller Geschlechter zu beschützen und, ja, sogar zu befreien.