Es dauerte bis zum Abend des ersten Kriegstages, bis in Israel wieder Bilder wie diejenigen zirkulierten, die vor neun Monaten Angst und Schrecken hervorgerufen hatten: eine verwüstete Straße, brennende Gebäude, Rettungshelfer, die verschüttete Menschen bergen. Mitten in Tel Aviv war eine ballistische Rakete eingeschlagen, die aus Iran abgefeuert worden war. 25 Menschen wurden verwundet, eine Frau starb. Israels Raketenschild hatte versagt.
Einen noch schwereren Treffer gab es am Sonntagnachmittag. Mindestens neun Menschen wurden bei einem Einschlag in der westlich von Jerusalem gelegenen Stadt Beit Schemesch getötet. Die Rakete schlug Medienberichten zufolge in einem Wohngebiet ein, sie zerstörte eine Synagoge und beschädigte unter anderem einen Schutzbunker schwer. Rettungshelfer waren am Nachmittag noch dabei, weitere Personen aus den Trümmern zu bergen. An anderen Orten in Israel sowie in den palästinensischen Gebieten fielen Teile abgefangener Raketen oder von Abfangraketen herab.
Mehr als hundert verwundete Israelis
Erinnerungen an den Zwölftagekrieg vom vergangenen Juni wurden wach, als es zu zahlreichen Einschlägen iranischer Raketen gekommen war. Die Schlagkraft der ballistischen Raketen aus Iran, die weit über die der Raketen aus dem Gazastreifen hinausging, verängstigte viele Israelis.
Auch am Samstag dauerte es nicht lange, bis iranische Gegenangriffe auf den amerikanisch-israelischen Eröffnungsschlag vom Morgen einsetzten. Seither ist in Israel immer wieder Raketenalarm ausgelöst worden. Mehr als hundert Menschen wurden verwundet, die meisten nur leicht. Viele verletzten sich auf dem Weg in einen Schutzraum. Die einzelnen Angriffswellen bestanden offenbar oft nur aus wenigen Raketen. Manche israelischen Beobachter erklärten das mit den Erfolgen der ersten amerikanisch-israelischen Angriffe, die unter anderem auf Kommando- und Kontrollstrukturen zielten, sowie damit, dass Iran die Kommandostruktur teilweise dezentralisiert habe: Lokale Kommandeure entschieden demnach selbst über den Abschuss von Raketen und Angriffsdrohnen.
Ein israelischer Armeesprecher sagte am Sonntagmittag, Iran habe seit Samstagmorgen „Hunderte“ Raketen abgefeuert. Diese Angabe bezog sich aber auf den gesamten Nahen und Mittleren Osten, denn neben Israel wurden auch mehrere arabische Länder attackiert. Die israelische Armee warf Iran am Sonntag vor, gezielt Wohngebiete zu attackieren. Berichte, wonach der Einschlagsort in Tel Aviv sich neben einer Militärbasis befand, wollte der Sprecher nicht direkt kommentieren. Er hob hervor, dass Wohnhäuser getroffen worden seien. In Israel tätigen Journalisten ist es untersagt, über genaue Einschlagsorte zu berichten, solange die Militärzensur dies nicht genehmigt hat.
Die iranische Revolutionsgarde behauptete, dass im Rahmen der „Operation Wahres Versprechen 4“ schon 27 Ziele getroffen worden seien, darunter in Israel die Luftwaffenbasis Tel Nof, das Hauptquartier des Generalstabs und ein Rüstungskomplex in Tel Aviv. Am Sonntagnachmittag gab die Garde zudem an, den amerikanischen Flugzeugträger Abraham Lincoln mit vier Raketen getroffen zu haben. Das amerikanische Militär dementierte. Die Revolutionsgarde und etliche andere Institutionen des Landes schworen nach der Tötung des Obersten Führers Ali Khamenei Rache. Die Garde sprach von einer „harschen, entschlossenen Bestrafung, die die Mörder des Imams der islamischen Gemeinschaft ihre Tat bereuen lassen wird“.
Wurde in Iran eine Schule getroffen?
In Teheran hatte am Samstag eine Massenflucht eingesetzt, nachdem der Nationale Sicherheitsrat die Bewohner der Hauptstadt aufgefordert hatte, sich in anderen Regionen in Sicherheit zu bringen. Das diente vermutlich auch dazu, die Gefahr eines Volksaufstands, wie der amerikanische Präsident Donald Trump ihn gefordert hat, zu reduzieren. An den Ausfallstraßen bildeten sich lange Staus, weshalb viele Teheraner sich vorerst in ihren Kellern verschanzten, denn Schutzbunker gibt es in Iran nicht.
Das ganze Wochenende über kam es in der Hauptstadt und vielen anderen Städten des Landes zu schweren Explosionen. Die beängstigende Lage wurde noch dadurch verschärft, dass das Internet weitgehend abgeschaltet wurde. Im Staatsfernsehen gab es nur wenige Informationen über die getroffenen Ziele in Iran – außer über eine Mädchengrundschule in der südiranischen Stadt Minab. Darüber wurde ausführlich berichtet.
Nach Angaben iranischer Behörden wurde die Schule von einem Luftangriff getroffen. Laut dem Provinzgouverneur wurden 148 Personen getötet, die meisten von ihnen Schulmädchen. Das amerikanische Militär teilte mit, man nehme die Berichte ernst und prüfe sie. Der israelische Armeesprecher zog die Angaben indirekt in Zweifel. Er wisse nichts über einen amerikanischen oder israelischen Angriff am Ort der Schule, sagte er. Generell könne er nur sagen, dass „wir auf äußerst präzise Art und Weise arbeiten“.
Meiste Angriffe in Iran treffen Teheran
Die staatliche iranische Organisation Roter Halbmond gab am Sonntag bekannt, dass allein in Teheran bei 60 Angriffen 57 Personen getötet worden seien. Ob es sich bei ihnen um Zivilisten handelte, wurde nicht mitgeteilt. Nach Angaben des israelischen Militärs wurden allein 40 Militärangehörige getötet, unter ihnen sieben ranghohe Mitglieder der Militärführung. Das Menschenrechtsnetzwerk Hrana teilte mit, man habe allein am Samstag Angriffe in 18 Provinzen mit mindestens 133 zivilen Todesopfer dokumentiert. Den Angaben zufolge gab es die meisten Angriffe in Teheran und in etlichen Städten im Westen sowie an der Küste des Landes, darunter in Schiraz, Kermanschah, Täbris, Buschehr, Ahwaz und Bandar Abbas.
Während die iranischen Städte und Provinzen schon im Juni vergangenen Jahres Ziele von Angriffen geworden waren, dürfte für viele Bewohner der arabischen Golfstaaten die Erfahrung von Raketenangriffen ein Novum gewesen sein. Schwärme iranischer Raketen und Drohnen attackierten amerikanische Militäreinrichtungen und forderten die Luftabwehr der arabischen Partner Washingtons heraus. Ziele waren die Luftwaffenbasis von Al-Udaid in Qatar, die Ali al-Salem Luftwaffenbasis in Kuwait, die Luftwaffenbasis von Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten und das Hauptquartier der 5. Amerikanischen Flotte in Bahrain. In Saudi-Arabien griff Iran laut eigenen Angaben den Prinz-Sultan-Luftwaffenstützpunkt mit Raketen und Drohnen an.
Das Verteidigungsministerium der Emirate teilte am Sonntagnachmittag mit, es seien bislang insgesamt 165 ballistische Raketen, zwei Marschflugkörper und 541 Drohnen abgefangen worden. Kuwait wurde nach offiziellen Angaben vom Sonntag mit 97 ballistischen Raketen und 283 Drohnen attackiert. Qatar meldete 65 abgefangene ballistische Raketen am Samstag und 18 weitere bis zum Sonntagnachmittag.
Der iranische Beschuss soll wohl Terror verursachen
Der iranische Beschuss schien dabei vor allem Terror zu verursachen. Einwohner der Golfstaaten, die an Ruhe und Stabilität gewöhnt sind, mussten sich an andauernde, laute Explosionen gewöhnen. Außerdem waren herabfallende Raketentrümmer eine große Gefahr. In Dubai wurde auf diese Weise zum Beispiel ein Luxushotel in Brand gesetzt. Sowohl der internationale Flughafen in Abu Dhabi als auch jener in Dubai wurde beschädigt. In den Emiraten wurden laut offiziellen Angaben bis zum Sonntagnachmittag drei Gastarbeiter aus Pakistan, Nepal und Bangladesch getötet. Aus Kuwait wurde ein Todesopfer gemeldet. Außerdem wurde laut offiziellen Angaben der Flughafen durch einen Drohnenangriff beschädigt.
In Bahrain gelang es dem iranischen Militär offenbar, die Luftabwehr zu überwinden. Die Führung des kleinen Königreiches bestätigte einen Angriff auf die 5. amerikanische Flotte; Videoaufnahmen zeigten einen Treffer. In der bahrainischen Hauptstadt Manama wurden mehrere Wohngebäude und ein Hotel beschädigt.
Auch in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak griff Iran amerikanische Einrichtungen in mehreren Wellen mit Raketen an. Augenzeugen berichteten, es seien Raketen in der Nähe des amerikanischen Konsulates und dem vom amerikanischen Militär genutzten Luftwaffenstützpunkt von Harir abgefangen worden. Am Sonntag bekannte sich eine Irantreue schiitische Miliz zu einem Drohnenangriff auf die Militärbasis. Örtliche Behördenvertreter vermuteten in der Presse ebenfalls einen Drohnenangriff. Bilder zeigten eine aufsteigende Rauchsäule.
Source: faz.net