Investitionen in Rüstung: Warum in Osteuropa dies Interesse an Rüstung wächst

Der jüngste Zukauf des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall blieb unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle. Die Deutschen übernahmen für einen nicht genannten Betrag 51 Prozent der kroatischen DOK-Ing. Das ist ein in Fachkreisen anerkannter Spezialist für unbemannte Fahrzeuge wie Minenräumer. Beide Unternehmen waren schon eine strategische Kooperation eingegangen, nun folgt die eigentumsrechtliche.

Nicht nur Rheinmetall schaut sich nach lohnenden Investitionen um. In Rumänien übernahm der türkische Fahrzeughersteller Otokar im Januar für kolportierte 85 Millionen Euro die rumänische Automecanica SA, mit der Otokar erst im Vorjahr ein Gemeinschaftsunternehmen zur Fertigung von 1059 COBRA-Radpanzern für die rumänische Armee auf die Beine gestellt hatte. Anfang März kaufte die Prager Rüstungsschmiede CSG 49 Prozent der ungarischen 4iG Space & Defence Technologies und damit auch 37 Prozent an der Rába Automotive Holding Plc.

Auf dem Programm steht die Produktion Tausender schwerer Fahrzeuge für die ungarische Armee sowie ein neues Exportprogramm für mittelschwere Fahrzeuge im Wert einer Milliarde Euro. Zudem könnten US-Mehrfachraketenwerfer HIMARS auf Chassis des zum CSG-Universum gehörenden tschechischen Fahrzeugspezialisten Tatra bei Rába in Ungarn montiert werden.

Rüstungskonzerne beschaffen sich frisches Kapital

Im fünften Jahr des russischen Überfalls auf die Ukraine stellt sich die Verteidigungsindustrie zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Adria neu auf. Dabei sind mehrere Treiber im Spiel. Die Länder haben ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis, was sich in schnell wachsenden Verteidigungsetats spiegelt. Mit ihrem Security Action for Europe Programm (SAFE) über 150 Milliarden Euro verbilligter Kredite über 45 Jahre Laufzeit bietet die EU-Kommission zusätzliche Anreize, die Rüstungsaktivitäten auszubauen.

Börsengänge wie der jüngst von CSG oder die angekündigte Zweitnotierung samt Kapitalerhöhung des Prager Waffen- und Munitionsherstellers Colt an der Amsterdamer Euronext verschaffen Unternehmen frisches Kapital, um Zukäufe zu finanzieren. Arrivierte Anbieter expandieren und konsolidieren den Markt. Nicht jedes Kriterium trifft auf jedes Land zu, aber in der Summe bedeutet das einen erheblichen Schub für die in den vergangenen Jahrzehnten vielfach vernachlässigte Verteidigungsindustrie Osteuropas. Für das viele Geld, das die Regierungen bereit sind, auszugeben, verlangen sie im Gegenzug allerdings mehr lokale Beteiligung.

Rheinmetall fertigt Munition in Osteuropa über Joint Venture

In der Tschechischen Republik will Wirtschaftsminister Karel Havlíček die Rüstungsindustrie zu einer zweiten Autoindustrie entwickeln: „Die Verteidigungsindustrie wird, was Umsatz, Export und Wertschöpfung angeht, ein wichtigerer Teil unserer Wirtschaft werden“, sagte er der F.A.Z. In Warschau sagt der in der polnischen Regierung zuständige Staatssekretär Konrad Gołota den Rüstungsunternehmen: „Wenn Sie hier verkaufen wollen, investieren Sie hier“. Eine Folge sind das Gründen von Gemeinschaftsbetrieben, Fertigungskooperationen mit lokalen Herstellern und Produktionsaufbau vor Ort.

Rheinmetall hat in Rumänien, Bulgarien oder Lettland Gemeinschaftsunternehmen mit lokaler Beteiligung zur Fertigung von Artilleriemunition gegründet. Das Investitionsvolumen beträgt knapp zwei Milliarden Euro. In Ungarn bauen die Düsseldorfer Schützenpanzer vom Typ Lynx. Die Prager CSG, der umsatzstärkste Rüstungskonzern in Ostmitteleuropa, zeigt sich nicht nur als aggressiver Akquisiteur. In Deutschland hatte man sich Rohstofflieferanten für die Munitionsherstellung gesichert, in Serbien Ende 2025 einen Hersteller von Motoren für Drohnen erworben. In der Slowakei, wo CSG Artilleriegranaten fertigt, wurde im März ein Gemeinschaftsunternehmen von Frankreichs Eurenco mit der slowakischen ZVS Holding beschlossen. In eine Produktionsanlage für Artillerie-Treibladungen sollen 300 Millionen Euro investiert werden.

Länder beantragen Milliarden aus EU-Programm

Die jüngste der im Wochentakt folgenden CSG-Mitteilungen betraf einen Rahmenvertrag mit Polens führendem staatlichem Rüstungskonzern Polska Grupa Zbrojeniowa (PGZ). Ziel sei der Bau von Triebwerken für Drohnen und Raketen sowie von Munition und Fahrzeugen. Man wolle an Verteidigungsprogrammen der EU und im NATO-Raum teilnehmen.

Konkret geht es um Gelder aus dem EU-SAFE-Programm. Zwei Drittel davon könnten an Empfänger im Osten der EU gehen. Polen beantragte 44 Milliarden Euro. Ungarn, das von der EU wegen diverser Verstöße gegen Rechtsstaatlichkeit von Förderprogrammen ausgeschlossen wurde, hat bis zu 17,4 Milliarden Euro aus dem Programm erbeten. An dritter Stelle liegt Rumänien mit 16,7 Milliarden Euro, die baltischen Staaten kommen auf gut zwölf Milliarden Euro. Bulgariens Projekte summieren sich auf 3,3 Milliarden Euro, die der Slowakei auf 2,3 Milliarden Euro, die der Tschechischen Republik auf zwei Milliarden Euro und die Kroatiens auf immer noch 1,7 Milliarden Euro.

Aufrüstung: Polen will Reserven der Nationalbank mobilisieren

Polens Staatspräsident Karol Nawrocki hat zwar soeben das Gesetz gestoppt, mit dem das EU-Geld genutzt werden kann. Aber das heißt nicht, dass es kein Extrageld für die Verteidigung geben wird, für die Polen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausgibt. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri ist Polen in den vergangenen fünf Jahren der größte Rüstungsimporteur in der NATO gewesen.

Damit das Geld für Polens Aufrüstung nicht knapp wird, denkt Nawrocki an eine Neubewertung und Mobilisierung von Reserven der Nationalbank. Die Regierung, die dem zustimmen müsste, sieht noch einen anderen Weg, die EU-Gelder zu nutzen. Kein Grund zur Besorgnis also für die Verteidigungsbranche. Die EU-Mittel dürften ein weiterer Grund sein für Anbieter außerhalb der Gemeinschaft, sich dort anzusiedeln. Denn das Geld gibt es nur, wenn mindestens 65 Prozent der Waffen lokal produziert werden. Das zuletzt stark gewachsene Engagement von Rüstungsunternehmen aus der Türkei, die auch gerne von dem warmen SAFE-Regen profitiert hätten, lässt sich so erklären.

Der größte türkische Rüstungskonzern Aselsan verabredete in den vergangenen Wochen Kooperationsabkommen mit Ungarns 4iG und dem die lokale Branche anführenden rumänischen Staatskonzern Romarm. Ende 2025 hatte Aselsan mit der Regierung in Warschau den Verkauf von Material zur elektronischen Kriegsführung über 360 Millionen Euro verabredet. Der Istanbuler Drohnenbauer Baykar hat nicht nur Drohnen nach Polen und andere osteuropäische NATO-Partner verkauft, sondern auch mit Italiens Rüstungsschmiede Leonardo ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau von Drohnen aufgelegt. Türkische Marinewerften bauen Fregatten für Rumänen, sie haben auch das Interesse Kroatiens geweckt.

Nationale Töne bleiben nicht aus. So betonte Gellért Jászai, Vorsitzender der 4iG Group beim Anteilsverkauf an CSG im Beisein des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, internationale Kooperationen würden „die Souveränität Ungarn stärken, die Versorgungssicherheit der ungarischen Streitkräfte gewährleisten und langfristig den Platz Ungarns in der internationalen Verteidigungsindustrie definieren“. Gołota, der polnische Unterstaatssekretär für Staatsvermögen, sagt aus ähnlichem Anlass, es sei „jetzt die Zeit, kluge und verantwortungsvolle Allianzen mit unseren nächsten Nachbarn zu schließen“. Die Industrien wollten miteinander kooperieren, statt zu konkurrieren. „Eine gute Zusammenarbeit zwischen unseren Verteidigungsministerien und Industrien garantiert, dass wir Stabilität und Entwicklung in der Region auf kohärente Weise aufbauen.“

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