In Qatar wird die größte Anlage zur Verflüssigung von Erdgas auf der Welt mit iranischen Marschflugkörpern attackiert und beschädigt. In Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait geraten ebenso Öl- und Gas-Anlagen unter iranischen Drohnen- und Raketenbeschuss. Der Iran-Krieg zieht immer stärker die Energiewirtschaft in Mitleidenschaft, an deren Einnahmen die arabischen Golfmonarchien hängen.
Diese quittierten die Eskalation am Donnerstag mit scharfen Worten. „Die Geduld, die derzeit an den Tag gelegt wird, ist nicht unbegrenzt“, drohte der saudische Außenminister Faisal bin Farhan Al Saud. Mit Blick auf mögliche Gegenschläge fügte er an: Die Iraner sollten verstehen, „dass das Königreich, aber auch seine Partner, die angegriffen wurden, sowie weitere Akteure über sehr bedeutende Kapazitäten und Fähigkeiten verfügen, die sie einsetzen könnten, sollten sie sich dazu entschließen“.
Doch die Wut der Golfstaaten trifft nicht nur das iranische Regime. Den Attacken Teherans auf die Energieanlagen ihrer arabischen Nachbarn war ein israelischer Angriff auf das iranische Gasfeld „South Pars“ am Mittwoch vorausgegangen. Der Sprecher des qatarischen Außenministeriums, Majid al-Ansari, kritisierte auf der Plattform X, das sei ein „gefährlicher und unverantwortlicher“ Schritt gewesen. „Angriffe auf die Energieinfrastruktur stellen eine Bedrohung für die globale Energiesicherheit sowie für die Bevölkerung der Region und deren Umwelt dar“. Qatar und Iran beuten das unter dem Meeresgrund liegende größte Gasfeld der Welt gemeinsam aus – es ist in einen iranischen Teil (South Pars) und einen katarischen Teil (North Dome) aufgeteilt.
Wie realistisch sind Trumps Drohungen?
Donald Trump schien auch auf die Frustration und die Sorgen in Doha einzugehen, als er die israelische Attacke in einem Beitrag auf seiner Plattform „Truth Social“ kommentierte. „Die Vereinigten Staaten wussten nichts von diesem konkreten Angriff, und Qatar war in keiner Weise daran beteiligt und hatte auch keine Ahnung, dass er stattfinden würde“, schrieb er und kündigte in Großbuchstaben an, es werde keine weiteren israelischen Angriffe auf „dieses äußerst wichtige und wertvolle“ Gasfeld geben. Zugleich stieß er allerdings eine heftige Drohung aus. Sollte Iran „unklugerweise“ beschließen, ein „völlig unschuldiges Land“ wie Qatar anzugreifen, werde das amerikanische Militär „das gesamte Süd-Pars-Gasfeld“ in die Luft sprengen, und zwar „mit einer Stärke, wie sie Iran noch nie zuvor gesehen oder erlebt hat“.
Das werde so natürlich nicht funktionieren, erklärt Bachar El-Halabi, ein in Dubai ansässiger Experte für die Energiemärkte vom Informationsdienst Argus Media. „Man kann aber die Förderung durch Angriffe auf Infrastruktur unterbrechen.“ Im iranisch-israelischen Krieg vom Juni vergangenen Jahres habe Israel ein Kraftwerk des South-Pars-Feldes attackiert.
Die Drohungen des amerikanischen Präsidenten werden am Golf aber nicht nur deshalb mit Kopfschütteln quittiert. Es herrscht Sorge, dass es in der Zukunft dauerhaft Angriffe auf die Energiewirtschaft geben könnte. „So etwas sollte eigentlich Tabu sein“, sagt Nader Kabbani, ein in der qatarischen Hauptstadt Doha ansässiger Wirtschaftsexperte. Ein paar Monate könnten die Volkswirtschaften am Golf mit Einnahmeneinbußen aus dem Öl- und Gasgeschäft einigermaßen leben. Womöglich werde in der Zukunft mehr in Verteidigung und Sicherheit der Energieexporte investiert als in die Diversifizierung der Volkswirtschaften, die unabhängig von den Öl-Einnahmen werden sollen. Gerade für Saudi-Arabien gilt ein Erfolg dieser Reformen als überlebenswichtig. „Aber sollte dieser Krieg, sollten die Angriffe auf Energieinfrastruktur länger weitergehen, hätte das enorme Auswirkungen“, sagt Kabbani.
Zwischen Jerusalem und Washington abgesprochen?
Iran hatte schon vor dem israelischen Angriff Öl- und Gas-Anlagen in mehreren arabischen Golfstaaten attackiert. Die israelische Attacke auf „South Pars“ könnte Iran anstacheln, solche Attacken in Zukunft zu verstärken. Die Revolutionswächter sprachen am Donnerstag von einer „neuen Phase des Krieges“. Der Kommandeur der Marine schrieb auf X, die Zieldatenbank sei „aufgefüllt“ worden. Ölanlagen mit Verbindungen zu den USA würden „mit voller Kraft unter Feuer genommen“.
Israel hat sich zunächst nicht offiziell zu seinem Angriff bekannt. Eine Anfrage der F.A.Z. an die Armee blieb unbeantwortet. Die israelische Urheberschaft des Angriffs auf das Gasfeld wurde indes auch in den Medien des Landes nicht in Frage gestellt. Ausführlich berichteten sie am Donnerstag über Ziele und Hintergründe. Die Attacke sei zwischen Jerusalem und Washington abgesprochen worden, hieß es übereinstimmend – und im Gegensatz zu Trumps späterem Dementi.
Die Zeitung „Israel Hayom“ berichtete, dass der amerikanische Präsident darüber hinaus auch die Anführer von drei Golfstaaten vorab eingeweiht habe. Sie hätten ihm daraufhin zu verstehen gegeben, sie seien mit Angriffen auf Irans Energieinfrastruktur einverstanden, wenn die USA ihnen hülfen, ihre petrochemische Infrastruktur gegen Vergeltungsangriffe zu schützen.
Dass solche Berichte die Sichtweise der Golfstaaten zuverlässig wiedergeben, scheint schon angesichts der deutlichen qatarischen Reaktion zweifelhaft. In Israel gibt es generell ein Interesse daran, sich selbst und die arabischen Golfstaaten im selben Lager zu verorten, das dem iranischen gegenübersteht. Aber die Herrscher stehen der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und ihrer aggressiven, auf militärische Übermacht setzenden Außenpolitik mit großer Skepsis gegenüber. Sie hatten den Irankrieg eigentlich abwenden wollen. Nicht zuletzt, weil sie verhindern wollten, dass ihre Volkswirtschaften Schaden nehmen.
Stopp der Exporte in den Irak
Die Ziele und Interessen Israels sind auch nicht unbedingt deckungsgleich mit denen der USA. Als die israelische Luftwaffe am 7. März Öllagerstätten nahe Teheran bombardierte, reagierte Washington verärgert und forderte den Kriegspartner auf, derartige Aktionen zu unterlassen. Der aktuelle Angriff hatte aus israelischer Sicht wohl eine inneriranische Dimension: Er ist im Lichte der Bestrebungen zu sehen, die Bevölkerung zu einem Umsturz anzustacheln. So wurde ein ranghoher Vertreter Israels in der Zeitung „Yedioth Ahronoth“ mit der Aussage zitiert, der Angriff sei nicht zufällig unmittelbar vor dem persischen Neujahrsfest erfolgt. Er werde Auswirkungen auf das Wohlergehen der Bevölkerung haben, etwa in Form von Strom- und Gasausfällen. Vermutlich werde das iranische Regime die Gasversorgung drosseln müssen, und das werde wiederum „den Aufstand näherbringen“.
Die iranische Stromversorgung sei „in hohem Maße“ von der eigenen Erdgasförderung abhängig, erklärt der Energiemarkt-Experte Bachar El-Halabi. Das iranische Regime exportiere nur vergleichsweise kleine Mengen in den Irak, um dem Land bei der eigenen Stromversorgung zu helfen, und den Irak zugleich davon abzuhalten, eigene Kapazitäten der Stromversorgung aufzubauen. „Das ist eine Quelle für harte Währung, die Teheran aus dem Irak erhält.“
Am Mittwoch stellte Iran offenbar zunächst den Gasexport in den Irak ein, um den heimischen Bedarf weiter bedienen zu können. Als nächstes könnten die Exporte in die Türkei gestoppt werden, wie das immer der Fall ist, wenn es in Iran einen Engpass gibt. Die Versorgung der iranischen Industrie dürfte ebenfalls leiden. Die ohnehin gebeutelte Wirtschaft würde hart getroffen. Der Anteil des South-Pars-Gasfeldes am Bruttoinlandsprodukt wird auf 100 Milliarden Dollar geschätzt.
„Die Leute wollen nur das Regime loswerden“
Für die in ihren Häusern festsitzenden Iraner, die täglich Detonationen verkraften müssen, wären Stromausfälle eine weitere psychische Belastung. Anders als im vergangenen Sommer ist die Stromversorgung während des Krieges bislang weitgehend stabil. Die meisten Iraner kochen außerdem mit Gas. Es gehört in Iran zum Allgemeinwissen, dass South Pars 70 Prozent zur heimischen Gasproduktion beiträgt und damit die wichtigste Säule der nationalen Energieinfrastruktur ist. Obwohl Iran zu den Ländern mit den größten Gasreserven der Welt zählt, kommt es wegen der maroden Infrastruktur regelmäßig zu Engpässen: im Winter beim Heizgas, im Sommer beim Strom. Im vergangenen Jahr trugen die permanenten Stromausfälle, die den Alltag und ganze Industrien lahmlegten, erheblich zu jener Unzufriedenheit bei, die sich im Januar in Protesten entlud.
Dass das israelische Kalkül eines Umsturzes aufgeht, ist aber vorerst fragwürdig. Die Basidsch-Miliz und die Revolutionswächter sind zwar geschwächt, aber noch immer willens und in der Lage, einen Aufstand niederzuschießen. Angriffe auf iranische Infrastruktur werden außerdem selbst von regimekritischen Iranern als Angriff auf ihr Land betrachtet und könnten eher dem Regime in die Hände spielen. „Die Leute wollen nur das Regime loswerden“, schreibt eine Teheranerin am Donnerstag in einer Kurznachricht. „Sie wollen nicht, dass das Land zerstört wird, in dem sie weiterleben wollen.“
Source: faz.net