Irland wird als erstes Land Künstler*innen ein Grundeinkommen von 325 Euro wöchentlich auszahlen. Ein Pilotprojekt hatte ergeben, dass sich die Millionen, die dafür investiert werden, wieder amortisieren. Die Bewerbungsphase startet ab Mai
Grundeinkommen für die Kunst: „Es ist ein gigantischer Schritt nach vorn, den andere Länder nicht unternehmen“
Foto: Carsten Ruthemann
Irland etabliert gerade ein Programm, das Künstler*innen ein wöchentliches Grundeinkommen sichern soll, um sie unabhängiger von Nebenjobs zu machen und ihre kreative Arbeit zu fördern. Die Initiative „Basic Income for the Arts” (BIA) sieht vor, dass 2.000 Künstler*innen mit Wohnsitz in der Republik Irland jeweils für einen Zeitraum von drei Jahren wöchentlich 325 Euro erhalten.
Kulturminister Patrick O’Donovan sagte bei der Vorstellung des Programms vergangene Woche in Dublin, dass es sich um das weltweit erste seiner Art handele. „Es ist ein gigantischer Schritt nach vorn, den andere Länder nicht unternehmen“, erklärte er.
Das Grundeinkommen soll nur ein Anfang sein
Das Grundeinkommen für die Künste sei „ein Anfang“ und werde hoffentlich ausgeweitet, so O’Donovan. „Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Staates verfügen wir nun dauerhaft über eine Grundsicherung, die wirklich revolutionär ist. Irland wird sich damit in vielerlei Hinsicht von anderen Ländern abheben, was die Wertschätzung von Kultur und Kreativität angeht.“
Das dauerhafte Programm folgt auf ein Pilotprojekt, das von 2022 bis 2025 lief, um Künstler*innen während Lockdowns in der Covid-Pandemie zu helfen. New York und San Francisco hatten ähnliche Pilotprogramme, aber Irland soll es als erstes Land dauerhaft einführen.
Für das Pilotprojekt wurden 2.000 Künstler*innen aus 8.000 Bewerber*innen nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Eine Auswertung ergab, dass die teilnehmenden Künstler*innen weniger von Existenznot und Ängsten betroffen und unabhängiger von Zusatzverdiensten waren.
Die Nettokosten von 72 Millionen Euro holte der Staat wieder herein
Laut einer von der Regierung in Auftrag gegebenen Kosten-Nutzen-Analyse hat das Programm durch höhere Ausgaben im Kunstbereich, Produktivitätssteigerungen und eine geringere Abhängigkeit von anderen Sozialleistungen mehr als seine Nettokosten von 72 Millionen Euro wieder hereingeholt.
Peter Power von der NGO „National Campaign for the Arts“, erklärte, das Grundeinkommen für die Künste sei ein Realitätscheck für das, was passiert, wenn Menschen Stabilität statt Unsicherheit angeboten wird. „Künstler*innen, die an diesem Programm teilnahmen, verwendeten mehr Zeit auf ihre kreative Arbeit und weniger Zeit auf Nebentätigkeiten, die nichts mit ihrer Kunst zu tun hatten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Vielen gelang es dadurch, sich besser allein durch ihre künstlerische Arbeit zu finanzieren“, erklärte er.
Ein lebendigerer Kunstsektor bringe unzählige Vorteile mit sich – mehr wirtschaftliche Aktivität, ein verbessertes psychisches Wohlbefinden, mehr kritisches Denken und Innovation, fügte Power hinzu.
Wer es bekommt, folgt dem Zufallsprinzip
Die Richtlinien zu diesem Programm, dessen Anfangsbudget sich auf 18,27 Millionen Euro beläuft, werden im April veröffentlicht. Die Bewerbungsphase für den Zyklus, der 2026 beginnt, startet im Mai, die Auszahlungen beginnen im September und laufen bis September 2029. Die Bewerber*innen werden wieder nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.
Auch die Soziologin Jenny Dagg von der irischen Maynooth University, die das Programm untersucht hat, bezeichnet es als Gewinn für alle. Sie merkt jedoch an, dass berechtigte Künstler nicht allein von den wöchentlichen Zahlungen leben könnten, die als zusätzliches Einkommen betrachtet werden müssen.
Gemäß den Teilnahmebedingungen können Künstler*innen alle sechs Jahre für drei Jahre Unterstützung erhalten. Wer für den Zyklus 2026-29 ausgewählt wurde, muss den nächsten Zyklus aussetzen, kann sich aber für den darauffolgenden Zyklus erneut bewerben.
Seitens der Künstler*innen wurde das Programm begrüßt, sie weisen jedoch darauf hin, dass die hohen Lebenshaltungskosten und die Wohnungskrise unabhängig davon weiter bestehen. Die Mieten in Dublin haben sich seit 2013 verdoppelt, sodass viele junge Menschen gezwungen sind, bei ihren Eltern wohnen zu bleiben.