„Irans Sicherheitsapparat funktioniert und ist loyal“

Israel und die USA haben die Iraner aufgefordert, im Laufe des Krieges das Regime zu stürzen. Der renommierte Iran-Experte Meir Litvak erklärt, wie die Chancen stehen – und warum ein ganz anderes Szenario eintreten kann.

Meir Litvak lehrt an der Tel Aviv Universität und leitet dort die Abteilung für Geschichte des Nahen Ostens und Afrikas. Er forscht zum schiitischen Islam und islamistischen Antisemitismus sowie zum Iran. Er ist Autor mehrerer Bücher zu diesen Themen. Das Interview wurde mehrfach durch Luftalarmsirenen unterbrochen.

WELT: Herr Professor Litvak, beginnen wir mit der Frage, die sich derzeit viele stellen: Wie stabil ist das iranische Regime nach den jüngsten Angriffen auf die Führung des Landes?

Meir Litvak: Nach meiner Einschätzung ist das iranische Regime weiterhin relativ stabil. Es war nie ein Ein-Mann-System. Von Anfang an wurde es als Geflecht von Institutionen konzipiert, nicht als Struktur, die von einer einzelnen Person abhängt. In den vergangenen 47 Jahren haben die Machthaber ein dichtes Netz staatlicher Einrichtungen geschaffen, das tief in die Gesellschaft hineinreicht. Diese institutionelle Verankerung verleiht dem Regime sowohl Kontrolle als auch Widerstandskraft. Man erkennt das an der Reaktion auf die jüngsten Erschütterungen. Innerhalb von weniger als 48 Stunden wurde ein Übergangsgremium eingesetzt, das die Geschäfte führen soll, bis ein neuer Oberster Führer bestimmt ist. Als mehrere ranghohe Generäle getötet wurden, waren ihre Nachfolger innerhalb von 24 Stunden benannt. Das zeigt: Die Maschinerie funktioniert. Kurzfristig wirkt das System stabil. Langfristig jedoch steht der Iran vor sehr ernsten Herausforderungen.

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WELT: Viele Beobachter sind dennoch überrascht von dieser Stabilität. Es geht ja nicht um ein oder zwei Zielpersonen, sondern um weite Teile der ersten Führungsgarde. Wie kann das System unter solchen Umständen halten – und warum sind Menschen bereit, diese gefährlichen Positionen zu übernehmen?

Litvak: Das ist erneut die Stärke institutioneller Strukturen in einem großen Land. Der Iran verfügt über einen großen Pool an Personen, die innerhalb dieses Systems sozialisiert wurden und in ihm arbeiten. Auf diesen Pool kann die Führung zurückgreifen, wenn sie Ersatz benötigt. Zudem muss man die Natur der Elite berücksichtigen. Wir sprechen von einer Führungsschicht, die diesem Regime stark verpflichtet ist. Für manche ist diese Loyalität ideologisch begründet. Für andere geht es um materielle Vorteile und Privilegien. Und für viele schlicht um das Fehlen einer Alternative. Diese Elite ist mittlerweile im Nahen Osten weitgehend isoliert. Sie hat nur wenige echte Verbündete und kaum einen Ort, an den sie ausweichen könnte. Ihr Schicksal ist untrennbar mit dem Fortbestand des Systems verbunden. Entweder sie halten es aufrecht – oder sie riskieren, mit ihm unterzugehen. Dieses existenzielle Bewusstsein stärkt derzeit die Stabilität des Regimes.

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WELT: US-Präsident Trump hat öffentlich erklärt, jetzt sei die Zeit für Insider, überzulaufen, wenn sie Straffreiheit wollten – später drohe ihnen nur noch der Tod. Kann solcher Druck das System ins Wanken bringen?

Litvak: Unmöglich ist das nicht. Im Nahen Osten sollte man nie „nie“ sagen. Bislang sehen wir jedoch keine sichtbaren Risse. Es ist durchaus möglich, dass sich das in den kommenden Tagen, Wochen oder Monaten ändert – aber klare Anzeichen dafür gibt es derzeit nicht. Wir haben vergleichbare Beispiele. Israel hat einen Großteil der Führung der Hisbollah ausgeschaltet, dennoch funktioniert die Organisation weiter. Sie ist nicht zerfallen. Ähnliches gilt für die Hamas. Israel hat mindestens vier hochrangige Hamas-Führer getötet. Die Organisation ist schwer angeschlagen, aber nicht verschwunden. Die Lehre daraus ist: Organisationen mit robusten institutionellen Strukturen können selbst schwere Verluste an der Spitze überstehen. Natürlich spielt die psychologische Dimension eine Rolle – die Standhaftigkeit der Führung wie auch der unteren Ränge. Bislang sehen wir weder in der Spitze noch unter einfachen Soldaten Anzeichen eines Zusammenbruchs. Es gibt keine Massenüberläufe.

WELT: Aber es braucht ja auch eine materielle Grundlage: Wie steht es um Geld und Ressourcen? Wie hält sich der Iran unter diesem Druck wirtschaftlich über Wasser?

Litvak: Im Moment verfügt das Regime noch über finanzielle Mittel. Der Iran exportiert weiterhin Öl und unterhält einen staatlichen Zukunftsfonds in Milliardenhöhe, der über Jahre aufgebaut wurde. In den vergangenen Jahren wurden Mittel daraus entnommen, um Haushaltsdefizite zu decken, doch es sind noch Reserven vorhanden. Es gibt allerdings Szenarien, die das Regime massiv unter Druck setzen könnten. Würden iranische Häfen faktisch blockiert und der Ölexport unterbunden, würde die Lage sehr rasch kritisch. Ein historischer Vergleich hilft: 1951 verhängte Großbritannien eine Blockade gegen iranisches Öl. Die damalige Regierung hielt mehrere Monate durch und wurde letztlich nicht durch wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern durch einen Putsch gestürzt. Damals war der Iran innenpolitisch und industriell deutlich schwächer als heute. Das gibt einen Eindruck von der heutigen Durchhaltefähigkeit.

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WELT: Israelische Vertreter sprechen offen davon, das Regime zur Kapitulation zwingen zu wollen. Wie realistisch ist dieses Ziel kurzfristig?

Litvak: Mit Prognosen bin ich äußerst vorsichtig, besonders wenn es um den Iran geht. Eine Kapitulation im Sinne der von Präsident Trump oder Israel formulierten Forderungen käme für das Regime politischem Selbstmord gleich. Es würde das System, wie es besteht, faktisch auflösen. Für viele in der Führung bedeutete das möglicherweise auch Lebensgefahr – ganz sicher aber den Verlust ihrer Privilegien. Deshalb ist die Schwelle für eine Kapitulation sehr hoch. Denkbar wäre sie allenfalls, wenn Teile der Führung zu der Überzeugung gelangen, dass der iranische Staat selbst existenziell bedroht ist – dass das Land verloren ist, wenn man nicht umsteuert. In einem solchen Szenario könnten Teile der Elite die Seiten wechseln, um sowohl den Iran als auch sich selbst zu retten. Derzeit sehen wir keine klaren Hinweise darauf. Doch es gibt immer eine psychologische Unbekannte: Menschen ändern unter Druck ihre Haltung. Entscheidend ist, ob ein möglicher Überläufer allein steht oder Teil einer größeren Gruppe ist. Eine Einzelperson wird diesen Schritt kaum wagen; eine kritische Masse möglicherweise schon. Aber auch das lässt sich nicht präzise vorhersagen.

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WELT: Manche in der US-Regierung hofften, Demonstranten könnten das Regime zu Fall bringen – etwas, wozu keine ausländische Armee bereit oder in der Lage ist. Wie realistisch ist dieses Szenario?

Litvak: Solange aktive Kampfhandlungen andauern, ist die Wahrscheinlichkeit großangelegter Proteste äußerst gering – nahezu null. Unter Kriegsbedingungen würden die Revolutionsgarden und andere Sicherheitskräfte vermutlich noch brutaler reagieren als zuvor. Demonstranten könnten als Verräter oder Kollaborateure gebrandmarkt und ohne Zögern erschossen werden. Nach einem Kriegsende könnte sich das Bild jedoch verändern. Es gibt mindestens zwei mögliche Auslöser für neue Massenproteste. Erstens: Sollte Iran den Konflikt mit Zugeständnissen beenden, die man zuvor stets abgelehnt hatte, könnte das enormen Zorn auslösen. Die Menschen würden fragen: „Warum sind wir in den Krieg gezogen, um am Ende doch das zu akzeptieren, was wir vorher hätten vereinbaren können?“ Zweitens wird sich die ohnehin prekäre wirtschaftliche Lage durch Kriegsschäden und -kosten weiter verschlechtern. Die Proteste im Januar waren maßgeblich durch die katastrophale wirtschaftliche Situation motiviert. Nach dem Krieg dürfte diese noch gravierender sein. In diesem Umfeld steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich Unmut wieder auf der Straße entlädt. Entscheidend wäre dann, ob es Risse im Regime gibt. Werden Soldaten oder hohe Funktionäre sagen „Es reicht“? Verweigern sie den bisherigen Kurs? Das ist die große Unbekannte. Ich würde sagen: Nach dem Krieg ist ein Aufstand möglich – keineswegs sicher, aber möglich. Während des Krieges halte ich ihn für sehr unwahrscheinlich.

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WELT: Wenn Sie es zusammenfassen müssten: Wie sollten wir die Stabilität des Regimes im Moment einschätzen?

Litvak: Kurzfristig ist das Regime strukturell stabil. Es beruht auf Institutionen, nicht nur auf Personen. Es verfügt über Ressourcen. Die Elite ist geschlossen, weil sie keine sichere Alternative sieht. Der Sicherheitsapparat funktioniert und ist loyal, größere Überläufe sind nicht erkennbar. Mittelfristig und langfristig jedoch steht das Regime vor einer gefährlichen Kombination aus möglicher Kriegsmüdigkeit, tiefer Wirtschaftskrise und der Aussicht auf neue Massenproteste. Sollten sich dann Risse innerhalb der Elite oder der Sicherheitskräfte zeigen, könnte sich das Bild rasch verändern. Wir müssen jedoch ehrlich sein: Solche psychologischen und politischen Kipppunkte sind grundsätzlich unvorhersehbar. Nicht einmal die handelnden Akteure wissen mit Sicherheit, wie sie sich in zwei Wochen oder zwei Monaten verhalten werden. Genau diese Unsicherheit macht die Zukunft des Iran so schwer kalkulierbar.

Constantin Schreiber ist Teil des Axel Springer Global Reporters Netzwerk, zu dem neben WELT auch „Bild“, „Business Insider“, „Onet“ und „Politico“ gehören.

Source: welt.de

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