Lavie Tidhar verwebt in „Adama“ Staatsgründungsmythos, Kibbuz-Leben und historische Grauzonen zu einem schonungslosen politischen Roman
Im Kibbuz, in dem Lavie Tidhar aufwuchs, wurde kollektiv gewirtschaftet und eine neue soziale Ordnung etabliert
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In Lavie Tidhars Science-Fiction-Roman Central Station (2016) ist die derzeit diskutierte Zwei-Staaten-Lösung in Israel längst Realität. Die Reste der Grenzbefestigungen zum Westjordanland sind in dieser Geschichte, die einige Jahrhunderte in der Zukunft spielt, nichts weiter als Ruinen in der Wüste. Lavie Tidhars neuer Thriller Adama (Suhrkamp, 425 S., 22 €), der zweite Teil seiner historischen Israel-Trilogie, ist deutlich konfliktreicher. Hatte er in Maror (2024), dem ersten Teil, eine Geschichte Israels anhand der Organisierten Kriminalität erzählt, geht es nun um die Staatsgründung und die Frage, wie sehr dieser historische Vorgang von Gewalt geprägt war.
Erzählt wird das aus der Sicht einiger Kibbuzbewohner im Norden des Landes. Im Zentrum der Erzählung steht die aus Ungarn stammende Zionistin Ruth, deren Angehörige in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. Adama berichtet ebenso von jüdischen Menschen in Deportationslagern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wie von den gefährlichen Schiffspassagen übers Mittelmeer, bei denen nicht wenige ertrinken. Es geht um die Brutalität der englischen Truppen im Mandatsgebiet Palästina, die jeden Widerstand jüdischer Vertriebener im Keim zu ersticken versuchen. Und Adama erzählt ungeschminkt von den Vertreibungen arabischer Bewohner im Zuge des Unabhängigkeitskrieges.
Tidhar geht dorthin, wo es wehtut. Das war schon in Maror so, wo jede Menge antiarabischer Rassismus und rechtsextreme Polizisten vorkommen. In Adama wird unter anderem erzählt, wie das israelische Militär Heroin in die besetzten Gebiete schmuggelt. Wo die Fiktion hier anfängt und die reale Geschichte aufhört, ist unklar. Das Buch erzählt aber auch von der ständigen Angst vor dem Krieg, die die Menschen in Israel die ganze Zeit begleitet. Eindrucksvoll sind die Beschreibungen des kollektiven Lebens im Kibbuz.
Tidhar, der heute in London lebt und seine Literatur hauptsächlich auf Englisch schreibt, ist selbst im Kibbuz aufgewachsen. Das merkt man dem Buch an, in dem es immer wieder auch um Kinderhäuser, den Versuch, klassische familiäre Strukturen aufzulösen, und Coming-of-Age-Geschichten im Kibbuz geht. Für viele Neuankömmlinge, auch für die Hauptfigur Ruth, um die herum Tidhar ein breites Personal auffächert, war Israel vor allem auch ein linkes, emanzipatorisches Projekt.
Im Kibbuz wurde kollektiv gewirtschaftet und eine neue soziale Ordnung etabliert. Tidhar erzählt viel von den Hoffnungen der Gründergeneration, sodass Adama ebenso wie Maror trotz aller kritischen Untertöne auch eine intime Liebeserklärung an seine Heimat ist. Gleichzeitig unterstreicht dieses Buch, dass in Israel viele sehr selbstkritisch mit der eigenen Geschichte umgehen. In Adama, dem hebräischen Wort für „Boden“, sind es vor allem die starken Frauenfiguren, die überleben, viele Männer sterben in jungen Jahren. Das von Tidhar beschriebene Gewaltverhältnis fordert vor allem unter den israelischen Männern hohen Blutzoll, sei es durch den Unabhängigkeitskrieg, Kriminalität oder auch banale Autounfälle.
Die große Geschichte wird auf den Mikrokosmos des Kibbuz heruntergebrochen und dadurch greifbar. Tauchten in Maror Figuren der politischen Zeitgeschichte wie das linke Urgestein Uri Avnery auf, ist das in Adama dünner gesät. Immerhin fiktionalisiert Tidhar den ersten Hollywood-Dreh in einem Kibbuz, als Regisseur Eddie Dmytryk 1953 in Der Gehetzte Kirk Douglas als Helden im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfen ließ. In Adama heißt der Film schlicht Die Geier und läuft als popkultureller Bezugspunkt der eigenen Geschichte und ihrer Mythifizierung jahrelang im Kibbuz-eigenen Fernsehkanal. Golgatha, der abschließende Teil dieser Trilogie, die einen ebenso kritischen wie faszinierenden Blick auf Nahost bietet, ist gerade im englischen Original erschienen.