Israel/Westbank | Strafaktion jener israelischen Armee im Westjordanland: Blendgranaten hinauf dem Campus

Hamsa ist an diesem Tag in ihrem Laboratorium, als sie Schüsse hört. Die junge Chemikerin der Birzeit-Universität nördlich von Ramallah weiß sofort, dass die israelische Armee auf dem Gelände ist. Sie hat sich nicht getäuscht, mehrere Fahrzeuge, flankiert von Soldaten in Kampfanzügen, bewegen sich langsam vorwärts.

Der Grund dieses Einsatzes ist ein Meeting vor dem Gebäude der Kunstfakultät, bei dem es um palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen geht. Darunter sind Studenten dieser Universität, die in Administrativhaft genommen wurden, bei der den Gefangenen weder der genaue Grund ihrer Festnahme mitgeteilt noch ein Rechtsbeistand gewährt wird.

Die Familien erfahren oft über einen langen Zeitraum nicht das Geringste darüber, wo sich Töchter oder Söhne befinden und was ihnen vorgeworfen wird. Administrativhaft kann für sechs Monate verhängt, aber beliebig verlängert werden. Das liegt ganz im Ermessen der Besatzungsmacht. Gegen diese Praktiken verwahren sich nicht nur israelische Menschenrechtsorganisationen, sie stoßen seit Jahrzehnten zugleich auf internationale Kritik, ohne dass die viel bewirkt.

Hamsa kann nicht nach Hause

Nach der Protestkundgebung in der Birzeit-Universität soll eigentlich ein Film gezeigt werden, doch verhindern das die Israelis durch ihr gewaltsames Eindringen. Tränengas treibt die Versammelten auseinander. Auf drei Videos, die später im Netz verbreitet werden, sieht man junge Männer und Frauen in verschiedene Richtungen flüchten. Sie springen über Mauern, um sich in Sicherheit zu bringen, und werden von Soldaten verfolgt. In ihrer Nähe explodieren Tränengaspatronen und Blendgranaten mit grellen Lichtblitzen, um den Flüchtenden die Orientierung zu nehmen.

In einem anschließend verbreiteten Statement der Hochschule heißt es, dass derartige Repressionen weder den Willen der Studenten noch den des wissenschaftlichen Personals brechen würden. Niemand lasse sich davon abhalten, seine akademische Arbeit fortzusetzen. Eine Erklärung, bei der manche Sätze wie Durchhalteparolen klingen.

Nicht nur Übergriffe wie diese haben im Westjordanland zugenommen, auch wächst die Zahl der Checkpoints, die einen unmittelbaren Zugang zur Universität erschweren, sie liegt inzwischen, bezogen auf das gesamte Westjordanland, bei mehr als 100. Palästinensische Studenten werden von jungen Israelis in Uniform wie Feinde behandelt, denen alles zuzutrauen ist.

Auch wenn Asem Khalil, Vizepräsident der Universität, versucht, mit den eingedrungenen Soldaten zu verhandeln, hat er keinerlei Macht, irgendjemanden auf dem Campus zu schützen, und wird kurzzeitig sogar festgenommen. Dieses Vorgehen ist ein Zeichen dafür, dass die Autonomiebehörde in Gebieten, die nach den Oslo-Verträgen unter ihrer Kontrolle stehen sollten, nichts mehr zu sagen hat.

Bildungsinstitut mit eigener Kunst-Galerie

Was vor über einem Jahrhundert im Haus der Familie Nasir in Birzeit als kleine Mädchenschule begann, wurde mit den 1970er Jahren zu einer renommierten Lehranstalt, die das gesellschaftliche Bewusstsein wie den Bildungsstandard in der Westbank maßgeblich prägte. Im weltweiten Ranking rangiert die Universität unter den besten drei Prozent vergleichbarer Institute.

Von neun Fakultäten werden Studiengänge in Informationstechnologie, Ingenieur- und Naturwissenschaften, Sozialpolitik, Recht, Pharmazie und Medizin, Wirtschaft und Management angeboten. Mehr als 15.000 Studenten, davon 60 Prozent Studentinnen, sind für die Bachelor-, Master- und PhD-Programme eingeschrieben. Birzeit ist eines der wenigen Bildungsinstitute im arabischen Raum, in denen eine eigene Galerie stetig wechselnde Ausstellungen renommierter Künstlerinnen und Künstler zeigt.

Während der Zweiten Intifada (2000–2005) blockierten israelische Streitkräfte Straßen zur Birzeit-Universität, um Lehrer und Studenten daran zu hindern, den Campus zu betreten. Die Universität reagierte mit öffentlichem Protest und Vorlesungen in der Nähe von Checkpoints. Aus dieser Zeit stammt das Plakat „Students under occupation – take a stand“ (Studenten unter Besatzung – bezieht Stellung!). Zu sehen ist ein Student, der einen Panzer zur Seite schiebt, dazu NATO-Stacheldraht, der in der Westbank allgegenwärtig ist.

Hamsa erzählt, dass sie am Tag des Überfalls seit dem Morgen an einer Versuchsreihe arbeitete, die gegen 15 Uhr beendet sein sollte. Sie habe sich bemüht, trotz der Sorge, die Soldaten könnten ihr Gebäude stürmen, weiterzumachen und sich von den Abschüssen der Tränengasgranaten wie den Schreien der Flüchtenden nicht allzu sehr ablenken zu lassen. „Bei einem Abbruch des Versuchs hätte am nächsten Tag alles wieder von vorn beginnen müssen.“

Verletzte bei Razzia auf dem Universitätsgelände

Dazu notwendige Substanzen kämen aus dem Ausland und lägen oft Wochen beim israelischen Zoll. Für sie eröffne die akademische Ausbildung an dieser Universität die Aussicht auf einen Arbeitsplatz in der Westbank oder sogar auf eine Arbeit im Ausland, sagt Hamsa. „Das macht diese Hochschule für mich so wichtig.“

Am frühen Nachmittag ziehen sich die Verbände der Besatzungsarmee vom Universitätsgelände zurück. Wenig später kann die junge Chemikerin Hamsa ihre Versuche beenden. Sie bleibt noch im Labor, denn der Heimweg zu ihrer Wohnung in Ramallah ist unsicher. Das weiß sie von Whatsapp-Nachrichten, mit denen sich die Studenten gegenseitig warnen, auch sind die Sirenen von Krankenwagen zu hören.

Die israelische Armee verlautbart: An diesem Tag sei gegen Unruhen mit „gezieltem Feuer gegen die Haupttäter“ vorgegangen worden. Etwa 40 Verletzte – drei Studenten müssen mit Schusswunden in den Beinen behandelt werden – sind das Ergebnis. Bei einer ähnlichen Razzia im September wurde auf dem Universitätsgelände ein Flugblatt mit der Warnung hinterlassen, studentische Aktivitäten seien Akte des Terrorismus.

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