Iran im Krieg: „Wir werden durchhalten – die Freiheit wartet auf uns“

Diese Geschichte ist die Wiedergabe eines Austauschs mit meinem iranischen Freund. Wir kennen uns seit 25 Jahren. Man kann das Folgende nicht als ein normales Gespräch bezeichnen. Dafür fehlen die Bedingungen. Die Verbindung über das Netz ist schlecht, sie bricht immer wieder ab. Das ist die technische Seite.

Wichtiger aber: Ich kann meinen Freund vieles nicht fragen, was ich ihn fragen möchte. Und er kann mir nicht alles sagen, was er mir sagen möchte, ohne sich in Gefahr zu bringen. Auch seinen richtigen Namen schreibe ich deshalb nicht. Nennen wir in Mohsen.

Wir führen also dieses „Gespräch“, während auf seine Stadt die Bomben fallen und die Iraner und Iranerinnen die Schergen des Regimes fürchten müssen. Was Sie hier lesen, bleibt gezwungenermaßen bruchstückhaft.

Und doch öffnet sich ein Fenster. Wir begegnen einem Menschen, der sein Land liebt, seine Familie beschützen will, die Hoffnung nicht aufgibt.

28. Februar – Kriegsbeginn

Ich schreibe eine Textnachricht an Mohsen via Whatsapp:

Lieber Mohsen, meine Gedanken sind bei dir und deiner Familie. Ich hoffe, ihr seid in Sicherheit. Bitte, schicke mir Nachrichten, wann immer es dir möglich ist.

Mohsen antwortet:

Ich danke dir so sehr für deine Worte. Wir sind sicher, aber rund um uns herum gibt es Explosionen.

Mohsen ist 64 Jahre alt. Er kennt den Krieg. 1980 griff der irakische Diktator Saddam Hussein die Islamische Republik Iran an, ermuntert und unterstützt von den USA. Der Angreifer dachte, die Sache würde in wenigen Wochen, wenn nicht Tagen, erledigt sein. Die Islamisten waren noch kein Jahr an der Macht, die Opposition im Land war zu dem Zeitpunkt noch stark, ein paar Schläge von außen, und das Regime würde stürzen. Das war das Kalkül Saddam Husseins, und es war wohl auch das seiner US-amerikanischen Freunde. Es kam anders.

Die Mullahs nutzten den Krieg, um die Opposition im Inneren gnadenlos auszuschalten. Dem charismatischen Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini gelang es, das Volk gegen den Aggressor zu mobilisieren. Die Mullahs aktivierten den für die Schiiten so zentralen Märtyrerkult, viele Iraner verteidigten ihr Land allerdings nicht aus Sympathie für die Mullahs, sondern aus patriotischen Gründen. Mohsen war einer von ihnen.

Er war 18 Jahre alt und während einer Asienreise gerade in Thailand, als Saddam Hussein seine Armee in Marsch setzte.

Mohsen ist kein Anhänger des Regimes, er ist kein Gläubiger, und doch kehrte er aus Thailand sofort in den Iran zurück, um sein Land zu verteidigen. Er ging zur Armee. Der Krieg dauerte von 1980 bis 1988. All die Jahre kämpfte Mohsen gegen die irakischen Aggressoren. Saddam Hussein hatte unter anderem auch chemische Massenvernichtungsmittel eingesetzt, um den iranischen Widerstand zu brechen – ohne Erfolg. Aus dem geplanten schnellen Feldzug war ein blutiger Abnutzungskrieg geworden. Nach Schätzungen verloren mehr als eine Million Soldaten ihr Leben. Mohsen überlebte, ohne sichtbare Verletzungen.

3. März

Ich versuche, Mohsen anzurufen. Er nimmt nicht ab. Später am Tag erreicht mich seine Textnachricht. Er schreibt:

Ich habe gesehen, dass du angerufen hast. Das Internet funktionierte heute Morgen nicht. Schade, ich hätte so gern mit dir gesprochen.

Ich rufe ihn wieder an, wieder ohne Erfolg. Spätabends erreicht mich eine Sprachnachricht:

Mein Sohn sagt, er fühle Trauer, wenn er die Explosionen rund um uns herum sieht. Ich fragte ihn: Warum? Besitzt du denn etwas in Teheran? Einen Zentimeter Boden etwa? Oder hast du gute Erinnerungen an die Straßen dieser Stadt? Mein Enkel hatte uns zugehört und schaltete sich jetzt in das Gespräch ein. Aber ich habe gute Erinnerungen!, sagt er. Welche denn?, frage ich ihn. Er: An unsere Reise nach Dubai, sie war wunderbar.

Mohsen studierte nach dem Krieg Maschinenbau. Er heiratete. Weder er noch seine Frau stammen aus Teheran, wo sie heute leben. Sie kommen aus zwei verschiedenen Provinzen. Auch deswegen haben sie eine über das Land weit verzweigte Verwandtschaft. Seine Frau gebar einen Sohn und eine Tochter, die inzwischen erwachsen sind. Die Familie lebt in bescheidenem Wohlstand.

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