Martin Leidenfrost geht in Irland der Frage nach, weshalb Michael O’Flaherty, der heutige Menschenrechtskommissar des Europarates, einst das Priesteramt aufgab. Er stößt auf wenig Gegenliebe
Der Ire Michael O’Flaherty entstammt einer Galwayer Bestatter-Dynastie
Foto: Frederick Florin/gettyimages
Als Michael O’Flaherty (66) 2007 mit den „Yogyakarta Principles“ die Ausweitung von Transgender-Rechten vorantrieb, empfahl ihn das bereits nachdrücklich für sein heutiges Amt als Menschenrechtskommissar des Europarates. In dieser Funktion ficht der unauffällige Ire manchen Strauß besonders mit den britischen Behörden aus. Als das Oberste Gericht urteilte, „Frau“ sei biologisch zu definieren, äußerte O’Flaherty die Sorge, Transsexuelle könnten fortan zu einem öffentlichen Outing gezwungen werden. Und als er im Verbot der Gruppe „Palestine Action“ eine unangemessene Einschränkung der Versammlungsfreiheit sah, griff ihn Innenministerin Shabana Mahmood scharf an.
Ich erfahre, dass diese Schlüsselfigur in mehreren Grundsatzdebatten eigentlich geweihter katholischer Priester ist, und breche deswegen zur irischen Atlantikküste auf, um O’Flahertys Heimatstadt Galway zu besuchen. Über seinen Dienst als Seelsorger in der dortigen Diözese gibt es kaum Informationen, nicht einmal die Zeitspanne steht fest. Von 1987 bis 1992, doch es könnte auch ein kürzerer Zeitraum gewesen sein.
Ich erfahre, dass O’Flaherty einer Galwayer Bestatter-Dynastie entstammt. Sowohl sein Vater Patrick als auch sein Großvater Michael waren Oberbürgermeister von Galway, sein Urgroßvater Patrick begrub an diesem Ort im irischen Unabhängigkeitskrieg einen Nationalhelden, den von britischen Truppen 28-jährig ermordeten Priester Michael Griffin. Die katholische Diözese und das in vierter Generation von seiner Schwester Cathriona geführte Bestattungsunternehmen „O’Flaherty Funeral Directors“ verweigern jegliche Auskunft. Das macht mich misstrauisch.
So wandere ich an einem Novemberabend in die recht zentral gelegene Gasse, in welcher der Menschenrechtskommissar aufgewachsen ist. Der bloß 15 Kilometer lange Corrib wirft sich wellenschlagend wie ein kaukasischer Wildfluss in den Ozean, die Upper Dominick Street ist heute eine Ausgehmeile mit vier oder fünf Abendlokalen, das Taktschlagen des jungen Publikums zur irischen Livemusik in „Monroe’s Tavern“ kündet von aufgefrischter Irishness.
Kaum angekommen, sehe ich schon einen Leichenwagen der O’Flahertys durchfahren: ein schwarzer Mercedes mit großzügig verglastem Fond, in dem erhöht und von goldenem Licht umstrahlt der Sarg dargeboten wird. „A scheene Leich“, würde der Wiener anmerken, nicht zufällig kommt die wienerische Berufsbezeichnung „Pompfüneberer“ von dem „pompe funèbre“.
Ruhm ist inzwischen verblasst
Die Frage, was einen frisch geweihten Priester motiviert, auf eine Karriere als Verteidiger von Menschenrechten umzusatteln, stelle ich im von Sexualverbrechen devastierten Milieu des irischen Katholizismus nicht sonderlich gern. O’Flaherty diente unter dem Galwayer Bischof Eamon Casey, einem kurz darauf wegen einer verheimlichten Vaterschaft verbannten Anhänger der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.
Die Öffentlichkeit erfuhr erst nach seinem Tod 2017, dass Casey offenbar auch Verbrechen an Kindern begangen hatte, darunter die Vergewaltigung der eigenen fünfjährigen Nichte. Aus heutiger Sicht mutet es befremdlich an, dass O’Flaherty seinen Bischof 2011 mit den Worten pries, dieser habe „eine Passion für soziale Gerechtigkeit gezeigt“, wie man sie „noch nie zuvor gesehen“ habe.
Wenn die O’Flahertys so etwas wie die „Kennedys von Galway“ waren, dann ist ihr Ruhm inzwischen verblasst. Auch viele ältere Jahrgänge kennen nur die Bestattungsfirma. Der ergraute Friseur weiß nichts, der reife Postbote kennt nur diesen „Humanisten“, und die weißhaarige Pförtnerin der Jesuiten-Schule bekräftigt ihr „Nie gehört“ mit einem Erröten. Eine betagte Nachbarin erinnert sich, wie Michael als Junge im Kiez rumlief, „aber das ist sooo lange her, blond war er“.
Ich wandere auf der hochfrequentierten Uferpromenade zum Atlantik. Als ich vor dem Pfarrhaus O’Flahertys etwa gleichaltrigen Priester-Kollegen abfange, bekomme ich doch eine Antwort: „Wir beide sind einfach an einem bestimmten Punkt in vollkommen unterschiedliche Richtungen abgebogen.“ Daran sei nichts Schlechtes, O’Flaherty sei ein „erfolgreicher Pfarrer“ gewesen. Und was die Missbrauchsskandale unter Casey angehe, „sind mir keine Implikationen bekannt“.
Sonne, Regen, Sonne, Regen, und schließlich stehe ich, einen Steinwurf von der Upper Dominick entfernt, vor dem beigen, flachen, unauffällig Trost spendenden Neubau von „O’Flaherty Funeral Directors“. Auf dem Parkplatz warten trauernde Angehörige bei laufendem Motor in zwei Kleinwagen. Als O’Flahertys Schwager aus dem Haus läuft, fange ich ihn ab und bekomme noch eine Antwort: „Nun, Michael hat seine Ansichten, daran ist nichts Schlechtes.“ Wenn er jetzt grundsätzliche Menschenrechtsdebatten mit Großbritannien führe, dann „ist das sein Job – und mein Job ist es, mit dem Leichenwagen zu fahren“. Sagt es und geht zu den Trauernden in den Regen.
Serie Europa Transit Regelmäßig berichtet Martin Leidenfrost über nahe und fernab gelegene Orte in Europa