Israels Wirtschaft: „Junge, gut ausgebildete Menschen verlassen Israel“

Herr Yashiv, vor wenigen Tagen sahen wir in Israel jubelnde Menschen auf den Straßen, weil die Geiseln freigelassen wurden und die Waffen schwiegen. Gibt es jetzt – trotz der aufflammenden Gewalt – auch in der israelischen Wirtschaft Jubelstimmung?

Es ist viel zu früh für Jubel. Ich bin skeptisch, dass dieser Friedensplan ordnungsgemäß umgesetzt wird. Und selbst im eher unwahrscheinlichen Fall, dass er gelingt, wird es viel Zeit brauchen, bis alle negativen Entwicklungen in der Wirtschaft wieder umgekehrt sind. Eines ist klar: Abgesehen von Donald Trump, der in historischen Begriffen von 3000 Jahren spricht, glaubt niemand, dass dies wirklich ein Ende der Konfliktsituation ist.

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für Israel ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent in diesem Jahr und 3,9 Prozent im nächsten Jahr. Hat das Land die zwei Jahre des Krieges in Gaza wirtschaftlich nicht überraschend gut überstanden?

Dies ist eine niedrigere Prognose als die rund drei Prozent, die für den Großteil dieses Jahres signalisiert wurde, und ich fürchte, dass selbst sie sich als zu optimistisch erweisen könnte. Die Wirtschaftsleistung des Unternehmenssektors wuchs real in den Jahren 2023 und 2024 kumuliert nur um 0,2 Prozent — nach 7,4 Prozent im Jahr 2022. Das Land hat ein längst bekanntes und ein neues demographisches Problem.

Demographische Trends belasten die Wirtschaft. Die Ultraorthodoxen machen bereits mindestens 14 Prozent der Bevölkerung aus. Zudem stellen israelische Araber — also Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft — weitere 21 Prozent. Beide Gruppen arbeiten aus unterschiedlichen Gründen überwiegend in Bereichen mit niedriger Produktivität und sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts werden sie zusammen voraussichtlich mehr als 40 Prozent ausmachen. Wachstum hängt daher vom Hightech-Sektor ab — und das ist gefährlich.

Eran Yashiv, ist Makroökonom der Tel Aviv University und Mitglied des Centre for Macro­economics der London School of Economics.privat

Inwiefern?

Weil dieser Sektor nun durch Auswanderung ernsthaft geschwächt wird. Das ist das andere Problem. Von Anfang 2023 bis Ende 2025 werden etwa 150.000 Menschen mehr das Land verlassen haben, als nach Israel gekommen sind. Es handelt sich dabei vor allem um junge, gut ausgebildete Menschen. Für eine Wirtschaft von der Größe Israels ist das eine erhebliche Zahl — und der Trend verstärkt sich. Diese Menschen gehen nicht mehr nur nach Amerika, sondern auch nach Griechenland, Portugal oder Zypern. Sie arbeiten meist remote über Zoom. Dies ist ein gradueller Prozess, dessen volle Auswirkungen wir erst in einigen Jahren spüren werden.

Sie warnen seit einiger Zeit auch eindringlich vor einem „demokratischen Rückschritt“ unter Netanjahu. Was meinen Sie damit genau?

Die Regierung, die Ende 2022 an die Macht kam und von den Ultraorthodoxen und der extremen Rechten abhängig ist, begann sofort, die Demokratie abzubauen. Sie lenkte öffentliche Gelder zu unproduktiven Zwecken für ihr Kernelektorat um und versuchte, den Obersten Gerichtshof — die wichtigste Kontrolle gegen Fehlverhalten der Regierung — zu schwächen. Der Generalstaatsanwalt steht ebenfalls unter Druck. Massenproteste haben diese Politik verzögert, aber nicht gestoppt. Unter dem Deckmantel des Krieges hat sich dieser Rückschritt verschlimmert.

Hat das konkrete wirtschaftliche Folgen?

Absolut. Die Gesamtinvestitionen sind innerhalb von zwei Jahren um 17 Prozent gefallen. Auch die Auslandsinvestitionen im Hightech-Sektor sind eingebrochen. Investoren mögen keine Unsicherheit. Sie sehen ein Land, dessen Rechtsstaatlichkeit ausgehöhlt wird und das international zunehmend isoliert ist. Die Folge: Start-ups werden nicht mehr in Israel gegründet, sondern in den Vereinigten Staaten. Sie werden dort registriert, selbst wenn die Gründer physisch noch in Israel sind. Das heißt: Das Unternehmen ist nicht mehr ein israelisches Unternehmen und zahlt seine Steuern in den USA, nicht in Israel.

Während der Privatsektor schwächer wird, investiert Israel in die Verteidigung — zuletzt umgerechnet mindestens 45 Milliarden Dollar im Jahr. Droht eine Schuldenkrise?

Das Haushaltsdefizit steigt in diesem Jahr auf etwa fünf Prozent des BIP. Die Schuldenquote wird perspektivisch von niedrigen 60 Prozent der Wirtschaftsleistung in Richtung 70 Prozent steigen. Das ist noch nicht alarmierend. Aber die Kriegskosten sind enorm; die Militärausgaben haben sich verdreifacht. Die Ratingagenturen haben Israel bereits herabgestuft; weitere Herabstufungen könnten folgen. Die Finanzierungskosten steigen. Das Problem ist weniger das absolute Schuldenniveau als der Trend: rückläufige Investitionen, langsameres Wachstum, weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte.

Sie beklagen, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ein Eigeninteresse an einem „ewigen Krieg“ hat, um an der Macht zu bleiben und Strafverfolgung zu entgehen. Wie sehr schadet diese politische Dynamik der Wirtschaft?

Sehr; in meinen Augen ist das ein wichtiger Faktor. Netanjahu und die extreme Rechte in seiner Regierung haben ein Interesse daran, den Konflikt am Leben zu halten. Für sie ist es ein goldener Moment, ihre Vision von Israel voranzutreiben. Die Wirtschaft ist zweitrangig. Aber ich gebe zu: Trump hat Netanjahus Lage erschwert. Er kann nicht einfach morgen sagen: „Vergesst den Trump-Plan.“ Trump hält viele Trümpfe — militärische Hilfe, wirtschaftliche Unterstützung. Aber ich bleibe skeptisch, dass Netanjahu seine Politik wirklich ändern wird.

Wie wichtig ist die Europäische Union für Israel wirtschaftlich?

Sehr wichtig. Europa unterschätzt seinen Einfluss in Israel. Europa ist Israels wichtigster Handelspartner, mit 45 Prozent der Importe und 38 Prozent der Exporte. Als Bundeskanzler Friedrich Merz die Lieferung von Panzerausrüstung stoppte, war das einerseits ein starkes Symbol und andererseits hatte es direkte militärische Auswirkungen. Wenn die EU oder einzelne Mitgliedstaaten ernsthafte Sanktionen verhängen würden, wäre das ein schwerer Schlag.

Aus wirtschaftlicher Perspektive: Was ist Ihre Empfehlung an die israelische Regierung?

Sie sollte auf jeden Fall am Trump-Plan festhalten — ich würde ihn eher Kushner-Blair-Plan nennen. Nur so kann das Vertrauen ausländischer Investoren wiederhergestellt und der Abfluss von Menschen gestoppt werden. Aber es wird sehr lange dauern, all dies zu reparieren.

Lassen Sie uns kurz über Gaza sprechen. Ist es jetzt schon die Zeit, über den Wiederaufbau zu sprechen?

Ja, denn es ist ein sehr langer und kostspieliger Prozess. Die UN beziffert den Gesamtbedarf auf 70 Milliarden Dollar. Gaza ist fast vollständig zerstört; die Menschen leben in Zelten.

Deutschland will 200 Millionen Euro Nothilfe bereitstellen. Ist das eine gute Idee, oder besteht die Gefahr, dass das Geld in die falschen Hände gerät?

Ich halte das für richtig, auch wenn es im Moment noch Chaos gibt. Kurzfristig kann das Chaos dazu führen, dass das Geld nicht gut eingesetzt wird. Aber man sollte hoffen, dass es mittelfristig bei geschwächter Hamas und mit der Planumsetzung produktiv wirken wird. Perspektivisch ist es wichtig, dass die Hilfe nicht in erster Linie Budgethilfe ist, sondern direkte Investitionen. Deutschland hat viele starke Unternehmen und viel Expertise, die eine große Rolle beim Aufbau von Energienetzen, Straßen und Infrastruktur spielen kann.

Trump sprach von einer „neuen Riviera“ in Gaza. Ist das zynisch oder eine hilfreiche Vision?

Im Februar meinte er einen katastrophalen Plan, der dem Völkerrecht zuwiderlief und die Menschenrechte verletzt hätte, denn die Palästinenser sollten aus dem Land entfernt werden. Jetzt klingt das alles etwas vertretbarer; es geht um Wiederaufbau und wirtschaftliche Interessen — nicht zuletzt um Trumps eigene in der Region. Gaza hat eine touristisch interessante Küste, viele junge Menschen und Potential. Aber nach zwei Jahren der Zerstörung wird der Wiederaufbau lange dauern. Und er setzt voraus, dass die politischen und Sicherheitsfragen geklärt sind. Wer regiert Gaza? Wie wird die Hamas entwaffnet? Solange diese Fragen ungelöst bleiben, sind alle Wiederaufbaupläne völlig unrealistisch.

Zur Person

Eran Yashiv ist Makroökonom der Tel Aviv University und Mitglied des Centre for Macro­economics der London School of Economics. Sein Forschungsschwerpunkt ist der Arbeitsmarkt, er beschäftigt sich aber auch mit Migration, dem Gesundheitswesen und anderen wichtigen Themen. Yashiv hat zahlreiche Forschungsarbeiten in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht wie auch im   „American Economic Review“.

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