Interview zum Iran-Krieg: Warum Trump aufwärts Zeit spielt


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Stand: 27.03.2026 • 17:43 Uhr

Eine weitere Eskalation des Kriegs mit Iran wäre für US-Präsident Trump riskant, sagt Politikwissenschaftlerin Groitl. Denn in den USA gibt es innenpolitisch bereits viel Kritik. Den Iran hält sie für militärisch stark geschwächt.

tagesschau24: Warum hat US-Präsident Donald Trump das Ultimatum an Iran nun schon zum zweiten Mal verlängert?

Gerlinde Groitl: Das ist eine gute Frage. Die ehrliche Antwort ist, wir wissen es nicht. Das ist Teil seines außenpolitischen Verhaltens. Es ist immer alles sehr kurzfristig. Es kommt immer alles überraschend, es wird gedroht, es werden Ultimaten gesetzt, die werden wieder zurückgenommen und manchmal verstreichen sie auch, ohne dass etwas passiert.

Wir wissen nicht, was genau der Plan in Washington ist, was das Weiße Haus möchte. Aber aus meiner Interpretation spricht einiges dafür, dass man diese noch größere Eskalation mit einer Zerstörung iranischer Energieanlagen selbst nicht will. Die Verlängerung ist dann vielleicht eine Option, um auf anderem Wege die eigenen Ziele zu erreichen.

Zur Person

Prof. Dr. Gerlinde Groitl ist habilitierte Politikwissenschaftlerin mit besonderem Fokus auf die USA, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, Strategiestudien und Großmachtkonkurrenz. Sie leitet das ISS Institut für Sicherheit und Strategie in München und lehrt Internationale Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg.

Wenig Rückhalt für Eskalation in den USA

tagesschau24: Ein Weg könnte ein Plan des Pentagon sein, den es dem Vernehmen nach geben soll: Militärische Optionen für einen endgültigen Schlag gegen Iran. Wie realistisch ist denn eine Bodenoffensive der USA in Iran?

Groitl: Der amerikanische Präsident hat diesen Krieg daheim nicht wirklich erklärt, sondern er wurde begonnen ohne eine große Rede, ohne Mobilisierung der Bevölkerung. Wenn es jetzt mit dem Einsatz von Bodentruppen zu einer weiteren Aufwertung des Krieges käme, wäre das schon eine massive Eskalation, die in den USA auch wenig Rückhalt genießt. Denn da gibt es ganz viel Kritik, ganz viel Skepsis und viele Menschen, auch viele politisch Verantwortliche fragen sich, was denn das Ziel ist, das verfolgt werden soll.

Insofern gibt es da wirklich hohe politische Kosten, falls das in Erwägung gezogen wird. Die Verlegung [von weiteren US-Soldaten, Anm. der Redaktion] an sich würde ich noch nicht überinterpretieren, weil es da auch einfach darum geht, sich Optionen zu schaffen. Auch Druckpotenzial noch mal aufzubauen. Das heißt noch nicht, dass sie wirklich zum Einsatz kommen werden. Aber für Donald Trump wäre das zu Hause sicher ein riskanter Schritt.

„Gegen Drohnen ist kaum ein Kraut gewachsen“

tagesschau24: Was haben denn die USA den iranischen Raketen und Drohnen entgegenzusetzen?

Groitl: Es entsteht der Eindruck – auch durch die Berichterstattung – als ob die ganzen Angriffe, die Israel und die Vereinigten Staaten seit dem 28. Februar vollzogen haben, überhaupt nichts bewirkt hätten und Iran zurückschießen kann, wie er will. Da würde ich mal einen Kontrapunkt setzen wollen, weil es so wirklich nicht ist.

Es wird schon unglaublich viel an iranischer Infrastruktur zerstört. Es wurden unglaublich viele Raketenabschussbasen und Ähnliches mehr zerstört. Das Problem mit Drohnen ist, dass die wirklich schwer zu entdecken sind. Gleichzeitig sind sie unglaublich leicht einzusetzen. Also da reicht ein Lagerhaus, es reicht ein Lastwagen, um sie zu transportieren.

Insofern gibt es da gar keinen wirklichen Schutz. Natürlich kann man in Drohnenabwehr investieren und es werden sicher jetzt auch alle Staaten, nicht nur die Staaten in der Region, sondern auch wir hier in Europa in Angriff nehmen. Aber gegen Drohnen ist momentan wirklich kaum ein Kraut gewachsen. Man kann sie nicht zielgenau ausschalten, einfach weil sie so günstig, so einfach zu bauen, so leicht zu verstecken und einzusetzen sind.

Krieg an sich kein Selbstzweck

tagesschau24: Welches Interesse von Trump wird wohl größer sein: Den Krieg fortzuführen, oder ihn möglichst schnell zu beenden?

Groitl: Also ich sehe nicht, dass ein „am Laufen halten“ des Krieges ein Selbstzweck wäre. Es geht schon um die Verfolgung von Interessen. Aber Donald Trump hat natürlich auch ein Interesse daran, dass ihm dieser Krieg nicht entgleitet.

Denn es könnte am Ende ein definierender Moment für seine Präsidentschaft werden, wenn sich die USA in einen langen Krieg ohne Ausweg verstricken. Ich würde sagen, hier ist das Urteil aber wirklich noch nicht gesprochen und es ist viel zu früh, ein Urteil zu fällen.

Ich würde mal daran erinnern wollen, dass es vor einigen Jahren fast als ein Ding der Unmöglichkeit galt, die Fähigkeiten des Iran im Bereich des ballistischen Raketenprogramms, auch des Nuklearprogramms, militärisch auszuschalten. Man hat nämlich immer befürchtet, das würde in einem fürchterlicher Krieg enden und der Iran könnte auf so vielen Wegen zurückschlagen.

Jetzt sprechen wir eigentlich erst von wenigen Wochen, das ist für einen Krieg ein relativ kurzer Zeitraum. Also wir dürfen auch keine falschen Erwartungen haben und wie dieser Krieg ausgeht, das bleibt wirklich abzuwarten. Militärisch ist der Iran geschwächt. Ob die USA und Israel das übersetzen können in einen politischen Erfolg, das ist die große Frage, die momentan noch offen ist.

Deutschland nicht wirklich in Irans Visier

tagesschau24: Ein wenig an der Seitenlinie, aber auch als Betroffene, stehen die europäischen Länder. Iran hat kürzlich eine Rakete mit rund 4.000 Kilometern Reichweite auf einen US-britischen Stützpunkt im Indischen Ozean abgefeuert. Welche Gefahr droht den US-Militärbasen in Europa seitens Iran?

Groitl: Also grundsätzlich gibt es natürlich immer eine Gefahrenlage in Deutschland, auch in Europa. Da kann man auch zum Beispiel an die Gefahr von Anschlägen denken. Aber wenn es um Raketenbedrohungen geht, da haben wir jetzt die Lektion gelernt, dass es notwendig ist, den eigenen Luftraum zu schützen. Weil man eben nicht verwundbar für Raketenangriffe sein möchte, egal, woher sie kommen.

Die Daten, die wir aus Iran haben, würden für mich noch nicht darauf hindeuten, dass Deutschland hier wirklich im Visier ist. Weil gerade bei solch großen Reichweiten, die noch nicht erprobt sind, dann auch die Zielgenauigkeit eine Katastrophe ist, um es mal salopp zu sagen.

Aber es gibt ja auch noch andere Bedrohungen aus der Luft. Insofern ist es gut, dass wir in Deutschland jetzt auch in eine gestaffelte Luftabwehr investieren, die sich gegen Geschosse in unterschiedlichen Höhen richtet. Ob es jetzt Drohnen sind, ob es Marschflugkörper sind oder ballistische Raketen, da ist neuerdings ein System in Betrieb gegangen, das „Arrow“-System, das wir aus Israel bezogen haben.

Israelisches System zur Raketenabwehr vielversprechend

tagesschau24: Da schließt sich gewissermaßen der Kreis in Richtung Israel. Wie vielversprechend ist dieses System?

Groitl: Das ist sehr vielversprechend, weil es Raketenabwehrmöglichkeiten in großer Höhe bietet, also in Höhen über 100 Kilometern. Die Israelis sind wirklich sehr gut darin, wenn es um Luftabwehr geht – eben aus schierer Notwendigkeit. Und sie sind auch sehr gut darin, mit unterschiedlichen Systemen auf unterschiedliche Bedrohungen zu reagieren.

Dieses „Arrow“-System ist zur Abwehr ballistischer Raketen in hoher Höhe gedacht. Das ist wirklich ein Gewinn für uns und sollte uns auch noch mal eine neue Perspektive geben: Wir denken über Israel manchmal als ein Sicherheitsnehmer aus Deutschland nach, wenn es um Rüstungsexporte geht. Hier hat sich der Spieß wirklich umgedreht. Also wir sind abhängig in diesem Bereich, insbesondere von Israel und können uns glücklich schätzen, dass dieses System jetzt auch bei uns in Betrieb geht.

Widersprüchliche Aussagen zu Verhandlungen

tagesschau24: Es gibt unterschiedliche Angaben darüber, ob zwischen den USA und Iran momentan tatsächlich verhandelt wird oder nicht. Liegt die Wahrheit irgendwo zwischen den Aussagen Trumps und denen des iranischen Regimes?

Groitl: Eine Faustregel ist: Die Wahrheit liegt, wo sie liegt. Nur wir wissen nicht, wo sie liegt. Die Aussagen sind völlig widersprüchlich, weil da natürlich politische Interessen mit reinspielen. Iran hat sicherlich ein Interesse daran, eigene Stärke zu signalisieren und die USA vorzuführen. Umgekehrt hat vielleicht mancher Kritiker ein Interesse daran, die amerikanische Regierung als dilettantisch darzustellen.

Wir wissen einfach nicht, was momentan die Gesprächslage ist. Was wir aber sagen können, ist, dass Donald Trump in diesem Fall – genauso wie in anderen Fällen – sein Verhandlerteam sehr unkonventionell zusammensetzt. Das sind eben nicht die Regionalexperten, das sind nicht die Karrierediplomaten, sondern es ist Jared Kushner, der Schwiegersohn, oder Steve Witkoff, ein guter Freund von Donald Trump.

Oder jetzt konkret auch noch JD Vance, also ein Kritiker dieses Kriegs, und Außenminister Marco Rubio, der lange ein Iran-Falke war. Auch hier sind die Stimmen wirklich sehr vielfältig. Ob es eine Verhandlungsmöglichkeit gibt, bleibt abzuwarten. Denn bislang hat weder Washington noch Teheran signalisiert, dass es irgendwie ein Raum für Kompromisse geben könnte.

Das Gespräch führte Ralph Baudach, tagesschau24. Das Interview wurde für die Schriftfassung bearbeitet.

Source: tagesschau.de