Iran und Amerika verhandeln: Der Mann im Hintergrund

Wenn Donald Trump ein Problem mit Russland hat, dann kann er Wladimir Putin anrufen. Irans Oberster Führer Ali Khamenei ist für ihn dagegen nicht zu sprechen. Selbst der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un hat sich schon dreimal mit Trump getroffen. Es ist aber schwer vorstellbar, dass der iranische Machthaber seinem amerikanischen Feind eine solche Bühne bieten würde.

„Ich betrachte Trump nicht als würdig, mit ihm Botschaften auszutauschen“, sagte Khamenei einmal. Wenn Trump sich stattdessen mit dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian treffen würde, hätte er es mit einem politischen Leichtgewicht ohne Entscheidungsbefugnis zu tun. Diplomatisch gesehen ist Iran also ein „sehr seltsames Land“, wie Vizepräsident JD Vance gerade treffend bemerkt hat.

Khamenei hat sein Land in den 37 Jahren seiner Herrschaft noch nie verlassen. Er hat noch nie an einem Gipfeltreffen teilgenommen. Er tickt anders als die meisten Staatsoberhäupter, was es nicht leichter macht, mit Iran zu verhandeln. Als Oberster Führer sieht er sich nicht vom Wähler, sondern von Gott legitimiert. Einmal sagte er, Gott habe sich seiner Zunge bemächtigt und durch ihn gesprochen.

Khamenei denkt in Kategorien von Würde und Demütigung. Schon in jungen Jahren hatte er ein Faible für persische Dichtkunst und für den militanten islamistischen Vordenker Nawab Safawi. Oft spricht er in religiösen Parabeln. Wenn er sich politisch äußert, dann meistens mehrdeutig, sodass er am Ende immer anderen die Schuld für unvorhergesehene Entwicklungen geben kann.

Nachdem Donald Trump 2018 aus dem drei Jahre zuvor unterzeichneten Atomabkommen austrat, machte Khamenei dafür den Präsidenten Hassan Rohani verantwortlich. Bei dessen Verabschiedung belehrte er ihn wie einen Schuljungen: Das Scheitern des Abkommens sei eine „sehr wichtige Erfahrung, die künftige Generationen lehren sollte, dem Westen nicht zu trauen“.

War Khamenei zu weich zu Trump?

Gerade weil er sich sonst gern vage ausdrückt, war es bemerkenswert, was der Oberste Führer kürzlich zu Protokoll gab. Die Amerikaner „sollten wissen, dass, wenn sie diesmal einen Krieg anfangen, es ein regionaler Krieg sein wird“. Das sagte Khamenei bei einem seiner selten gewordenen Auftritte vor einer Schar von Anhängern. Die Betonung auf „diesmal“ sollte heißen, es werde nicht so sein wie die beiden anderen Male, als sich Irans Oberbefehlshaber der Übermacht der USA gebeugt hatte.

Das erste Mal war 2020. Donald Trump hatte Khameneis fähigsten Militärführer und Chefstrategen Qassem Soleimani am Flughafen der irakischen Hauptstadt Bagdad töten lassen. Zur Vergeltung begnügte sich Khamenei mit einem Raketenangriff auf eine US-Militärbasis im Irak, bei dem dank Vorwarnung niemand getötet wurde.

Das zweite Mal war im Juni 2025. Der amerikanische Präsident ließ Irans Atomanlagen bombardieren. Zur Vergeltung beließ es Khamenei bei einem Angriff auf eine US-Basis in Qatar, bei der ebenfalls dank Vorwarnung niemand zu Schaden kam. Inzwischen glauben viele seiner Berater, dass diese Vorsicht ein Fehler war, weil sie den amerikanischen Präsidenten glauben lassen könnte, dass er Iran nach Belieben bombardieren könne.

Iran war noch nie so schwach

Khamenei steht mit dem Rücken zur Wand. Seitdem er 1989 die Macht übernommen hat, war die Islamische Republik noch nie so schwach. Es ist möglich, dass seine Drohung vor einem Regionalkrieg nur ein Bluff ist, denn eine harsche Reaktion Irans auf einen amerikanischen Angriff hätte noch viel verheerendere Schläge zur Folge. Aber sicher kann man sich da nicht sein.

Im Inland hat Khamenei gerade gezeigt, dass er bereit ist, skrupellos vorzugehen, um das Überleben seines Regimes zu sichern. Innerhalb von zwei Tagen wurden Tausende Demonstranten auf seinen Befehl hin getötet. Seither hat er kein Wort des Mitgefühls oder Bedauerns für die Angehörigen gefunden. Für den 86 Jahre alten Kleriker sind die Proteste und die Militärdrohungen zwei Seiten derselben Medaille. Hinter allem wittert er die USA und Israel als Strippenzieher. Das war schon 1992 so, als Khamenei in seiner Heimatstadt Maschhad zum ersten Mal mit Protesten konfrontiert war.

Ganz unerklärlich ist seine Paranoia nicht. Iran und Israel sind seit Jahrzehnten in einen Schattenkrieg verwickelt. Sabotage, Attentate und Agenten gehören dazu. Bei den aktuellen Protesten hatte Trump selbst seine Hilfe in Aussicht gestellt und damit jenem Worst-Case-Szenario das Wort geredet, auf das sich der iranische Sicherheitsapparat seit Jahrzehnten vorbereitet: eine gleichzeitige Bedrohung von innen und außen.

Khamenei beim gemeinsamen Gebet mit iranischen Mädchen im Jahr 2023AFP

Spätestens seit Khameneis Protegé, Hamas-Führer Ismail Haniyeh, 2024 bei einem Attentat mitten in Teheran getötet wurde, muss auch der iranische Führer um seine Sicherheit bangen. Auch weil er fürchten muss, dass es Verräter in den eigenen Reihen gibt. Während des Zwölftagekriegs mit Israel im Juni 2025 soll er in seinem Bunker so vor den eigenen Leuten abgeschirmt worden sein, dass er im entscheidenden Moment, als es um die Waffenstillstandsverhandlungen ging, kaum zu erreichen gewesen sei. Auch jetzt ist er abgetaucht. Es wird spekuliert, er sei wieder in einen Bunker gebracht worden. Eine Flucht ins Exil kann man sich bei ihm, der seit Jahrzehnten den Märtyrertod preist, kaum vorstellen.

Was, wenn Amerika ihn entführte wie Maduro?

Bei seinen seltenen Auftritten wirkt er nun blass und fragil. Was wäre, wenn Amerika ihn, wie im Fall des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro, von der Macht entfernen würde? Ein Ende des Regimes würde das wohl nicht bedeuten. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters gibt es ohnehin längst Vorbereitungen für eine Zeit nach ihm.

Es gibt auch keine Garantie dafür, dass ein Nachfolger weniger ideologisch, skrupellos und israelfeindlich agieren würde. Dennoch gilt Khamenei wegen seines Starrsinns als größtes Hindernis für einen Politikwechsel. Sein Aufstieg fiel 1989 mit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion zusammen. Es heißt, daraus habe er die Lehre gezogen, dass Zugeständnisse der Anfang vom Ende seien.

Die Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten macht das nicht einfacher. Khamenei misstraut Trump zutiefst. Die USA wollten sich Iran einverleiben, warnt er immer wieder. Das Regime wirft dem amerikanischen Präsidenten vor, die Atomverhandlungen im vergangenen Jahr nur vorgetäuscht zu haben, um Israel einen Überraschungsangriff zu ermöglichen. Der Angriff erfolgte drei Tage vor einem geplanten Treffen zwischen Außenminister Abbas Araghchi und dem US-Sonderbeauftragten Steve Witkoff.

In Teheran wird gemutmaßt, dass auch die aktuellen Gespräche nur ein Zwischenschritt zu einer weiteren Konfrontation sein könnten. Vor einem Jahr, als Khamenei seinen Unterhändlern die Erlaubnis für Atomverhandlungen gab, sagte er: „Wenn man die andere Seite kennt, kann man einen Deal machen, wenn man weiß, was zu tun ist.“ Diesmal hat er kein Wort zu den Verhandlungen verloren, aber man kann davon ausgehen, dass er sie autorisiert hat.

Schließt Khamenei einen Deal mit Trump?

Ist es vorstellbar, dass Khamenei einen Deal mit  Trump macht? Noch 2019 hatte er ihm den Tod an den Hals gewünscht. Das entsprechende Zitat hängt noch heute in der früheren amerikanischen Botschaft in Teheran, die zum Propagandamuseum umgebaut wurde. Erst kürzlich nannte Khamenei Trump einen „Verbrecher“, weil der die Demonstranten in Iran zum Weitermachen aufrief. Trump hat den iranischen Führer seinerseits als „leichtes Ziel“ für ein Attentat verhöhnt.

Ein umfassendes Abkommen wäre aus Khameneis Sicht wohl vergleichbar mit dem viel zitierten Giftbecher, den sein Vorgänger Ajatollah Ruhollah Khomeini 1988 trank. Mit dieser Metapher beschrieb der greise Revolutionsführer damals selbst seine Zustimmung zu einem Waffenstillstand mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein, dem er sich jahrelang widersetzt hatte. „Diese Entscheidung zu treffen, war tödlicher als Gift zu nehmen“, sagte Khomeini. Er habe sie nur getroffen, weil „ranghohe politische und militärische Experten“ ihn dazu gedrängt hätten. Vielleicht ist es diesmal so ähnlich.

Ein Jahr nach seiner widerwilligen Entscheidung starb Khomeini im Alter von 86 Jahren. Als Khamenei seine Nachfolge als Oberster Führer antrat, sollte er ursprünglich nur für ein Jahr als Figur des Übergangs fungieren. „Ich bin nicht qualifiziert für dieses Amt“, sagte er damals in einer geheimen Sitzung, von der später ein Video auftauchte. Und: „Wir sollten Tränen für die islamische Gesellschaft vergießen, die gezwungen wurde, mich auch nur vorzuschlagen.“ Tatsächlich musste die Verfassung umgeschrieben werden, weil Khamenei nicht den erforderlichen klerikalen Rang hatte.

Aus zwei Gründen wurde er trotzdem ausgewählt. Zum einen, weil der eigentlich vorgesehene Nachfolger Hossein-Ali Montazeri die Hinrichtung Tausender Regimegegner ablehnte und deshalb aussortiert wurde. Zum anderen, weil der Mann, der Khamenei zu seinem Amt verhalf, Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, ihn für schwach hielt und glaubte, den Obersten Führer kon­trollieren zu können. Das war eine Fehleinschätzung. Khamenei erwies sich als Mensch mit ausgeprägtem Machtin­stinkt. Als sein möglicher Nachfolger wird nun sein eigener Sohn Modschtaba gehandelt. Im Machtapparat scheint es aber Leute zu geben, denen das missfällt. Nur so ist zu erklären, dass die Agentur Bloomberg Informationsgeber in Iran finden konnte, die Modschtaba mit Luxusimmobilien in Frankfurt, London und Dubai in Verbindung bringen.

Source: faz.net