Für diesen Montag war eigentlich eine weitere Runde in den Gesprächen über das iranische Atomprogramm angesetzt. In Wien sollte die dort ansässige Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in die indirekten Verhandlungen zwischen den Emissären Washingtons und Teherans einbezogen werden.
Dass daraus nach den Angriffen Israels und der USA auf Iran noch etwas wird, ist derzeit kaum vorstellbar. Aber wo steht überhaupt das iranische Atomprogramm rund acht Monate nach dem Zwölftagekrieg vom Juni 2025? Der endete schließlich mit der Behauptung von US-Präsident Donald Trump, das Atomprogramm sei „komplett zerstört“.
Vor dem Krieg hatte Iran enorme Kapazitäten zur Anreicherung von Uran aufgebaut. Außerdem hat es große Vorräte an angereichertem Nuklearmaterial angelegt, teilweise hoch angereichert bis an die Schwelle zur Waffenfähigkeit. All das überstieg bei weitem den Bedarf, den Iran für die von ihm behaupteten rein friedlichen Zwecke gehabt hätte.
Was man für eine Atombombe braucht
In Anreicherungsfabriken, die teilweise tief unterirdisch verbunkert waren, drehten sich laut Berichten der IAEA rund 22.000 Gaszentrifugen, um Uran anzureichern. Die Wiener UN-Agentur hatte zwar nur noch eingeschränkten Zutritt zu den Urananlagen und bemängelte die Kooperation des Regimes in Teheran, war aber immer noch in der Lage, einen Überblick über das Atomprogramm in seinen vierteljährlichen Berichten zu geben.
Demnach hatte Iran bis Juni 2025 gut sechs Tonnen niedrig (bis fünf Prozent) angereichertes Uranhexafluorid. Weil die Anreicherung umso schneller geht, je höher der Grad ist, waren besonders die höher angereicherten Bestände besorgniserregend: 184 Kilogramm bis zu 20 Prozent und 440 Kilogramm bis zu 60 Prozent angereichertes Uran.
Für den Bau einer Atombombe benötigt man nach gängigen Berechnungen 90-prozentiges Uran; der Schritt von 60 auf 90 ist technisch klein, zumal Iran ihn möglicherweise auch schon erprobt hatte. Nach Berechnungen von Fachleuten des Washingtoner Instituts für Wissenschaft und internationale Sicherheit (ISIS) hätte Iran mit diesen Vorräten innerhalb weniger Tage genug waffenfähiges Uran für eine Atombombe (25 Kilogramm) produzieren können, innerhalb eines Monats genug für 11 und nach fünf Monaten genug für mehr als 20.
Der tatsächliche Bau von Nuklearwaffen samt Zündungsvorrichtung und Anpassung auf Trägersysteme hätte allerdings deutlich mehr Zeit gebraucht, selbst wenn Iran ungestört daran hätte arbeiten können; nach unterschiedlichen Schätzungen und abhängig vom Trägersystem (etwa: Flugzeug oder Rakete) ein halbes bis zu mehr als einem Jahr.
Wo sind Irans Vorräte?
Durch die Luftschläge Israels und der USA im vergangenen Jahr sind die Anreicherungsfähigkeiten Irans, da stimmen die Einschätzungen von Experten mit den öffentlichen politischen Bewertungen überein, tatsächlich zerstört worden. Das betrifft die montierten Kaskaden von Zentrifugen, die drei wichtigsten Anreicherungsanlagen, wie auch die Fabriken, in denen diese Anreicherungsmaschinen gebaut werden. Weniger klar ist, ob es noch eingemottete, nicht zusammengebaute Zentrifugen gibt. Und zumindest öffentlich völlig unklar ist, was mit den Vorräten geschehen ist.
Das Anreicherungsprogramm ist mithin vorerst beendet. Auch die Kapazitäten Irans, eigenes Uran abzubauen und in „Yellowcake“ umzuwandeln, das Ausgangsprodukt für die Anreicherung, wurden durch Luftschläge mindestens stark eingeschränkt. Nicht zuletzt wurden die Forschungs- und Entwicklungsstandorte zerstört und Experten getötet. Damit dürfte Iran auch einiges an Wissen und Kompetenz verlorengegangen sein.
Gänzlich verloren haben dürfte Iran damit aber dennoch nicht die Fähigkeit, Nuklearwaffen zu bauen. Das hängt mit den Vorräten zusammen, besonders an hoch und sehr hoch angereichertem Uran. Iran könnte sie verwenden, falls seine Techniker wieder Zugang zu den zerbombten Anlagen in Fordo, Natans und Isfahan haben. Oder, falls es ihnen gelungen ist, etwas davon vor den Luftschlägen aus seinen Anlagen zu bringen und an anderen Standorten zu lagern; Satellitenbilder aus offenen Quellen lassen dies zumindest möglich erscheinen.
In einem ISIS-Bericht von Mitte Februar werden die mutmaßlichen Vorräte mit finanziellen Rücklagen verglichen: „Diese Vorräte sind wie Geld auf der Bank, sie können in relativ wenigen Zentrifugen zu waffenfähigem Uran umgewandelt werden.“
Die Gespräche in Genf
Seit dem Krieg im Juni sind die IAEA-Inspekteure zwar zurückgekehrt. Sie erhielten aber nur Zutritt zu Anlagen, die von den militärischen Angriffen nicht betroffen waren. Sie konnten also die wichtigsten Anreicherungsanlagen nicht sehen und damit auch nicht das Ausmaß der Schäden abschätzen. Auch hat Iran der IAEA nicht – wie es als Mitglied verpflichtet wäre – Informationen über den Verbleib des angereicherten Urans vorgelegt.
IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi teilte daher im vergangenen Herbst mit, die Agentur habe „die Kontinuität des Wissens in Bezug auf die zuvor gemeldeten Bestände an Kernmaterial im Iran in den betroffenen Anlagen“ verloren. Der IAEA-Gouverneursrat beschloss daraufhin eine sehr kritische Resolution.
Folglich dürften die Vorräte auch im Mittelpunkt der Gespräche gestanden sein, die unter Vermittlung Omans in den vergangenen Wochen in Genf abgehalten wurden und nach den Ankündigungen kommende Woche in Wien hätten fortgesetzt werden sollen. Nach der bislang letzten Gesprächsrunde am Donnerstag hatte der Vermittler noch von einem „Durchbruch“ gesprochen, während Trump sich „nicht begeistert“ äußerte, ohne ins Detail zu gehen.
Trump sagte: „Ich bin nicht glücklich darüber, dass sie nicht bereit sind, uns zu geben, was wir haben müssen. Wir wollen keine Atomwaffen für den Iran, und sie sagen diese goldenen Worte nicht.“
Hingegen hatte sich Iran nach omanischen Angaben bereiterklärt, auf die Lagerung von angereichertem Uran zu verzichten. „Wenn das eigentliche Ziel ist sicherzustellen, dass der Iran niemals eine Atombombe haben kann, dann glaube ich, dass wir das Problem geknackt haben“, sagte der omanische Außenminister Badr Albusaidi noch am Freitag dem Sender CBS. Auf dieser iranischen Zusage könne aufgebaut werden. „Ich glaube, eine Einigung ist in Sichtweite“, sagte Albusaidi.
Ob das tatsächlich der Fall gewesen wäre, haben die USA und Israel nicht mehr abgewartet.
Source: faz.net