Italiens Fußballkrise: Spiel jener alten Männer

Der Nationalschmerz war immens – über den Albtraum, den Fluch, die Apokalypse oder wie die Metaphern alle lauteten. Er wird stechend wiederkehren, wenn in zwei Monaten der Anstoß-Pfiff ertönt zum Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Amerika. Am 11. Juni stehen sich Mitgastgeber Mexiko und Südafrika gegenüber. Tags darauf kommt es zur Auseinandersetzung des zweiten Gastgeberlandes Kanada mit Bosnien-Hercegovina. Dann wird es besonders schlimm für die Tifosi.

Denn statt der Kicker jenes kleinen Balkanstaats, den es überhaupt erst seit 1992 gibt, könnte und müsste in Toronto doch eigentlich die Squadra Azzurra auf dem Platz stehen. Also der vierfache Weltmeister, Titelträger der WM-Turniere von 1934 und 1938 sowie 1982 und 2006. In der Weltgeschichte des Weltsports Fußball ist nur Brasilien mit fünf Titeln erfolgreicher. Italiens europäischer Erzkonkurrent Deutschland hat es ebenfalls auf vier WM-Siege gebracht.

Aber Italien ist bei der WM eben nicht dabei, zum dritten Mal in Folge. Denn Italien hat am 31. März das europäische Finale um einen der letzten Teilnehmerplätze für die WM-Endrunde verloren, im Elfmeterschießen gegen den Außenseiter Bosnien-Hercegovina. Schon 2018 war Italien in der letzten Qualifikationsrunde an Schweden gescheitert, man hatte bereits damals von einer Apokalypse gesprochen. Der zweite Weltuntergang erfolgte dann 2022, gegen Nordmazedonien, einen noch kleineren Nachfolgestaat des ehemaligen Jugoslawiens. Nach dem dritten Weltensturz lautet der düstere Befund, es könnte 2030 sogar der vierte folgen, wenn sich nichts ändere im italienischen Fußball.

Immerhin ist man sich einig in Italien, wo der Fußball neben dem Katholizismus so etwas wie die zweite Nationalreligion ist, dass sich etwas ändern müsse. Schon nach dem enttäuschenden Verlauf der WM 2010 hatte der italienische Fußballverband Ursachenforschung betrieben und Besserung versprochen. Man beauftragte Roberto Baggio, Spielmacherlegende mit 56 Einsätzen im Nationaltrikot und Vizeweltmeister von 1994, mit der Erstellung eines Berichts zur Lage des nationalen Fußballs.

Wie der italienische Fußball verstaubte

Baggio und seine Mitarbeiter stellten nach einem Jahr Arbeit einen rund 900 Seiten starken Bericht vor, in welchem die systemischen Schwächen des italienischen Fußballbetriebs aufgedeckt und Vorschläge zur umfassenden Modernisierung der Strukturen unterbreitet wurden. Sie hatten sich angeschaut, wie andere europäische Fußballmächte, namentlich Frankreich, Spanien und auch Deutschland, seit etwa der Jahrtausendwende den Spielbetrieb im Vereinsfußball modernisiert sowie vor allem die nationale Talentförderung professionalisiert hatten. Doch Baggios Blaupause zur Modernisierung des italienischen Fußballs landete unbeachtet in einer Schublade des Fußballverbands. Dort verstaubte der Bericht und mit ihm der italienische Fußball.

Die italienischen Spieler während des glücklosen Vorrunden-Spiels gegen Bosnien-HercegovinaAP

Italiens Serie A, die höchste Spielklasse im Profifußball, war in den Neunzigerjahren und bis etwa 2007, als der legendäre AC Mailand das Finale der Champions League gegen den FC Liverpool gewann, die stärkste Liga der Welt. In jener Hochzeit des italienischen Fußballs, gekrönt durch den Sieg Italiens bei der WM 2006 in Deutschland, erreichten italienische Vereine regelmäßig die Halbfinals und Endspiele der europäischen Wettbewerbe. Sie zogen die besten Spieler und Trainer an. Doch dann begann ein Niedergang, der bis heute anhält – im Vereinsfußball wie auch bei der Nationalmannschaft.

Als Kipppunkt kann der monumentale Bestechungsskandal von 2006 gelten, Calciopoli genannt. Vereine mit großer Tradition wie Juventus Turin, AC Mailand, Lazio Rom und AC Florenz hatten geheime Absprachen mit Funktionären des Schiedsrichterverbands getroffen, um Referees mit Sympathien für die eigenen Vereine zu nominieren. Nachdem der Skandal durch das Abhören von Telefongesprächen aufgeflogen war, wurde Juventus der Titel von 2005 aberkannt. Zudem wurde der Klub mit dem Zwangsabstieg in die Serie B, die zweite Profiliga, belegt. Die anderen Klubs, die in den Skandal verwickelt waren, wurden mit Punktabzügen bestraft.

Der Skandal zeigte, worunter der gesamte italienische Fußball litt – und auch die italienische Gesellschaft als Ganzes. Es war der Widerstand eines auf Patronage, Paternalismus und patriarchalen Strukturen beruhenden Systems, das sich hartnäckig dem eisig-frischen Wind der postmodernen Globalisierung widersetzte. Wohlhabende Klubeigner aus dem In- und Ausland konnten keine familienfreundlichen Fußballarenen errichten, weil sich örtliche Bürokraten und Altvordere in den Vereinen widersetzten. Die Fanszene blieb weithin im Griff rechtsradikaler, krimineller und rassistischer Ultras, die bis heute in Kumpanei mit dem organisierten Verbrechen die Geschäfte in den maroden Stadien kontrollieren – vom Ticketvertrieb über den Getränke- und Imbissverkauf bis zur Parkplatzbewirtschaftung.

Rassistische Beschimpfungen zehrten an dem Spieler

Mario Balotelli, 1990 als Sohn ghanaischer Immigranten in Palermo geboren und im Alter von drei Jahren von einer italienische Pflegefamilie in der Lombardei aufgenommen, ist der wohl talentierteste Stürmer Italiens seiner Generation. Sein Potential wusste er, im Verein wie bei der Nationalmannschaft, wegen seiner Undiszipliniertheit viel zu selten auszuschöpfen. Aber auch die fortgesetzten rassistischen Beschimpfungen durch die Ultras gegnerischer Klubs in der Serie A zehrten an dem Spieler, der seine Empfindsamkeit hinter der Fassade des Kraftprotzes zu verbergen suchte. Mario Balotelli, der heute in der zweiten Profiliga der Vereinigten Arabischen Emirate spielt, ist das bis heute nicht eingelöste Versprechen der Integration im italienischen Profifußball.

Mario Balotelli 2010 in RomAFP

Derweil verlottert das nationale System zur Suche und Förderung von jungen Talenten. Die italienischen Profivereine verschliefen außerdem die Entwicklung des Fußballs zum hohen Pressing des Gegners in dessen Hälfte sowie zum schnellen Umschaltspiel beim Konterangriff und verharrten stattdessen im konservativen Defensivspiel des Catenaccio. Gerade in entscheidenden Spielen, in der K.-o.-Phase europäischer Wettbewerbe sowie bei Qualifikationen zur WM, waren die italienischen Klubs und die Nationalmannschaft dem hohen Spieltempo ihrer Gegner immer weniger gewachsen. Die Serie A wurde zu einer Art Seniorenheim für internationale Stars, die im Herbst ihrer Laufbahn bei gemächlichem Tempo nur noch zur letzten Angstblüte kamen.

Aus den Jugendakademien der italienischen Vereine, die jenen in Spanien, Frankreich und Deutschland, sogar denen in Belgien, den Niederlanden und in skandinavischen Staaten hinterherhinkten, mochten zwar immer wieder große Talente kommen. Doch die auf Sicherheit und Ergebnisse bedachten Trainer und Manager gaben den Nachwuchsspielern zu wenig Spielzeit. Bis die „geschonten“ Talente ins Ausland abwanderten, auf dem Altar des taktisch-physischen Drills unterqualifizierter Trainerpriester ihre Kreativität opfern mussten oder abseits des scharfen Wettbewerbs vollends verdorrten.

In dieser risikoaversen und innovationsscheuen Struktur spiegelt sich die Wirklichkeit einer Gesellschaft wider, die immer älter wird, viel zu wenig Kinder hat und von der Substanz des noch immer gloriosen „Made in Italy“ zehrt. Seit gut zweieinhalb Jahrzehnten wächst die Produktivität der italienischen Volkswirtschaft zu langsam. Ungeachtet der Rekordbeschäftigungsquote ist das Wirtschaftswachstum anämisch. Unter der bürokratischen Last, unter hohen Nebenkosten und steigenden Energiepreisen ächzen zumal kleine Unternehmen und Familienbetriebe, die eigentlich fit wären für den internationalen Wettbewerb. Oder der Patron im Betrieb weicht so lange nicht, bis der leistungsbereite und ehrgeizige Nachwuchs abgewandert ist, womöglich ins Ausland.

Es könnte anders gehen, das zeigen die Olympia-Sportler

Dabei kann von einer allgemeinen Krise der Sportnation Italien keine Rede sein. Bei Olympischen Sommer- wie Winterspielen räumten Italiens Athleten zuletzt rekordhohe Zahlen an Medaillen ab. Das Erfolgsgeheimnis dieser „Amateursportler“ ist keines. Sie sind in Wahrheit selbst Profis, die von professionellen Scouts gesichtet, von professionellen Trainern trainiert und von professionellen Therapeuten betreut werden.

Sie beziehen als Staatsbedienstete ein Gehalt und erhalten Sozialleistungen, für Erfolge werden sie zusätzlich hoch prämiert. Bei den jüngsten Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo kamen fast alle Medaillengewinner aus diesen Talentschmieden staatlicher Institutionen: Sie waren Soldaten der Luftwaffe, des Heeres und der Kriegsmarine, sie waren Carabinieri, Beamte der Polizei und sogar der Strafvollzugsbehörden.

Diese „Sportler in Uniform“ sind das Ideal einer rein meritokratischen und auch „farbenblinden“ Gesellschaft. Einer italienischen Gesellschaft, in der allein Talent und Leistung zählen, wo Herkunft, Hautfarbe und auch sexuelle Orientierung keine Rolle spielen und schon gar kein Hindernis sind. Denn auch dies ist heute schon Realität in Italien, nur im Profi-Fußball nicht. Der hinkt hinterher, als zähes Erbteil einer halbfeudalen Standesgesellschaft.

Das muss und wird nicht so bleiben. Sogar in Italiens Fußballverband haben sie den Knall jetzt gehört. Verbandspräsident und Nationaltrainer sind zurückgetreten. 2030 und 2034 gibt es wieder Weltmeisterschaften im Fußball. Dann könnte Italien wieder dabei sein.

Source: faz.net