Die Vereinigten Staaten sind das wichtigste Land der Diaspora. Entsprechend breit ist der jüdische Meinungskorridor in Amerika. Er reicht von „Israel = Apartheid“ bis zur Sorge um kippatragende Kinder in Berlin.
Drei Kreise des Unheils gilt es zu bedenken und zu beschreiben. Erstens das Massaker, das die Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel angerichtet hat – den Schock darüber, dass Juden in ihrem eigenen Land nicht sicher sind, dass die israelische Armee viele Stunden zu spät kam. Zweitens die massive Welle des linken Antisemitismus, die praktisch gleichzeitig mit dem Massaker über Juden hereinbrach – die Erfahrung, dass Juden beinahe ohne Verbündete dastanden. Drittens das Entsetzen über die beinahe komplette Zerstörung des Gazastreifens durch die israelische Armee und die beinahe 80.000 Toten, die der Gaza-Krieg gekostet hat. Als Jude in der amerikanischen Diaspora zu leben, heißt vielleicht, sich in der Schnittmenge jener drei Kreise zu bewegen und keinen Ausweg zu wissen.
Amir Eshel, Professor für vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Stanford, und Thomas Sparr, der lange Jahre Leiter des Jüdischen Verlags unter dem Dach des Hauses Suhrkamp war, haben gemeinsam ein Buch herausgebracht. Es heißt „Being Jewish Today“, versammelt jüdische Stimmen aus dem heutigen Amerika und hat es in sich. Wer über die Situation der Juden im wichtigsten Land der Diaspora – mehr als sieben Millionen Juden leben in den Vereinigten Staaten – nachdenken will, der kommt um Eshels und Sparrs Sammelband nicht herum.
Das Buch hat Grenzen: Es führt beinahe nur Akademiker zusammen, die von europäischen Juden abstammen. Wer sich etwa mit Juden aus dem Iran unterhält, wird ganz andere Antworten erhalten als jene, die in diesen Essays enthalten sind. Außerdem handelt es sich bei dem, was Eshel und Sparr uns hier präsentieren, um ein Gespräch unter Linken: Kein Trump-Unterstützer, kein Apologet der rechten israelischen Regierung kommt zu Wort. Das Meinungsspektrum ist trotzdem weit gefächert. Es reicht von Arnold Eisen, dem ehemaligen Chef des Jewish Theological Seminare in New York, der feststellt, Israel sei für ihn „keine Meinung“, sondern „eine Liebe, eine Leidenschaft, ein kostbarer Teil des Sinns meines Lebens“, bis zu dem Publizisten Peter Beinart, der sich schon lange vor dem 7. Oktober enttäuscht vom Zionismus abgewandt hat.
Tatsächlich beginnt der Sammelband mit drei äußerst israelkritischen Beiträgen. In einem von ihnen spricht der renommierte jüdische Historiker David N. Myers im Zusammenhang mit Israels Vorgehen im Gazastreifen vom „Zerbrechen der Schalen“, also einer Weltkatastrophe, wie sie in der Kabbalah beschrieben wird. Was, so fragen diese Autoren bang, wird aus dem Judentum, wenn es sich zu einer Stammesreligion entwickelt, der palästinensische Zivilisten rundweg egal sind? Peter Beinart nennt Israel – unter Berufung auf Fakten und die jüdische Tradition – einen Apartheidstaat.
An dieser Stelle sei aber gleich eine Zwischenfrage gestattet: Wenn allen Ernstes „Israel = Apartheid“ gelten soll, wer entspricht dann auf der anderen Seite dieser Gleichung dem African National Congress? Ist Marwan Barghouti – ein Palästinenserführer, der wegen fünf Morden an Zivilisten in einem israelischen Gefängnis sitzt – der palästinensische Nelson Mandela? Mandelas Größe bestand darin, dass er nach seinem Sieg auf Rache verzichtete und die weißen Südafrikaner als Mitbürger begrüßte. Was würde wohl nach dem Fall der zionistischen Festung im Nahen Osten geschehen?
Der Historiker Peter N. Gordon verweist in seinem Beitrag mit Recht darauf, dass auch die heftigsten Kritiker Israels sich auf einen wichtigen Teil des jüdischen Erbes berufen können, nämlich das Vorbild der Propheten in der hebräischen Bibel. Und er erklärt, dass der heftige Familienzwist, der zurzeit zwischen amerikanischen Juden tobt, auch ein Konflikt der Generationen ist. Die Älteren haben sich eine traditionelle Anhänglichkeit an Israel bewahrt, während es zur unbequemen Wahrheit gehört, dass auch junge Juden an amerikanischen Unis den 7. Oktober als Befreiungstat gefeiert haben.
Jüdische Amerikaner vs. Cousins in Europa
Vielleicht der aufschlussreichste Essay dieses Bandes stammt indes von der Historikerin Emily J. Levine. Aufschlussreich, weil er markiert, wie unterschiedlich die Diaspora-Erfahrungen amerikanischer und europäischer Juden sind. Levine schildert, wie sie ihren zehnjährigen Sohn in Berlin dazu bringen muss, seine Kippa, die ihn als Juden kenntlich macht, auf dem Weg zur Synagoge in der Oranienburger Straße lieber abzusetzen, und knüpft daran eine lange historische Betrachtung über Assimilation und kulturelle Selbstbehauptung im deutschen Judentum an.
Nirgendwo in diesem Essay kommt der Amerikanerin in den Sinn, dass jüdische Kinder in Deutschland in ihren Schulen und Kindergärten seit Generationen hinter Panzerglas aufgewachsen sind; dass Juden in Deutschland noch nie mit Kippa herumlaufen konnten, ohne angepöbelt zu werden; dass ein linksradikaler Terrorist anno 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus legte, die pünktlich zur Gedenkveranstaltung am 9. November explodieren sollte. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Es zeigt aber, dass jüdische Amerikaner ein ganz anderes Sensorium haben als ihre europäischen Cousins. Sie mussten sich nie fragen: Wie viele Mitglieder meiner Familie könnten noch am Leben sein, wenn Israel nur zehn Jahre früher, also 1938, entstanden wäre?
Zum Abschluss eine historische Betrachtung. Im Oktober 2016 begann die irakische Armee – unterstützt von kurdischen Peschmerga und Kampfverbänden assyrischer Christen – die „Operation Nineveh, wir kommen“. Sie galt der Befreiung der irakischen Stadt Mosul, wo ungefähr eineinhalb Millionen Menschen lebten. Mosul war 2014 von Kämpfern des „Islamischen Staates“ eingenommen worden, die sofort ein Terrorregime errichtet hatten, mit Sklaverei, Vergewaltigungen, öffentlichen Kreuzigungen. Die Befreiung von Mosul sollte fünf Monate dauern. Die islamischen Terroristen verschanzten sich hinter Nonkombattanten.
Mitte Juli 2017 schätzte der kurdische Geheimdienst, dass etwa 40.000 Zivilisten bei der Befreiung von Mosul ums Leben gekommen waren, viele von ihnen deshalb, weil die irakischen Streitkräfte den Westteil der Stadt unbarmherzig bombardierten. Im März 2017 fielen einem einzigen Luftschlag zweihundert Zivilisten zum Opfer. Es kam zu schauerlichsten Kriegsverbrechen: Der irakische Geheimdienst folterte Kinder, um ihnen Informationen über den „Islamischen Staat“ zu entlocken. Zehntausende mussten fliehen. Warum hat kein Mensch je den Irak des Genozids bezichtigt?
Es geht hier nicht um Whataboutism. Es geht um die sehr ernste Frage: Was unterscheidet die „Operation Nineveh, wir kommen“ vom Krieg, den die israelische Armee gegen die Hamas geführt hat? Eine Antwort ist, dass Israel ein jüdischer Staat ist und die israelische Armee dem Prinzip der tohar ha-neschek verpflichtet ist, der Reinheit der Waffe, die nicht vom Blut Unschuldiger beschmutzt werden darf. Schwer zu ertragen, vor allem für Juden, wenn Israel sich vor unseren Augen in einen Staat des Nahen Ostens verwandelt, der kein Licht mehr für die Völker sein will.
Amir Eshel, Thomas Sparr: Being Jewish Today. Jüdische Stimmen aus Amerika. Aus dem Englischen von Ursula Kämen. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 221 Seiten, 22 Euro.
Source: welt.de