Die Furcht an den Märkten steigt: Seit gestern hat der Dax mehr als tausend Punkte eingebüßt. Nachdem der Deutsche Leitindex am Mittwoch erst positiv gestartet war, drehte er am Nachmittag ins Minus. Am Donnerstag baute er seine Kursverluste dann aus. Bis zum frühen Nachmittag sackte das Börsenbarometer um fast 2,6 Prozent auf ein Niveau von 22.900 Punkten ab und fiel unter die Marke von 23.000 Punkten.
Die Botschaft aus dem Minus von rund tausend Punkten im Dax seit gestern sei eindeutig, schreibt Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank. „Der Irankrieg hat mit dem Angriff auf ein Gasfeld eine neue Eskalationsstufe erreicht.“ Jeder Angriff auf kritische Energieinfrastruktur nehme dem Markt die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zu alten Produktionsniveaus, sollte der Krieg einmal enden.
Unter 23.000 Punkten im Dax stehe der Irankrieg vor einer neuen Einordnung. Nun würden Anleger den Konflikt aus der Schublade des Vorübergehenden nehmen und ihn zu den wahrscheinlich dauerhafteren Konflikten legen – mit dramatischen Folgen für Inflationserwartungen, Ölpreis und Wirtschaftswachstum, warnt der Fachmann.
Activ Trades: Noch kein Bärenmarkt
Frank Sohlleder, Analyst bei Activ Trades, findet aber, dass es für das Prädikat „Bärenmarkt“ noch zu früh sei. So nennt man es, wenn ein Markt oder Index 20 Prozent von seinem bisherigen Höchststand verliert. Da der Index aber die 23.000 Punkte unterschritten habe, werde charttechnisch ein Abwärtstrend aktiviert. In diesem Szenario liege das nächste Kursziel im freien Fall erst wieder bei 20.000 Punkten – dem markanten Tief vom April 2025, als die Zollankündigungen von US-Präsident Donald Trump die Märkte geschockt hatten.
Rund um die Welt sind die Börsen stark unter Druck geraten: In Tokio gab der Nikkei-Index 3,4 Prozent auf 53.372 Punkte nach. Die Börse Shanghai und der Index der wichtigsten Unternehmen in Schanghai und Shenzhen fielen jeweils um gut 1,5 Prozent. In den Vereinigten Staaten gingen die Kurse nach der Entscheidung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed), die Zinsen unverändert zu lassen, ebenfalls zurück. Der S&P fiel um 1,4 Prozent auf 6.625 Punkte. Die Kurse an der Technologiebörse Nasdaq gaben um rund 1,5 Prozent auf 22.152 Punkte nach.
Auch die Ölpreise legen angesichts der zugespitzten Lage im Nahen Osten wieder deutlich zu. Die für den Weltmarkt bedeutenden Flüssiggasanlagen Katars sind bei einem iranischen Raketenangriff schwer beschädigt worden. Der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent legte am Donnerstag zeitweise um mehr als zehn Prozent zu und kostetet zeitweise gut 118 Dollar je Fass. Am späten Vormittag kostete ein Barrel dann wieder rund 113 Dollar – knapp sechs Prozent mehr als zu Handelsbeginn.
Die Zentralbanken stecken laut Activ-Trades-Analyst Sohlleder in einer historischen Falle. Selbst mit restriktiven Zinssätzen könnten sie die Ursache dieser Inflation – ein physisches Angebotsdefizit beim Öl – nicht beheben. Eine geplante Ost-West-Pipeline durch Saudi-Arabien zum Roten Meer könnte zwar mittelfristig Entlastung bringen, doch ihr täglicher Durchsatz kann die blockierte Straße von Hormus niemals voll ersetzen. Für die im Dax notierten Unternehmen bedeute das: „Die Energiekosten fressen die Margen auf, während die globale Nachfrage aufgrund der Kaufkraftverluste wegbricht.“ Die Konjunkturaussichten trüben sich merklich ein, und die Aktienmärkte stehen an der Schwelle zu einer schmerzhaften, längerfristigen Korrektur, urteilte Sohlleder.
Source: faz.net