Iran-Experte im Interview: „Putin dürfte die Tötung Khameneis am meisten organisieren“

Was bedeutet der Irankrieg für Russland?

Kurzfristig kann Russland in finanzieller Hinsicht von dem Krieg profitieren, weil die Preise für Öl steigen. Außerdem kann Iran gerade kein Öl mehr nach China ausführen, um dessen Markt Russland und Iran ständig miteinander konkurriert haben. Das gibt Russland die Chance, die Einnahmeverluste auszugleichen, die sich daraus ergeben, dass Indien seine russischen Ölimporte verringert. Damit enden die Vorteile. Langfristig steht für Russland jetzt eine ganze Reihe von Projekten, die mit Iran verbunden sind, infrage. Denn es ist schwierig, in ein Land zu investieren, in dem protestiert wird, das bombardiert und dessen Infrastruktur zerstört wird.

Nikita Smagin ist ein russischer Fachmann für Iran, wo er bis zu seiner Kündigung 2022 als Korrespondent der Staatsnachrichtenagentur TASS arbeitete. Moskau verfolgt ihn als „ausländischen Agenten“.Privat

Um welche Projekte geht es konkret?

Das wichtigste dieser Projekte ist der Nord-Süd-Transportkorridor, für den Russland geplant hat, auf eigene Kosten eine Eisenbahnlinie zu bauen. Zudem wollte Russland Iran zu einem Gas-Hub machen, um die Option zu bekommen, über die Infrastruktur Aserbaidschans und Turkmenistans sein Gas auf die Weltmärkte zu schaffen. Die Rentabilität dieser Projekte ist fraglich. Aber sie sind für Russland als Alternativen sehr wichtig, zum Beispiel für den Fall, dass die Türkei beginnen sollte, westliche Sanktionen umzusetzen. Daneben sollte Russland in Iran das Atomkraftwerk Buschehr erweitern und ein weiteres, Hormos, bauen. Außerdem baut Russland das Wärmekraftwerk Sirik. Ferner ist das russische Ölunternehmen SN Wostok in Iran tätig. Auch an alldem bestehen jetzt große Zweifel.

Und was bedeuten der Krieg gegen Iran und die Tötung von dessen Oberstem Führer, Ali Khamenei, für Wladimir Putin persönlich?

Putin dürfte die Tötung Khameneis am meisten besorgen. Nicht dass er Angst hätte, dass auch er selbst getötet werden könnte: Er ist überzeugt davon, dass Russland mit seinen Nuklearwaffen viel stärker ist und dass sich niemand zu einem solchen Schritt entschließen wird. Aber ihn schreckt die Entweihung der Macht, das heißt, dass es normal wird, ein Staatsoberhaupt zu töten. Für Putin wird das einerseits ein Problem, wenn er ins Ausland reist; die Sicherheitsfragen werden noch komplizierter. Andererseits soll für ihn ein Staatsoberhaupt unantastbar sein, eine sakrale Figur.

Wenn es nach Putin ginge, wer sollte Khameneis Nachfolger werden?

Wichtig ist für Putin, dass das Regime bestehen bleibt. Allen ist klar, dass jede andere Regierung nicht so prorussisch wäre. Sie könnte ganz auf Russland verzichten oder die Zusammenarbeit einschränken, würde aber auf jeden Fall von einer veränderten Grundlage aus sprechen. Putin denkt wohl noch nicht ernstlich über die Nachfolge Khameneis nach. Doch sollte es aus seiner Sicht jemand sein, der sich nicht mit dem Westen verständigt und der Irans Kurs nicht grundsätzlich überdenkt. Khameneis Sohn Modschtaba, über den nun alle sprechen, würde da gut passen: Er ist konservativ und steht seit Langem unter westlichen Sanktionen. Aber auch andere kämen infrage.

Kann Putin den Lauf der Dinge beeinflussen?

Nein. Die einzigen Handelnden sind die USA und Israel, alle anderen können bestenfalls versuchen, Druck auf sie auszuüben. Die Golfstaaten können Washington beeinflussen, etwa indem sie damit drohen, ihre Investitionen in die amerikanische Wirtschaft zu senken oder umgekehrt mehr Investitionen versprechen. Putin hat diese Möglichkeit nicht. Ein militärisches Eingreifen Russlands ist heute unvorstellbar. Außerdem will Putin seine Beziehungen zu Israel und zu Donald Trump nicht zu stark beschädigen.

Inwiefern?

Israel arbeitet mit Russland weiter auf die eine oder andere Weise zusammen, tritt zum Beispiel dafür ein, dass Russland seine Militärstützpunkte in Syrien behält, als Gegengewicht zur Türkei. Und mit Blick auf Trump hofft Russland trotz allem weiter darauf, dass der als originelle Figur bei den Verhandlungen zur Ukraine helfen kann. Langfristig ist allein die Unterstützung Irans im Rüstungsbereich ein sehr wahrscheinliches Szenario, wenn die Islamische Republik bestehen bleibt – aber solange Russland seinen eigenen Krieg hat, nicht in großen Mengen.

Spielen russische Waffen heute noch eine Rolle bei der Verteidigung Irans?

Bei der Gegenwehr gegen die USA und Israel praktisch nicht. Russland hat Iran eine Staffel von Ausbildungsflugzeugen vom Typ Jak-130 geliefert. Aber die können nicht mit echten Kampfflugzeugen mithalten. Gerade wurde ein erstes Jak-130 am Himmel über Teheran abgeschossen. In jüngster Zeit hat Russland Iran ganz andere Rüstungsgüter geliefert: solche, die im Kampf gegen Aufständische oder in einem Bürgerkrieg genutzt werden können. Zum Beispiel Scharfschützengewehre und mindestens Dutzende gepanzerte Fahrzeuge vom Typ Spartak. Diese kamen schon zum Einsatz, als die Proteste Anfang Januar niedergeschlagen wurden. Außerdem hat Russland Iran in diesem Jahr erstmals Mi-28-Kampfhubschrauber geliefert. Aber sogar wenn diese jetzt nicht zerstört werden, eignen sie sich allein für den Kampf gegen innere Bedrohungen und nicht dazu, den USA und Israel Widerstand zu leisten.

Was ist aus den russischen S-300-Flugabwehrsystemen geworden?

Iran hatte vier S-300-Flugabwehrbatterien, die wichtige Objekte schützten. Aber sie wurden größtenteils im Zwölftagekrieg des vergangenen Jahres außer Gefecht gesetzt. Im Januar und Februar dieses Jahres hat Russland die Militärtransportflüge nach Iran sehr stark ausgeweitet. Wir wissen, dass die Mi-28-Hubschrauber dorthin gebracht wurden, aber anscheinend noch etwas. Vielleicht Teile, die dazu dienen könnten, die S-300 instand zu setzen. Das aber dürfte Iran kaum gelungen sein, und selbst wenn doch, wären sie jetzt wieder zerstört. Den Faktor S-300 kann man also vergessen. Iran hatte seine eigenen Flugabwehrbatterien, aber auch diese sind größtenteils im Zwölftagekrieg zerstört worden. Im vergangenen halben Jahr hat Iran, soweit bekannt, sich weniger um die Flugabwehr gekümmert, im Bewusstsein, dass ohnehin zu wenig Zeit dafür war, etwas zu erreichen. Vielmehr setzte das Regime darauf, so viele Raketen und Drohnen herzustellen wie möglich, um die Möglichkeit von Vergeltungsschlägen zu bekommen, wie wir sie jetzt sehen.

Hat Iran versucht, von Russland Waffen zu bekommen, die für das Land in diesem Krieg von Vorteil gewesen wären?

Ja, das haben sie versucht. Die Su-35-Kampfflugzeuge wären für solche Zwecke geeignet. Ihre Lieferung ist auch vereinbart worden. Sie hätten zwar im aktuellen Krieg nichts grundsätzlich geändert: Es wären nicht genug Flugzeuge gewesen, außerdem hätten die iranischen Piloten erst daran ausgebildet werden müssen. Nichtsdestoweniger wäre das genau die Art von Waffe, die Iran jetzt braucht – und Russland hat sich nicht beeilt damit, den Liefervertrag zu erfüllen. Mit den S-300-Flugabwehrsystemen ist es anscheinend dasselbe. Russland kann sie derzeit einfach nicht liefern, weil es sie im Krieg gegen die Ukraine selbst benutzt, und kann sie nicht speziell für Iran herstellen. Hinzu kommt, dass Russland seine Beziehungen zu Israel, Saudi-Arabien, der Türkei, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht verderben will. Jüngst wurde berichtet, Russland werde Iran schultergestützte Raketensysteme des Typs Werba liefern. Das liegt aber daran, dass diese in der Ukraine überhaupt nicht gebraucht werden. Und in einer Militäroperation, wie sie jetzt gegen Iran läuft, würden sie nichts bewirken.

Im Herbst 2022 hat Iran Russland mit seinen Shahed-136-Drohnen unterstützt, die Russland dann bald als Geran-2 nachgebaut hat. Wie wahrscheinlich ist es, dass Russland nun Iran mit Drohnen hilft?

Die Wahrscheinlichkeit besteht. Geran-2 ist heute gegenüber der Shahed-Ausgangsvariante stark verbessert, und laut Medienberichten hat Iran eine entsprechende Anfrage an Russland gestellt. Aber Russlands Priorität liegt auf dem Krieg gegen die Ukraine. Solange dieser andauert, ist nicht damit zu rechnen, dass Russland die Drohne in großem Umfang an Iran liefern wird.

Source: faz.net