Mehr als 2.000 Handelsschiffe mit rund 20.000 Seeleuten sitzen wegen des Iran-Kriegs im Persischen Golf fest. Der Verband deutscher Reeder warnt vor Gefahren für die Besatzungen.
Wegen des Iran-Kriegs ist der Verband deutscher Reeder (VDR) in großer Sorge ob der Sicherheit der Handelsschifffahrt im Persischen Golf. Seit Beginn des Kriegs Ende Februar sitzen in der Region mehr als 2.000 Handelsschiffe mit rund 20.000 Seeleuten fest, wie VDR-Präsidentin Gaby Bornheim in Hamburg sagte. Darunter seien mindestens 50 Schiffe von zehn deutschen Reedereien mit etwa 1.000 Seeleuten an Bord. Rund 20 Handelsschiffe seien bereits attackiert worden. „Es hat Verletzte und Tote gegeben.“
Kröger: „Das Risiko beschossen zu werden, ist real“
Die vor allem für den Öltransport wichtige Straße von Hormus sei faktisch gesperrt. „Die iranischen Streitkräfte haben sehr schnell nach Ausbruch der kriegerischen Handlungen die Schiffe direkt angesprochen und ihnen gedroht, sie in Brand zu setzen, wenn sie die Straße von Hormus passieren“, sagte Bornheim. Im Roten Meer habe es vor Beginn des Iran-Kriegs eine leichte Verbesserung gegeben, einzelne Linienreedereien wagten wieder die Passage durch den Suezkanal. Das könne sich aber schnell wieder ändern. „Im Moment sind wir alle sehr angespannt und müssen damit rechnen, dass es auch da weitere Angriffe geben wird“, sagte Bornheim mit Blick auf die Huthi-Rebellen.
VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger verwies auf weitere für die Handelsschifffahrt gefährliche Krisenherde, nannte etwa das südliche und östliche Mittelmeer, das Schwarze Meer und die Straße von Taiwan. „Und das Südchinesische Meer ist auch nicht gerade eine entspannte Seeregion.“ Selbst die Ostsee bereite der Handelsschifffahrt Probleme, weil die Navigationsgeräte, insbesondere das GPS-Signal, immer wieder gestört würden. „Ich denke, wir wissen alle, aus welcher Richtung das wohl zu verorten ist“, sagte Kröger, ohne Russland und seinen Präsidenten Wladimir Putin beim Namen zu nennen.
Versorgungslage der Seeleute an Bord ist gut
Die Versorgungslage der Seeleute an Bord der Schiffe im Persischen Golf bezeichnete Kröger als gut. Die Schiffe hätten Proviant für rund vier Wochen an Bord und es gebe auch die Möglichkeit zur Versorgung von Land. Aber: „Das Risiko beschossen zu werden, ist real.“ Verlassen könnten die Crews ihre Schiffe nicht, da diese nicht einfach wie ein Auto geparkt werden könnten. Die Schiffe seien in Betrieb und müssten überwacht und betreut werden. Kröger sagte, die Arbeiten erfolgten wegen der Gefahren aber vor allem unter Deck.
Die deutsche Handelsflotte umfasste im vergangenen Jahr 1.716 Schiffe, minimal weniger als im Jahr zuvor, wie Bornheim sagte. Zum Vergleich: Die USA verfügten nur über rund 80 hochseetaugliche Handelsschiffe im internationalen Verkehr, wollten dies aber ändern. Deutschland habe damit die siebtgrößte Handelsflotte der Welt. Davor liegen Griechenland, China, Singapur, Japan, Hongkong und Südkorea.
Deutschland bei Containerschifffahrt weltweit auf Platz zwei
Bei den Containerschiffen liegt Deutschland den Angaben zufolge im weltweiten Vergleich auf Platz zwei und damit vor China, aber hinter der Schweiz. Dass die Schweiz ohne jeden Zugang zu einem Meer ganz oben auf dem Treppchen steht, liegt allein an der weltgrößten Reederei MSC, die ihren Sitz in Genf hat. Die Zahl der deutschen Reedereien bezifferte der VDR auf 287, wobei mehr als 80 Prozent über weniger als zehn Schiffe verfügten.
Mit Blick auf die Debatte um eine Wehrpflicht und eine bessere Absicherung des deutschen Außenhandels – 60 Prozent der deutschen Im- und Exporte erfolgen über den Seeweg – machte der VDR der Politik das Angebot eines einjährigen, freiwilligen Seediensts auf deutschen Handelsschiffen. Das könnte für jene eine Alternative sein, die nicht zur Waffe greifen, aber dennoch dem Land dienen wollten.
Freiwilliger Seedienst für maritime Personalreserve
Dieser Dienst könnte auch zum Aufbau einer maritimen Personalreserve dienen, „was natürlich enorm wichtig ist, denn in einem Kriegsfall muss man damit rechnen, dass ausländisches Personal entweder nicht da ist, um unsere Schiffe zu bewegen, oder auch gar nicht gewollt ist“, erklärte der Verband. Dann sei es sehr gut, „wenn man hier schon eine Reserve hat, die schon mal auf einem Schiff gewesen ist, die gewisse nautische und technische Fähigkeiten erlernt hat“.
Das habe es schon mal in der Zeit des Kalten Kriegs gegeben, sagte Kröger. „Damals wurden aktive Seeleute unabkömmlich gestellt, mussten also nicht zum Militär, sondern konnten ihren Dienst auf den Schiffen weiter leisten.“ Aus Krögers Sicht sollte der Dienst den jungen Leuten bei der Ausbildung angerechnet werden. Sollte es zu einer allgemeinen Wehrpflicht kommen, sollte der Seedienst als Ersatzdienst anerkannt werden, schlug Kröger vor.
Krisenherde kontraproduktiv für Nachwuchsgewinnung
Besorgt zeigte sich Bornheim bei der Rekrutierung von Nachwuchs für die Seefahrt. In den vergangenen Jahren sei zwar viel erreicht worden. Allein im vergangenen Jahr seien 537 Neueinsteiger registriert worden. „Das ist ein Plus von knapp 30 Prozent und zugleich der höchste Wert seit 2012.“ Doch die aktuelle Lage auf den Weltmeeren sei ausgesprochen kontraproduktiv. Keiner der Seeleute habe jemals angekreuzt, in Kriegsgebiete fahren zu wollen, sagte Bornheim. Und „wie will ich heute junge Leute für die Handelsschifffahrt begeistern, wenn ich gleichzeitig deutsche Schiffe im Persischen Golf liegen habe?“
dpa
Source: stern.de