Irankrieg: Die vielen toten Winkel in Iran

Es gibt, blickt man von hier aus auf den Nahen Osten, oft tote Winkel, die ja im Grunde nicht tot sind und auch keine Winkel. Wir leben im 21. Jahrhundert, und wenn ein Krieg ausbricht, bekommen wir sofort davon mit. Wir bekommen Eilmeldungen auf unsere Smartphones, wie an diesem einen Samstagmorgen: „Israel und die USA greifen Iran an.“ Wir bekommen Videos in unsere Timelines gespült. Bei mir waren das: Influencer in Dubai, die nach den ersten Explosionen einen kollektiven Nervenzusammenbruch erlitten, kurze Zeit später aber ihre Nervenzusammenbruchs­videos wieder löschten und in neuen ­Videos mit exakt demselben Text – „I know who protects us“ –, denselben Bildern und derselben Musik den Herrschern der Emirate versicherten, wie sicher Dubai sei.

Außerdem Videos von iranischen Geschossen, die in der Autonomen Region Kurdistan einschlagen; Videos vom Sprecher des iranischen Staatsfernsehens, der, als er den Tod Khameneis verkündet, in ein offensichtlich gefaktes Weinen ausbricht. Und kurze Zeit später eine tanzende und jubelnde Menschenmenge in der kurdischen Stadt Sine. Neben den Bildern, die wir sehen, gibt es auch die vielen Bilder, die wir nicht sehen, weil das Regime wieder einmal das Internet abgeschaltet hat oder weil es von manchem nicht einmal Bilder gibt.

Die Schlächter reisten nach Deutschland

Zum Beispiel von dem, was sich hinter den Mauern der Gefängnisse abspielt oder in den abgelegenen Städten und Dörfern Belutschistans und Kurdistans. Ausländische Journalisten bekommen kaum Visa für Iran, und inländische sind seit Jahrzehnten brutalen Repressionen ausgesetzt. Und selbst wenn es Bilder gibt, und von diesen Bildern hat es unzählige gegeben – Menschen, die an Baukränen aufgehängt werden, Frauen, denen ins Gesicht geschossen wurde, und zuletzt die Leichensäcke im Innenhof des Gerichtsmedizinischen Instituts in Teheran –, dann hat es nicht dazu geführt, dass die Weltgemeinschaft alles in Bewegung gesetzt hat, um den Terror zu beenden.

Ronya OthmannKat Menschik

Die Schlächter sind viel zu oft unbehelligt – auch nach Deutschland – gereist, um sich medizinisch behandeln zu lassen, ihre Kinder haben an westlichen Universitäten studiert, leben im Westen ein freies, luxuriöses Leben auf Kosten der drangsalierten Bevölkerung in Iran. Vieles, was schon lange hätte kommen müssen, kam spät. Die blaue Moschee Hamburg, die Zentrale des iranischen Regimes in Deutschland, wurde erst 2024 geschlossen, die Revolutionsgarde erst dieses Jahr von der EU auf die Terrorliste gesetzt. Seit Jahrzehnten, also seit 1979, foltert, mordet, terrorisiert die Islamische Republik Iran nicht nur die Menschen innerhalb, sondern auch außerhalb des Landes. Iranische Schergen und Proxy-Milizen wüteten in Syrien, Irak, in Libanon und Jemen – all das übrigens auch Verletzungen des Völkerrechts, auch wenn das kaum jemand so benannt hat und schon gar nicht mit so einer Vehemenz angemahnt hat, wie viele das heute tun. Man könnte hier wieder von einem toten Winkel sprechen.

Wie es im toten Winkel ist, habe ich 2022 selbst erfahren, als ich in Erbil in der Autonomen Region Kurdistan, in Irak war, kurz nachdem die Sittenwächter in Teheran Jina Amini getötet und damit die „Frau-Leben-Freiheit“-Proteste ausgelöst hatten. Als Reaktion auf die Proteste im eigenen Land bombardierte die Islamische Republik auf der anderen Seite der Grenze. In Deutschland bekam man kaum davon mit. Dabei war es nicht das erste Mal. Schon 2018 feuerte Iran Raketen auf die Büros zweier kurdischer Oppositionsparteien aus Iran in Koya, und es sollte auch nicht das letzte Mal sein. Ein Aufschrei war damals nicht zu hören. 2020 hatten Abgeordnete der Partei Die Linke Angela Merkel wegen Beihilfe zum Mord an Qassem Soleimani angezeigt. Soleimani, der General der Quds-Brigaden, der Auslandseinheiten der iranischen Revolutionsgarden, war in Bagdad von einer US-Drohne getötet worden. Völkerrechtswidrig, mahnte man damals.

Jubel, als die ersten Bomben einschlagen

Ich bin keine Völkerrechtlerin. Doch blicke ich als Kurdin und Jesidin auf die Welt, so scheint mir das Völkerrecht wird sehr selektiv angemahnt. Wo waren die Rufe nach dem Völkerrecht, als die Türkei in Afrin einmarschierte, Iran bombardierte oder Saddam Hussein 150.000 Kurden ermordete? Natürlich glaubt niemand, den ich kenne, ernsthaft, dass es jetzt wirklich darum geht, die Menschen in Iran von der Tyrannei zu befreien und ihnen zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verhelfen. Israel und die USA verfolgen eigene Interessen, etwa den Iran daran zu hindern, Atomwaffen zu bauen. Trotzdem hoffen viele, sowohl in Iran als auch außerhalb, dass die Militärschläge dem Terror der Islamischen Republik ein Ende bereiten. Wie verzweifelt müssen die Menschen sein, wenn sie, wie auf einem Video aus Teheran zu sehen, jubeln, als die ersten Bomben einschlagen. Und das, obwohl sie natürlich wissen, dass auch dieser Krieg grausam ist und nicht nur Massenmörder treffen wird, sondern auch Unschuldige, Zivilisten, gar Opfer des Regimes.

Vor zwei Wochen haben sich kurdische Parteien aus Rojhelat, den kurdischen Gebieten in Iran, zu einem Bündnis zusammengeschlossen, um im Falle eines Krieges gemeinsam zu agieren. Jetzt heißt es, die USA wollten sie bewaffnen, um das Regime in Teheran zu destabilisieren. Die Kurden, die gerade noch von den Amerikanern in Syrien fallen gelassen wurden. Die Kurden – Peschmerga aus Rojhelat – , die hier aufgerüstet werden sollen, haben tatsächlich Kampferfahrung, sowohl gegen den IS als auch gegen das iranische Regime.

Viele mögen nun zum ersten Mal davon hören, dass es überhaupt Peschmerga aus Rojhelat gibt. Und nicht wenige dürften wohl auch von Rojhelat zum ersten Mal gehört haben. Rojhelat, das von allen kurdischen Gebieten, die ohnehin meistens im toten Winkel liegen, die Region ist, wo der Winkel am totesten ist. Vielleicht wird sich das nun ändern. Fraglich, ob es eine gute Aussicht ist.

Source: faz.net