IQM aus Finnland: Das erste europäische Quantenunternehmen geht an die Handelszentrum

Der finnische Hersteller von Quantencomputern IQM hat den nächsten Meilenstein seiner Wachstumsgeschichte angekündigt: Das Unternehmen will im Sommer durch einen Börsengang frisches Geld einsammeln. Dem liegt nach Unternehmensangaben eine Bewertung von 1,8 Milliarden Dollar zugrunde. IQM erhofft sich aus dem  Börsengang neue Barmittel in Höhe von 450 Millionen Euro.

Für den deutschen Mitgründer und Vorstandschef Jan Goetz ist der Sprung aufs Parkett der nächste notwendige Schritt: „Der Börsengang ermöglicht es uns, wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Goetz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

IQM bezeichnet sich selbst als führender Anbieter von Quantencomputern, die es in Finnland in einer eigenen kleinen Serienproduktion fertigt. Bislang sind demnach 21 Systeme an 13 Kunden verkauft worden. Darunter befänden sich vier der zehn führenden Supercomputing-Zentren. Erst vor wenigen Tagen wurde der Quantenrechner Euro-Q-Exa am Leibniz-Institut in Garching in Betrieb genommen; er arbeitet als Beschleuniger der dortigen klassischen Supercomputer. IQM weist für das Jahr 2025 einen Umsatz von 35 Millionen Dollar aus, der Auftragsbestand liegt demnach bei rund 100 Millionen Dollar.

Beschleunigung durch Börsenmantel

Technisch erfolgt der Börsengang über einen sogenannten SPAC. Die Abkürzung steht im Angelsächsischen für eine Mantelgesellschaft ohne operatives Geschäft, die quasi auf Vorrat gegründet wurde. Im Fall von IQM ermöglicht der geplante Zusammenschluss mit der an der Technologiebörse Nasdaq notierten Zweckgesellschaft RAAQ, dass langwierige Zulassungsverfahren für ein nicht börsennotiertes Unternehmen entfallen.

IQM kann somit deutlich schneller an die Börse gehen. Die neue Gesellschaft soll entweder an der NYSE oder an der Nasdaq gelistet sein. Außerdem ist eine Zweitnotiz an der Börse in Helsinki vorgesehen.

Der Börsengang fällt in eine Zeit, in der Quantencomputing durch die wissenschaftlichen und technischen Fortschritte der vergangenen Jahre zunehmend in den kommerziellen Fokus gerät. Vom „nächsten großen Ding“ ist dabei gern die Rede. Denn klassische Computer stoßen bei der Verarbeitung riesiger Datenmengen zunehmend an ihre Leistungsgrenzen.

Quantencomputer gelten als Hoffnungsträger, denn sie führen Berechnungen anders durch als herkömmliche Computer. Anstatt Daten mit Bits darzustellen, die einen Zustand von entweder eins oder null repräsentieren, nutzen Quantencomputer die quantenmechanischen Eigenschaften sogenannter Qubits, die gleichzeitig eine Kombination aus beiden Zuständen annehmen. Daraus können Wissenschaftler und Ingenieure neuartige Computer bauen, die klassische Rechner in den Schatten stellen. Bislang gilt die Technologie jedoch noch als nicht ausgereift.

Die großen Technologiekonzerne in den USA und China stecken viel Geld in die Grundlagen- und Anwendungsforschung. Die US-Regierung sieht Quantencomputing zudem als essentiellen Bestandteil der Nationalen Sicherheit und fördert die Entwicklung. In China dürfte die Forschung von Militär und Wirtschaft auf diesem Gebiet ohnehin Hand in Hand gehen. Auch Europa mischt mit einer Reihe von Start-ups vorn mit. Während junge Firmen in Übersee auf staatliche Beihilfen wie auch auf finanzielle Unterstützung seitens der reichen Tech-Konzerne rechnen können, hängen viele europäische Firmen vor allem an den Zuschüssen der öffentlichen Hand.

Im Wettlauf mit IBM und Google

Zuletzt haben die noch jungen amerikanischen Unternehmen Ionq Inc. und D-Wave Quantum für Aufsehen gesorgt. Beide gingen aus Einrichtungen der Spitzenforschung hervor; beide sind heute an der Börse notiert; und beide haben den Sprung auf das Parkett ebenfalls einen SPAC  gewagt. Seitdem haben sich die Kurse der Unternehmen nahezu verfünffacht. Ionq wird heute mit fast zwölf, D-Wave mit mehr als sechs Milliarden Dollar bewertet.

Darüber hinaus engagiert sich IBM, der Erfinder der großen Mainframe- und der kleinen Personal-Computer, seit zehn Jahren verstärkt im Quantencomputing. Der Konzern hat einen Entwicklungsplan, nachdem es Anfang der 2030er-Jahre einen Quantenrechner auf den Markt bringen will, der leistungsstärker als alle bisherigen Rechner ist.

Google will dem nicht nachstehen. Der Konzern erklärte, es habe bereits einen Chip, mit dem sich ein Computersystem bauen ließe, das Tausende Male leistungsfähiger ist als ein herkömmliches System.

Wohl auch wegen der hohen Dynamik im Markt will auch IQM jetzt das Interesse der Investoren nutzen, um die weitere Entwicklung zu finanzieren. Erst im Herbst hatte IQM eine Finanzierungsrunde über 275 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wurde sie erstmals von einem US-Investor. Auch die Schwarz-Gruppe war mit im Boot. Vorstandschef Goetz hatte in der F.A.Z. die Bedeutung von amerikanischen Geldgebern auch mit den Absatzchancen in den USA begründet, zudem jedoch die Verbundenheit mit Europa betont.

Der promovierte Physiker  hat das Unternehmen im Jahr 2019 mit drei finnischen Kollegen gegründet, es war eine Ausgründung der Aalto-Universität. Mittlerweile zählt es rund 350 Mitarbeiter, davon etwa 100 am wichtigen Standort München. In der bayerischen Landeshauptstadt sitzen viele Entwickler, besteht obendrein enger Kontakt zu Forschungseinrichtungen und Politik. Auch deshalb bezeichnet sich IQM als finnisch-deutsches Unternehmen.

Technologisch setzt IQM bei seinen Computern auf siliziumbasierte Chips, die mit herkömmlichen Methoden hergestellt werden. Dafür ist seit 2023 auch der US-Konzern Nvidia als Partner im Boot, der dank seiner besonderen Stellung für KI-Chips derzeit das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Als Besonderheit der IQM-Chips bezeichnete Goetz in der F.A.Z. neben „ein paar speziellen Materialien“  das Herunterkühlen auf minus 270 Grad. Dadurch würden die Quanteneffekte erzielt.

Eine Sprecherin des Leibniz-Instituts sagte, dass der Stromverbrauch des neuen Quantenrechners dennoch geringer sei als der bisheriger Supercomputer. IQM wirbt damit, dass seine Rechner mit 150 Qubits arbeiteten und damit etwa auf Augenhöhe großer US-Konzerne wie IBM lägen. Die Kosten für die Systeme dürften im zweistelligen Millionenbereich liegen. IQM bietet jedoch auch kleinere Systeme an, die für weniger als eine Million Euro zu haben sind.

AaltoAndersBoerseChinachipChipsDDollarDreiEntwicklungEuroEuropaFFinnlandFirmenForschungGeldGesellschaftGoogleHerbstIngenieureJanJungenKIKollegenKostenLeibnizMilitärMillionMünchenNasdaqNvidiaPersonalPolitikQuantencomputerRegierungSchwarzSelbstSicherheitSommerStart-upsSupercomputerUnternehmenUSUSAWELTWillWirtschaftWissenschaftlerZZeitZukunft