Bente Scheller ist Politikwissenschaftlerin und Nahostexpertin. Die 51-Jährige leitet seit 2019 das Referat Nahost und Nordafrika der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung mit Sitz in Berlin.
DIE ZEIT: Die Hisbollah ist am Sonntag in den Irankrieg eingestiegen und feuerte Raketen auf Israel ab. War der Tod des Machthabers und geistigen Anführers Ali Chamenei eine rote Linie für die islamistische Miliz, die Israel und die USA nun überschritten haben?
Bente Scheller: Die Entscheidung, ob sie einsteigt oder nicht, trifft nicht unbedingt die Hisbollah. Sie ist ein Proxy, ein Stellvertreter der iranischen Revolutionsgarden. Sie funktioniert auf Zuruf, stark vom Iran gesteuert.
ZEIT: Im vergangenen Sommer griffen die USA und Israel iranische Atomanlagen an. Damals hielt die Hisbollah sich raus. Was ist diesmal anders?
Scheller: Das Zögern damals dürfte auch mit der Erfahrung zu tun gehabt haben, wie hart der Libanon im letzten Krieg mit Israel nach dem 7. Oktober 2023 getroffen wurde. Die Hisbollah ist dadurch stark geschwächt, nicht zuletzt nach dem Tod ihres Anführers Hassan Nasrallah. Aber sie ist immer noch das schärfste Schwert des Iran in der Region. Sie sitzt geografisch am nächsten an Israel, ist besser strukturiert als andere Gruppen in der Region wie etwa die Huthi im Jemen, und sie verfügt über eine erhebliche Zahl an Raketen. Es schien deshalb so, als halte sich der Iran dieses Potenzial noch vor, um in einer Situation wie dieser mit Waffen antworten zu können. Der Moment scheint jetzt gekommen.
ZEIT: Während wir sprechen, weiten sich die Angriffe auf den und aus dem Libanon aus. Wie gefährlich ist diese Eskalation?
Scheller: Der Libanon hat ohnehin mit vielen Problemen zu kämpfen: Wirtschaftskrise, Finanzkrise, die Explosion im Hafen, eine politische Krise. Die Sorge in der Regierung, in einen Krieg hineingezogen zu werden, ist deshalb groß. Die Regierung hat ein Statement verbreitet, in dem sie der Hisbollah jegliche militärische Aktivitäten verbietet. So etwas hat es vorher noch nie gegeben, das ist ein deutliches Zeichen. Wie das umgesetzt werden soll, ist jedoch eine andere Frage.
ZEIT: Es ist fraglich, ob das jemanden beeindrucken wird. Ist die Botschaft an die eigene Bevölkerung gerichtet oder an andere Länder?
Scheller: Der Staat will seiner Bevölkerung signalisieren, dass er sie schützt. Ich fürchte nur, die meisten Libanesen werden kritisch sehen, ob er das auch erreichen kann. Vermutlich ist es auch ein Signal an Israel, dass der Libanon kein Teil der sogenannten Achse des Widerstands aus antiisraelischen Gruppierungen ist. Und ich kann mir vorstellen, dass damit auch Solidarität mit jenen Golfstaaten ausgedrückt werden soll, die jetzt vom Iran angegriffen wurden. Der Libanon weiß, dass er sich als kleiner und relativ schwacher Staat in der Region mit vielen arrangieren muss.
ZEIT: Nun hat die israelische Armee IDF den neuen Hisbollah-Anführer Naim Kassim zum Ziel erklärt. Würde dessen Tod irgendwas bewirken?
Scheller: Die IDF setzt damit ihre Strategie fort, die Führungsebene von ganz oben zu dezimieren. Ich gehe davon aus, dass Kassim auch vorher schon auf der Liste stand, es ist nun eher eine Art lautstarker Erinnerung daran. Diese Strategie war zuletzt sehr erfolgreich, sie hat die Hisbollah erheblich geschwächt. Man darf dabei aber trotzdem nicht vergessen, wie solide diese Gruppen aufgebaut sind. Sie haben solche Szenarien mitgedacht und zerfallen nicht mit dem Tod einer einzelnen Führungsperson.