Weiterhin sterben Menschen im Gazastreifen durch Bomben und Scharfschützen, durch Verletzungen, die nicht mehr in Kliniken behandelt werden können, oder durch Krankheiten, weil sie keine Medikamente mehr bekommen – und sie sterben nun auch an Unterernährung. Die Journalistin Ghada al-Kurd hat Angst, mit ihren beiden Töchtern zu verhungern, ist den Nachrichten zu entnehmen, die den Autor aus dem Gazastreifen erreichen.
Ghada al-Kurd, die in Gaza und in der Türkei studiert hat, arbeitete bis zuletzt für deutsche, britische und Schweizer Medien. Dies war umso wichtiger, weil die Regierung Netanjahu seit einiger Zeit ausländischen Journalisten keine Einreiseerlaubnis erteilt.
Nach einem Bericht von „Reporter ohne Grenzen“ vom 21. Juli sind zwischenzeitlich offiziell über 200 Journalistinnen und Journalisten von der israelischen Armee getötet worden, teilweise gezielt. Wer dem bisher entkommen ist, haust in Trümmern, unter denen Tote liegen, oder in Zelten ohne jeglichen hygienischen Komfort. Diese Reporter berichten aus Gebieten, in denen es nach wie vor Angriffe aus der Luft gibt und Blindgänger zuhauf eine tödliche Gefahr sind.
Ghada al-Kurd bezweifelt, ob sie eine achte Vertreibung nach sieben vorhergehenden überlebt
Ghada al-Kurd ist nur deshalb noch am Leben, weil sie sich am 30. Juni vor dem israelischen Angriff mit einer 250 Kilobombe auf das voll besetzte Café Al-Baqa am Strand von Gaza-Stadt entschlossen hatte, eine Freundin woanders zu treffen. Das Lokal war – des relativ stabilen Internets wegen – ein wichtiger Anlaufpunkt für Berichterstatter und Fotografen. Mehr als 40 Menschen starben, 72 wurden zum Teil mit schweren Verbrennungen und abgerissenen Gliedmaßen in das Al-Shifa-Hospital eingeliefert und mussten dort unter primitivsten Bedingungen behandelt werden.
Die israelische Armee behauptet, mehrere ranghohe Hamas-Kämpfer getötet und die anwesenden Zivilisten so gut wie möglich geschützt zu haben. Sie versprach, den Vorfall zu untersuchen. Bis jetzt liegen – wie in anderen Fällen auch – keine Ergebnisse vor. Einer der letzten Orte, so berichtet Ghada, an dem sie mit ihren Töchtern kurz Ruhe finden und bei mehr als 30 Grad im Schatten ein wenig Luft schöpfen konnte, ist vernichtet worden – ein Zufluchtsort wurde durch Bombensplitter in eine Todeszone verwandelt.
Nach der Waffenruhe im Januar war Ghada al-Kurd aus dem Süden Gazas über Deir al-Balah zurückgekehrt nach Gaza-Stadt. Seither bewohnte sie mit den Töchtern und den Familien von zwei älteren Brüdern drei Zimmer in einer Erdgeschosswohnung ohne fließendes Wasser. Die höheren Etagen sind beschädigt. Sie kann nie sicher sein, dass nicht auch dieses Haus – wie 90 Prozent der Gebäude im Gazastreifen – durch einen Angriff der israelischen Armee völlig zerstört wird. In der ursprünglichen Behausung der Familie starb Ende Januar 2024 ihr Vater, der an Diabetes litt und keine Medikamente mehr bekam.
Ob Ghada al-Kurd im Westen von Gaza-Stadt bleiben kann, ist ungewiss, denn die israelische Regierung beabsichtigt, die gesamte Bevölkerung im Süden in Lagern zu konzentrieren, so offizielle Verlautbarungen. Auch bezweifelt sie, ob eine achte Vertreibung nach sieben vorhergehenden zu überleben, zumal seit dem Ende der Waffenruhe im März die Lieferung von Lebensmitteln und humanitären Hilfsgütern in den Gazastreifen blockiert und Hunger als Waffe eingesetzt wird.
War die Versorgungslage ihrer Familie bereits vorher prekär, ist sie seitdem verheerend. Die im Mai in Erscheinung tretende, private Gaza Humanitarian Foundation brachte keine Verbesserung. Deren vier Verteilungszentren wurden für mehr als 500 Menschen zur Todesfalle, bevor sie wieder geschlossen wurden und sich damit die Situation noch mehr verschärft hat. Es kam hinzu, dass eine Verteilungsstation in der Mitte des Gazastreifens zu weit entfernt und für Menschen aus Gaza-Stadt auf keiner gesicherten Straße zu Fuß erreichbar ist.
Ghada al-Kurd möchte nicht, dass man ihren Kindern den Krieg ansieht. Aber wie soll das gehen?
Die Journalistin war immer das, was man eine Alleinverdienerin nennt, sowohl für die beiden Töchter als auch für die Familien der beiden Brüder. Abgesehen davon, dass die Preise für Lebensmittel seit dem Frühjahr wegen der Blockade noch einmal explodiert sind, ist der Zugang zu Geldmitteln jeglicher Art zusammengebrochen.
Ghada al-Kurd möchte nicht, schreibt sie aus Gaza, dass man ihren Kindern den Krieg ansieht. Wie aber soll das gehen, wenn es seit Monaten nur noch Bohnen und Linsen aus der Dose gibt – keinen Fisch und kein Fleisch, keine Eier, kein Obst, nicht einmal Kartoffeln? Im Café Al-Baqa gab es manchmal für die Töchter Fatma und Mira Crêpes mit Nutella. Das hat sich nun auf schreckliche Weise erledigt.
Ein Kilogramm Mehl kostet inzwischen an die 50 Dollar. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn Lebensmittel aus der Luft abgeworfen werden. Trinkwasser muss gekauft werden. Aufbereitetes salzig schmeckendes Wasser wird von der Familie aus Brunnen geholt, abgekocht und mit Trinkwasser vermischt getrunken. Dies ist allerdings nur möglich, wenn man Gas zum Kochen auftreiben kann.
Unter diesen Bedingungen Interviews zu führen, Informationen einzuholen, zwischen den Ruinen unterwegs zu sein und zu schreiben, bringt Ghada al-Kurd mittlerweile an den Rand der Belastbarkeit. Sie ist geschwächt, hat Gewicht verloren, leidet wegen des Hungers unter ständigen Kopfschmerzen und lebt in der ständigen Angst, dass ihr etwas passieren könnte. Was würde dann aus ihren Töchtern in einer Stadt, in der jegliche Ordnung längst zusammengebrochen ist? Sie möchte nicht, dass sie – wie Kinder, die ihre Eltern durch den Krieg verloren haben – durch die Straßen irren und in Abfällen nach Essbarem suchen.
Ghada al-Kurd schreibt an den Autor: „Wir waren eine glückliche Großfamilie, die zusammengehalten hat. Nun sind wir auseinandergerissen. Viele sind tot, einige konnten ins Ausland fliehen, der Rest versucht, in Gaza zu überleben. Du wirst sicher verstehen, dass wir nur in Frieden leben wollen. Wir haben keine Vision mehr, wie die Zukunft aussehen soll. Der Krieg wird noch lange weitergehen. Unser Leid hat ein unvorstellbares Ausmaß erreicht. Wir sterben in Zeitlupe!“