Im Norden des Irak haben mehrere iranisch-kurdische Milizen ihren Rückzugsort. Sie könnten im Nachbarland Iran am Boden gegen das Regime kämpfen – fürchten aber auch, von den USA instrumentalisiert zu werden.
Die Drohnen und Raketen aus Iran kommen nachts. Der Himmel über Erbil ist orange-rot erleuchtet, wenn die Geschosse in der Luft abgewehrt werden. Beinahe täglich werden die US-Militärbasis oder das riesige US-Konsulat in der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Norden des Irak angegriffen. Die meisten Drohnen und Raketen können abgefangen werden, aber einige kommen durch – vor allem an weniger geschützten Orten, wie den Camps von iranisch-kurdischen Milizen, die im Nordirak ihren Rückzugsort gefunden haben.
„Ich war weiter unten beim Tor, habe gerade mit einem Kameraden gesprochen, als ich plötzlich diese sehr laute Explosion gehört habe“, sagt ein Kämpfer der kurdischen PAK-Miliz (Partei für die Freiheit Kurdistans). Er steht auf der Ruine eines Hauses, zeigt, wo die Raketen eingeschlagen sind. „Ich habe mich umgeschaut und innerhalb von zehn Sekunden sind drei weitere Raketen runtergekommen.“
Vor Raketen, sagt er, könne man sich viel schlechter schützen als vor Drohnen: „Anders als Drohnen sind Raketen geräuschlos. Wenn eine Drohne kommt, hört man sie zehn bis 15 Sekunden vorher und kann sich verstecken. Bei einer Rakete gibt es keine Vorwarnung. Sie explodiert plötzlich – wie Sprengstoff oder eine Landmine.“
Bei dem Angriff wurde einer der kurdischen Milizionäre – Peschmerga nennen sie sich – getötet, es gab mehrere Verletzte. Die PAK ist eine von sechs iranisch-kurdischen Parteien, die sich seit Kriegsbeginn zusammengeschlossen haben – in ihrem Widerstand gegen das Regime in Teheran.
Iranische Kurden vor Einmarsch in Iran?
Der in Erbil lebende österreichische Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger sagt, bei allen ideologischen Differenzen seien sich die iranisch-kurdischen Parteien darin einig, „dass sie einen demokratischen Iran wollen mit einem föderalistischen System, das den Kurdinnen und Kurden eine Autonomie ermöglicht“.
Schmidinger erlebt täglich die Drohnen- und Raketenangriffe im Nordirak, und er hat auch die Gerüchte gehört, dass die iranischen Kurden vom US-Geheimdienst CIA bewaffnet worden sein sollen, um vom Nordirak in ihr Heimatland einzumarschieren.
Zum jetzigen Zeitpunkt hält er das für unwahrscheinlich – auch weil die Stärke der iranisch-kurdischen Peschmerga begrenzt sei: „Keine diese Parteien hat mehr als 2.000 Bewaffnete – und was dazu kommt, ist, dass diese Kämpferinnen und Kämpfer natürlich nur leicht bewaffnet sind. Die klassische Bewaffnung eines solchen kurdischen Peschmerga- oder Guerillakämpfer ist im Wesentlichen die Kalaschnikow.“
Milizen schließen Bodenoffensive nicht aus
Für die aktuelle Zurückhaltung gibt es noch einen weiteren Grund: die Sorge, von den USA instrumentalisiert und dann fallengelassen zu werden.
Hassan Sharafi, ein Funktionär der Demokratischen Partei des Iranischen Kurdistans, sagt: „Wenn es um den Kampf um kurdische Freiheit geht, hilft uns niemand – nur für bestimmte Zwecke erhalten wir Unterstützung.“
Dass iranisch-kurdische Peschmerga sich an einer Bodenoffensive beteiligen, will dennoch keine der Gruppierungen ausschließen. „Für eine solche Situation haben wir lange trainiert“, sagt der PAK-Kämpfer. „Doch noch ist es nicht soweit, denn Irans Raketen- und Drohnenkapazität ist noch nicht so weit geschwächt, dass wir die Grenzen überschreiten könnten.“
Pro-iranische Milizen werden zum Ziel
Die Kurden warten also ab, unter ständigem Beschuss – dabei kommen die Raketen und Drohnen nicht nur aus Iran. Denn im Irak kämpft auch eine Vielzahl schiitischer Milizen an der Seite des iranischen Regimes. Diese Gruppierungen zielten mit Drohnen auf US-Einrichtungen in der Hauptstadt Bagdad.
Da die US-Amerikaner jedoch zuletzt fast alle ihrer Soldaten aus dem Zentralirak in den Norden des Landes verlegt haben, sind die proiranischen Milizen verstärkt in der Kurdischen Autonomieregion aktiv – und suchen ihre Ziele sogar im Ausland, wie der irakische Politikberater Ihsan al-Shammary sagt: „Sie haben schon angekündigt, auch US-Stützpunkte in Nachbarländern wie Kuwait, Saudi-Arabien und Jordanien zu attackieren.“ Er könne sich sogar vorstellen, dass sie auch versuchen werden, Ziele in Israel anzugreifen.
In den letzten Tagen sind die pro-iranischen Milizen mehrfach zum Ziel von Angriffen der US-Luftwaffe geworden. Dutzende sollen getötet worden sein.
Die irakische Regierung verurteilte die Angriffe – ebenso wie den Beschuss aus Iran. Es ist der fast schon verzweifelte Versuch, es sich mit keiner der Kriegsparteien zu verscherzen. Der Irak ist wirtschaftlich und militärisch weiterhin abhängig von der ehemalige Besatzungsmacht USA. Aber auch der Einfluss des Nachbarlands Iran ist groß: Als dort Modschtaba Chamenei zum neuen Geistlichen Führer ernannte wurde, schickten sowohl die Regierung in Bagdad als auch die kurdische Führung in Erbil ihre Glückwünsche.
Source: tagesschau.de