Die landesweiten Proteste eskalieren in Teheran, das Regime sperrt das Internet. Wiederholt sich im Iran gerade die Revolution von 1979 unter umgekehrten Vorzeichen? Welche Rolle spielen der Schah-Sohn Reza Pahlavi, die USA und Israel?
Protest gegen Ayatollah Khomeini in Teheran 1979 (Archivbild)
Foto: Michel Lipchitz/AP Images/picture alliance
Karl Marx behauptete, Geschichte würde sich zweimal ereignen; das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Demnach könnte Iran nach der Tragödie der Islamischen Revolution auf dem Weg zur royalen Farce sein.
Ausgerechnet der Sohn des 1979 gestürzten Schahs von Persien, Reza Pahlavi, ruft die landesweit Demonstrierenden in Iran zum Sturz des Mullah-Regimes auf. Wie vor 46 Jahren treibt es eine wachsende Zahl von Menschen aus wirtschaftlicher Not und politischer Wut auf die Straße. Und das Regime reagiert mit Internetsperren und eskaliert mit Gewalt. Wiederholt sich hier Geschichte?
Die Islamische Revolution war erfolgreich, weil sie mit Ayatollah Chomeini eine charismatische Führungsfigur besaß, hinter der sich eine sozial und politisch breit gefächerte Oppositionsbewegung versammeln konnte. Unter der grünen Fahne der schiitischen Geistlichkeit, über ihr Netz von Moscheen hervorragend organisiert, fanden protestierende Bauern ebenso Platz wie Tagelöhner aus den Elendsvierteln der Großstädte, Studenten, Arbeiter, Angestellte, Intellektuelle, und am Ende auch Teile des Militär- und Sicherheitsapparates. Entscheidend aber war: Die Basar-Händler schlugen sich auf die Seite der Mullahs und gaben ihnen so auch finanziellen Rückhalt.
Sogar Ayatollah Chamenei äußerte Verständnis für den Unmut der Basarhändler
Diese Revolutions-Geschichte scheint sich gerade unter umgekehrten Vorzeichen zu wiederholen. Die jüngsten Proteste haben ausgerechnet in den Basaren begonnen. Sie richten sich vor allem gegen die katastrophale wirtschaftliche Lage mit galoppierender Inflation und akutem Energie- und Wassermangel, die alle Bevölkerungsteile trifft. Schuld daran sind nicht nur die jüngst verschärften Sanktionen gegen Iran. Hinzu kommen hausgemachte Probleme: Die Inkompetenz in den nach politischer Loyalität besetzten Führungsetagen der Wirtschaft. Die Verschwendung ökonomischer Ressourcen an regionale Verbündete. Und ein teures Atomprogramm mit deutlich militärischer Schlagseite. Die Menschen in Iran wissen, wo und vom wem ihr Volksvermögen verpulvert wird.
Sogar der Oberste Führer, Ayatollah Ali Chamenei, äußert inzwischen Verständnis für den Unmut der Basarhändler. Auch der als Reformer ins Amt gewählte Premier Massud Peseschkian macht aus seiner Ohnmacht keinen Hehl mehr. Als in Teheran das Trinkwasser rationiert werden musste, tat er Pläne kund, die Hauptstadt zu verlegen. Zuvor hatte er verlauten lassen, sein Amt gern an jemanden abtreten zu wollen, der in der Lage sei, die Wirtschaftskrise zu überwinden. Die öffentliche Hilflosigkeit des Premiers unterstreicht, dass auch die Reformer in der Nomenklatura mit ihrem Latein am Ende sind.
Die Schaukelpolitik zwischen Hardlinern und Reformern funktioniert nicht mehr
In dieser Situation erhöhen Washington und Tel Aviv den Druck, sie drohen mit neuen Militärschlägen. Auch das erinnert an die Tragik der Islamischen Revolution: Sie begann im Januar 1979 als Volksaufstand und endete Monate später in einer Diktatur, die so nur im Schatten des achtjährigen Krieges mit Irak etabliert werden konnte. Dieser Krieg, zu dem Iraks Diktator Saddam Hussein von den USA ermuntert worden war, lieferte den Blutzoll auf dem Weg zur Alleinherrschaft der Ayatollahs in Iran. Ein Jahr nach Ende des militärisch sinnlosen Gemetzels starb der Revolutionsgründer Ayatollah Chomeini. Ali Chamenei trat seine Nachfolge als Oberster Führer an.
Unter Chameneis Ägide seit 1989 hat sich Iran sichtbar verändert. Die Islamische Republik ist in ihrem institutionellen Gefüge deutlich konservativer und politisch restriktiver geworden. Die Balance zwischen den weltlichen und klerikalen Institutionen hat sich zugunsten religiöser Strukturen, Apparate und Institutionen verschoben. Und das auf allen Ebenen von Regierung, Parlament, Justiz, Verwaltung, Sicherheitsdiensten und Militär. Diese Machtverschiebung half über manche Krise hinweg und schuf dabei neue Formen lokaler Verwaltung und Partizipation. Gleichzeitig hat sie politische Flexibilität gekostet. Die systemstabilisierende Schaukelpolitik zwischen religiösen Hardlinern und pragmatischen Reformern funktioniert nicht mehr. Das vor allem machen die politischen Proteste dieser Tage deutlich.
Im Juli hat US-Präsident Trump Netanjahu von einem Enthauptungsschlag gegen Chamenei abgehalten
Was aber wollen die Protestierenden? Wenn die Menge „Tod dem Diktator“ ruft, scheint die Frage mutig beantwortet. Doch die iranische Opposition hat sich bisher als zu schwach erwiesen, um die Mullah-Herrschaft ernsthaft zu gefährden. Sollten die USA tatsächlich militärisch eingreifen und die Spitzen des Regimes ausschalten, sähe das unter Umständen anders aus.
Ayatollah Chamenei stand bereits im Juli-Krieg 2025 im Fadenkreuz Israels. Damals hielt US-Präsident Donald Trump Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu von einem Enthauptungsschlag ab. Gäbe es nun ein „Go“ für den „regime change“, könnte sich die Geschichte tatsächlich als Farce wiederholen und der Sohn des gestürzten Schahs versuchen, als Spitze einer Übergangsregierung zurückzukehren. Dass Pahlavi junior in Teheran selbst keine politische Hausmacht hat, würde ihn für eine Rolle als Galionsfigur des Übergangs sogar prädestinieren.
Regime change made in USA?
Allerdings hätte ein solches Szenario nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn auch die Revolutionsgarden den Sturz des Regimes hinnehmen, um so ihre Pfründe in eine neue Zeit zu retten. Anderenfalls würde Iran ein Invasions- und Bürgerkrieg drohen, der das Land zerstören und die Region in Brand setzen könnte.
Wer aber wollte das eine arrangieren und garantieren, um das andere zu verhindern? Die Frage ist rhetorisch, ein Regimewechsel made in USA für Iran keine zukunftsfähige Option. Über ihr politisches Schicksal entscheiden die Iraner am besten selbst.