Iraner berichten: Sie sind glücklich via diesen Krieg

Majid Husseini gönnt sich und seiner Familie eine Auszeit vom Krieg. In ihrer Heimatstadt Teheran schlagen gerade Raketen ein. Israelische Kampfflugzeuge donnern ungehindert über die Stadt hinweg und werfen Bomben ab. Die Husseinis sind derweil zum Shoppen in die Türkei gekommen. Im osttürkischen Van, eineinhalb Autostunden von der iranischen Grenze entfernt, stehen sie mit vollen Tüten im größten Einkaufszentrum der Stadt. „In zwei Tagen fahren wir wieder zurück“, sagt der Familienvater, als wäre es das Normalste der Welt, in dieser Lage zurück nach Iran zu fahren. Er hat frei, weil nach dem Tod des Obersten Führers sieben Tage Staatstrauer ausgerufen wurden.

Wenn Husseini über den Krieg erzählt, klingt das nicht so, wie man es erwarten würde. „Die Leute sind glücklich“, sagt er. Ein unerhörter Satz, der an diesem Tag noch sehr häufig fallen wird. Fast jeder der zwei Dutzend Iraner, mit denen die F.A.Z. in Van gesprochen hat, sagt dieses Wort: „glücklich“. Was sie meinen, ist Rache. Sie empfinden tiefe Genugtuung bei jeder Explosion, die einen Stützpunkt der Regimekräfte trifft, und bei jedem Internetgerücht über einen getöteten Funktionär.

„Sie haben unsere Kinder getötet und Verletzte aus den Krankenhäusern verschleppt, um sie zu ermorden“, sagt Husseini, der wie alle Personen in dieser Geschichte in Wirklichkeit anders heißt. Er spricht von den Protesten im Januar, bei denen in nur zwei Tagen Tausende unbewaffnete Demonstranten erschossen wurden. Husseini ist Arzt. Er hat unvorstellbare Grausamkeiten gesehen. Jugendliche, denen das halbe Gesicht weggeschossen wurde. Kollegen, die gefoltert wurden, weil sie Demonstranten operierten. Es sprudelt aus ihm heraus. Die Warnung seiner Frau, besser nicht mit Journalisten zu sprechen, wischt er beiseite.

Das Blutbad im Januar hat alles verändert

Im Rest der Welt haben die Bilder vom Irankrieg die Erinnerung an das Massaker vom Januar längst verblassen lassen. Im Land selbst hat niemand das Blutbad vergessen. Es hat alles verändert. Der Hass, den es gesät hat, entlädt sich jetzt. Selbst Husseinis 13 Jahre alte Tochter sagt: Als vor gut einer Woche zur Unterrichtszeit die ersten Bomben auf Teheran fielen, „waren meine Mitschüler und ich glücklich“.

Es sind nicht viele Iraner, die im Moment ihr Land verlassen. Von einer Fluchtbewegung kann bisher keine Rede sein. Am Grenzübergang Kapıköy, einem von dreien in der Türkei, sind es täglich etwa 300 Personen, schätzt das Touristikunternehmen, das die Iraner mit Kleinbussen von der Grenze nach Van bringt. In die Gegenrichtung nach Iran hinein seien es ebenso viele Menschen. Wegen des heftigen Schneetreibens in der bergigen Grenzregion sind die Zahlen derzeit geringer.

In Friedenszeiten ist Van ein Urlaubsparadies für Iraner. Sie kommen hierher, um zu feiern, Alkohol zu trinken, einkaufen zu gehen und im Van-See zu schwimmen. Die Hotels und Geschäfte sind auf Iraner ausgerichtet. Überall gibt es iranische Flaggen und Schriftzüge in Farsi. Die meisten, die im Moment über die Grenze kommen, sind Iraner, die im Ausland leben oder beruflich dort zu tun haben. Oder es sind ältere Frauen, deren im Ausland lebende Kinder sie angefleht haben, das Land zu verlassen. Sie fliegen von Van aus nach Istanbul und dann weiter nach Europa, Kanada und in die USA.

Andere Iraner haben sich in Van einquartiert, weil sie Sorge haben, dass ihre Kleinkinder durch die ständigen Detonationen traumatisiert werden. Man trifft sie am Frühstücksbuffet des Elite World Hotel. Ein Grund, warum es nicht mehr sind, ist wohl, dass viele hoffen, der Krieg könnte bald vorbei sein. Andere wollen ihre Ersparnisse nicht zurücklassen, die sie nicht ausführen dürfen. Mittellose Iraner kommen bisher fast gar nicht. Ihnen fehlt das Geld, um sich in Sicherheit zu bringen. Hoteliers in Van werten das als Stolz. „Iraner fliehen nicht. Sie stehen zu ihrem Land“, sagen sie anerkennend.

Noch ist die Versorgungslage stabil

Für den Fall, dass sich das ändert, soll die türkische Regierung gemeinsam mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk laut lokalen Medien bereits Vorbereitungen getroffen haben. „Das wäre der Fall, wenn die Lebensmittelversorgung in Iran zusammenbricht oder Kämpfe zwischen ethnischen Minderheiten ausbrechen“, sagt der lokale Journalist Ruşen Takva. „Davon sind wir noch weit entfernt.“

Auch viele Iraner bestätigen, dass die Versorgungslage im Land bisher gut sei. Die Preise für Lebensmittel und Medikamente seien aber unerschwinglich. Die Krankenhäuser seien funktionsfähig. Nur Operationen, die nicht dringend nötig sind, würden verschoben. Allerdings wächst die Sorge, dass Wasser und Strom abgestellt werden könnten, wenn Israel und die USA die Versorgungsinfrastruktur bombardieren. Am Wochenende wurden mehrere Raffinerien und Öllager sowie eine Entsalzungsanlage für Trinkwasser getroffen.

Treffer im Zentrum: Teheraner räumen am 4. März 2026 den Schutt nach einem Luftangriff wegAFP

Im obersten Stockwerk des Einkaufszentrums von Van sitzt ein Ehepaar mit zwei kleinen Töchtern in einem Fast-Food-Restaurant. Sie sind gerade aus einem kleinen Ort in der Nähe von Urmia angekommen, vier Autostunden von Van entfernt. Auch sie sprechen als Erstes über das Massaker vom Januar. In ihrer Kleinstadt habe die Revolutionsgarde einen ortsbekannten Drogensüchtigen in eine Uniform gesteckt und bewaffnet, damit er willkürlich auf Demonstranten schießt, sagt die Mutter, Zahra Zandi.

Sie kenne Leute, die nach den Protesten so schwer gefoltert wurden, dass sie als psychische Wracks entlassen wurden. Sie sei glücklich über jeden Angriff auf die Folterer. Zandi erzählt das, um zu erklären, warum die zivilen Opfer, die der aktuelle Irankrieg fordert, aus ihrer Sicht „den Preis wert sind, wenn dafür das Regime fällt“. Laut dem iranischen Gesundheitsministerium wurden seit Anfang des Krieges 1200 Zivilisten getötet und 10.000 verletzt.

Manche fahren auch zurück in den Iran

Viele Gesprächspartner in Van sprechen trotzdem von „präzisen Schlägen“. Sie nehmen es so wahr, dass die amerikanisch-iranischen Luftangriffe sich nicht gegen sie richteten, auch wenn sie ihnen den Schlaf und die Nerven raubten. Zum Beispiel ein junges Pärchen aus Urmia, das in der Türkei studiert und in einem Bus Richtung Grenze sitzt, um die Familie zu besuchen. Für gefährlich halten sie das nicht. Ein Mann, der in Istanbul als Bauarbeiter arbeitet, fährt ebenfalls nach Hause, um bei seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern zu sein. Sie hätten ihm per SMS geschrieben, dass sie Angst hätten. Gerade ärmere Familien können sich die hohen Kosten für Auslandstelefonate nicht leisten. Sie sind im Moment der einzige Weg, über die Landesgrenze zu kommunizieren, weil das Internet kaum funktioniert.

Natürlich fühlen die Gesprächspartner in Van mit den Eltern der getöteten Schulmädchen, die im südiranischen Minab mutmaßlich durch einen amerikanischen Luftangriff auf ihre Schule neben einem Marinestützpunkt ums Leben kamen. Bei Berichten über etliche andere getroffene Schulen und Krankenhäuser sind viele skeptischer. Sie mutmaßen, dass sich Regimekräfte in den Gebäuden versteckt haben könnten. „Diese Leute würden sich sogar hinter kleinen Kindern verstecken“, sagt eine Ingenieurin aus Teheran verächtlich.

Warten auf die Weiterfahrt: Iraner stehen vor Kleinbussen, nachdem sie die Grenze am Übergang Kapıköy passiert habenAFP

Im vergangenen Juni während des Zwölftagekriegs war die Stimmung noch ganz anders. Es gab Empörung über Angriffe in Wohngebieten und auf das Evin-Gefängnis, bei denen auch Zivilisten getötet wurden. Jetzt sagen viele, für die „Befreiung“ seien sie bereit, Opfer zu bringen. Eine Frau aus Teheran, die in der Schönheitschirurgie arbeitet und jetzt im Schneetreiben von Van steht, erzählt von ihrem 17 Jahre alten Neffen, der sagt, er wolle frei sein oder sterben.

Familie Zandi will in Van bleiben, bis der Krieg vorbei ist. Sie können es sich leisten. Der Mann hat eine Arbeitserlaubnis für die Türkei. „Wir wären geblieben, aber die Mädchen hatten solche Angst“, sagt die Mutter. Sie schämt sich ein bisschen, weil sie gegangen ist, während ihre Eltern sich weigern, das Land zu verlassen. Zahra Zandi glaubt an einen Volksaufstand nach dem Krieg und will dann auf jeden Fall dabei sein. „Die Leute warten darauf, dass Reza Pahlavi uns ruft“, sagt sie. Sie meint den früheren Kronprinzen in den USA.

Die meisten Iraner, die derzeit in Van sind, kommen aus zwei Städten: aus Teheran, weil dort besonders heftig bombardiert wird, und aus Urmia, weil es nahe ist. Die Leute aus Urmia gehören der turksprachigen Minderheit der Aseris an und sind beunruhigt über Berichte, wonach Amerika und Israel kurdische Milizen bewaffnen könnten. US-Präsident Donald Trump hatte die Idee erst befürwortet, am Samstag aber wieder verworfen. Die Leute aus Urmia erzählen, dass das Regime schon Waffen an Aseris verteilt habe, um die Kurden im Falle ihres Vorrückens zurückzuschlagen.

Nur wenige trauerten um Ali Khamenei

Im Elite World Hotel sitzt ein Unternehmer aus der Stadt Karadsch nahe Teheran am Frühstückstisch. Um die Stimmung im Land zu beschreiben, verweist er auf seine 140 Mitarbeiter. Etwa die Hälfte von ihnen sei „sehr froh“ über die Lage. Das seien vor allem Menschen, die nicht um ihre finanzielle Existenz fürchten müssten. Die andere Hälfte sei besorgt wegen der ungewissen Zukunft des Landes und weil sie fürchten, ihren Job zu verlieren. Am Tag nach dem Tod des Obersten Führers hätten sich alle seine Mitarbeiter umarmt und gegenseitig gratuliert. „Nur drei Arbeiter haben geweint.“ Wirtschaftlich sieht es nicht gut aus für den Unternehmer. „Vielleicht werde ich pleitegehen“, sagt er, „aber wenn wir dafür in Zukunft in einem normalen Land leben können, wäre es das wert.“

Durch manche Familien und Freundeskreise geht jetzt ein Riss. „So viele meiner Freunde unterstützen aggressiv den Krieg“, sagt eine Übersetzerin aus Teheran. Für Leute wie sie, die wollen, dass der Krieg schnell aufhört, und vor den unabsehbaren Folgen warnen, haben die Kriegsbefürworter kein Verständnis. „Ich spreche nicht mehr mit ihnen, weil sie anders empfinden.“

Bedenkenträger wie sie werden teilweise offen attackiert. Das seien alles „Linke“, schimpft ein Pahlavi-Anhänger aus Maschhad im Einkaufszentrum von Van. „Mit ihren Bedenken helfen sie nur dem Regime.“ Eine Frau berichtet von einem Familientreffen, bei dem es in diesen Tagen Streit gegeben habe. Die einen befürworteten den Krieg, die anderen wollten die Zukunft ihres Landes nicht fremden Mächten überlassen, vor allem nicht Israel. In deren Augen sind die Kriegsbefürworter naiv.

Viele glauben, dass es vor allem von Trump abhängt, wie es weitergeht. Die Meinungen über ihn gehen weit auseinander. „Trump ist für mich ein mutiger Präsident“, meint eine Ingenieurin aus Urmia. „Trump ist genauso verrückt wie Khamenei. Die Iraner sind ihm egal“, sagt eine Rentnerin aus Teheran. Ein anderer sagt, er werde jeden Staatschef akzeptieren, den Trump aussuche. „Wir haben Angst davor, dass er wieder seine Meinung ändert“, sagt die Arzthelferin aus der Schönheitschirurgie. „Was auch immer passiert, ist besser als das jetzige Regime.“ Aber was ist, fragen sich viele, wenn Trump am Ende doch einen Deal mit dem Regime macht?

Source: faz.net