Italien | Sizilien-Brücke: Milliardenprojekt zwischen Mafia-Verdacht und Meloni-Machtpolitik

Matteo Salvini nennt sie einen Jahrhunderttraum: Die Verbindung über die Straße von Messina soll die längste Hängebrücke der Welt werden. Doch auf Sizilien fragen viele: Profitiert am Ende wieder die Cosa Nostra? Eine Reise nach Palermo


Ist die Mafia besiegt oder macht sie künftig an der Sizilien-Brücke ihren Schnitt?

Foto: Italy Photo Press/Imago Images


Die Brücke, welche Sizilien als größte Insel des Mittelmeers mit dem italienischen Festland verbinden soll, ist laut Verkehrsminister Matteo Salvini „der Traum von Millionen Italienern seit Jahrhunderten“. Die Straße von Messina gilt wegen Erdbebengefahr und extremer Windströmungen als beinahe unüberbrückbar, viele würden die Milliarden lieber in Autobahnen, Bahnstrecken und fließend Wasser auf der Insel investieren.

Der italienische Rechnungshof erhob ebenfalls Einspruch, das rechte Kabinett von Giorgia Meloni legte sich aber fest: Der „Ponte sullo Stretto“ wird gebaut – als längste Hängebrücke der Welt. So fahre ich nach Palermo, um an Gedenkorten der Cosa Nostra zu fragen: Ist die Mafia besiegt oder macht sie künftig an der Sizilien-Brücke ihren Schnitt?

Was sagt Exhäftling „Küsschen–Küsschen“ zur Brücke?

Ein feuriger Befürworter der Brücke ist Totò – Vasa Vasa – Cuffaro. Der Mittsechziger trägt den Beinamen „Küsschen-Küsschen“, weil er nach eigener Zählung mindestens ein Viertel der fünf Millionen starken Inselbevölkerung geküsst hat. Cuffaro war 2001 bis 2008 sizilianischer Regionalpräsident, saß 2011 bis 2015 wegen Unterstützung der Mafia ein, kaperte nach seiner Haftentlassung die Marke der seligen Staatspartei Democrazia Cristiana und errang mit ihr zwei Ministerien im Regionalkabinett. Im November wurde er wieder verhaftet: Er hatte in Safes, in einem Bücherregal, einem Landhaus-Schrank und in den Papieren von Agrarfahrzeugen insgesamt 80.000 Euro in bar versteckt.

Ich wandere zum Pizzo Sella hinauf. Auf dem Steilhang über dem Strandviertel Mondello wurden in den 1980er-Jahren gut 180 Mafia-Villen hochgezogen. Die mehrstöckigen Rohbauten stehen seither leer, das Künstlerkollektiv Fare Ala erklärte sie auf Tripadvisor zum „Pizzo Sella Art Village“.

Die Mafia hat sich gehäutet, und sitzt in der Regierung

Was ich nicht wusste: Etwa 60 der Hangvillen sind legal bewohnt, ein Portierhäuschen und eine Schranke versperren den Zugang zur Serpentinen-Straße, der Portier lässt mich nicht durch. Stattdessen hält mir der Mittsechziger eine einstündige Brandrede: „Ich bin so zornig auf die Mafia!“ Zwar würden in Palermo nicht mehr jeden Morgen Mafia-Tote gemeldet wie in den 1980ern, „aber die Mafia hat sich gehäutet, hat mit Drogen einen Qualitätssprung gemacht, hat Staatsanwälte auf ihre Seite gezogen und sitzt in der Regierung“. – „Auch in der von Meloni?“ – „Come no?“

Der Portier ist gegen die Brücke. Hinter dem Projekt stünde derselbe Planer wie vor 40 Jahren, „er war zwischenzeitlich im Knast“. Der Name ist ihm entfallen.

Warum es eine eigene Kontrollstruktur mit Baustopp-Befugnis braucht

Ich steige in dem Viertel ab, das einst als finster-feuchtes, von verelendeten Sizilianern bewohntes Mafia-Müll-Loch galt. La Kalsa – vor tausend Jahren die Residenz des glorreichen Emirats Balarm – ist heute gentrifiziert. Die Fahnen des Regenbogens und Palästinas hängen so geschwisterlich beieinander wie die Sticker „Proud to be Pride“ und „From the River to the Sea“. Viel Englisch, auch Deutsch und Französisch, dazu im engsten Wortsinn woke Umgangsformen. Die Andächtigkeit im Café, das seine Toilette aus Rücksicht auf transsexuelle Gäste für „gender free“ erklärt, erinnert an Gotteshäuser. Ein paar Graffiti zeigen an, dass die nach Kalsa zugewanderten „Queers for Palestine“ die Brücke ablehnen, das Thema wühlt sie aber bei Weitem nicht so auf wie „Palestina amore mio“.

Zum Glück teile ich mein Hostel-Zimmer mit einem qualifizierten Befürworter der Brücke: Noch ein Totò, noch ein charmant-kommunikativer sizilianischer Mittsechziger, der noch dazu in Totò Cuffaros Regionalregierung gedient hat! Wenn er nicht in Brasilien „mit den Mädels am Strand“ abhängt oder sich mit seinem 20-jährigen brasilianischen Model fetzt, dann schreibt er Bücher.

Belarus ist wie Österreich in den 1960er-Jahren

Im neuesten Buch lobt er zum Erstaunen des regimefeindlichen kasacho-chinesischen Studenten in unserem Hostel das chinesische Modell. Aus seiner Zeit als Handelsdelegierter in Minsk hat er sich auch eine gewisse Anerkennung für das belarussische Modell bewahrt: „Belarus ist wie Österreich in den 1960er-Jahren“, findet er und distanziert sich pflichtschuldig von Cuffaro. „Ich habe seinen Politikstil nie gemocht.“

Doch dann schlägt er verständnisvolle Töne für seinen in Hausarrest befindlichen Namensvetter an. Hinter Cuffaros Verhaftung stehe derselbe „obsessive“ Richter wie seinerzeit. Zudem habe er aus „vertraulicher Quelle“ erfahren: „Die Seriennummern der versteckten Geldscheine sind allesamt alt.“ Das hieße: Totò Cuffaro hätte die Barschaft wohl nicht in letzter Zeit ergaunert.

Unser Totò hat dem „Ponte sullo Stretto“ ein ganzes Buchkapitel gewidmet. Er erkennt die Gefahren von „Wind, Seismik und Mafia-Infiltration“ an, der man eine eigene Kontrollstruktur mit Baustopp-Befugnis entgegenstellen müsse. Seiner „alten und dekadenten Nation, die zu überleben versucht“, schreibt er ins Stammbuch: „Junge und wagemutige Völker wissen, dass man das postmoderne Zeitalter nicht erreichen kann, ohne dass man zuvor Gleise verlegt und Brücken über Meerengen gebaut hat.“

Serie Europa Transit Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa

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