Interview zu Pakistan wie Vermittler: Mehr wie nur ein Imagegewinn


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Stand: 30.03.2026 • 19:41 Uhr

Bald könnte es ein direktes Treffen zwischen Vertretern der USA und Irans in Pakistan geben. Für Islamabad geht es dabei nicht nur um internationalen Imagegewinn, sondern auch um eigene Sicherheitsinteressen, erklärt SWP-Experte Christian Wagner.

tagesschau.de: Mit Blick auf die Geschichte sprechen manche Beobachter von einem eher toxischen, mindestens aber wechselhaften Verhältnis zwischen Pakistan und den USA. Wie steht es um die Beziehung zwischen der aktuellen Trump-Regierung und Islamabad – wieso akzeptieren die USA nun die Vermittlung?

Christian Wagner: Die Beziehungen zwischen Pakistan und der zweiten Trump- Administration haben sich deutlich verbessert. Erstaunlich, weil die Beziehungen in der ersten Trump-Administration noch sehr schlecht waren. US-Präsident Donald Trump hatte damals keine sehr hohe Meinung von Pakistan. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. Es gibt eine Reihe von Punkten, die dazu beigetragen haben.

Einmal hat der amerikanische Präsident im Mai letzten Jahres in den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan die Vermittlung für sich persönlich beansprucht. Das ist von Pakistan akzeptiert worden, von Indien hingegen nicht – sicherlich auch ein Faktor, der zur Verschlechterung der Beziehungen mit Indien beigetragen hat.

Pakistan hat hingegen die Rolle des US-Präsidenten mehrfach gelobt und ist Teil des Friedensrates von Präsident Trump – und Islamabad hat ihn für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Auf persönlicher Ebene hat man so also schon mal eine Reihe von Pluspunkten gesammelt. Pakistans Armeechef Asim Munir hat Trump außerdem gleich zweimal persönlich getroffen. Es heißt, Trump habe eine sehr hohe Meinung von General Munir.

Außerdem hat mittlerweile auch die Trump-Familie enge Geschäftsbeziehungen zu Pakistan. Man hat ein Abkommen über Kryptowährungen unterzeichnet und man will mit Pakistan auch im Bereich der Ausbeutung von Mineralien zusammenarbeiten. Pakistan genießt mittlerweile also ein sehr viel größeres Vertrauen in der US-Administration, als das noch vor einigen Jahren der Fall war.

Zur Person

Christian Wagner ist Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin (SWP). Seine Forschungsgebiete umfassen die Region Südasien sowie Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

„Eine durchaus wechselhafte Beziehung“

tagesschau.de: Schauen wir dann auf die andere Seite, die möglicherweise mit am Tisch sitzen wird, nämlich Iran. Einerseits gilt Pakistan in den USA ja als eine Art Schutzmacht Irans, vertritt Teheran diplomatisch, das heißt beispielsweise mit konsularischen Tätigkeiten. Gleichzeitig aber gab es auch Beschuss zwischen den beiden im Grenzgebiet.

Wagner: Es ist eine durchaus wechselhafte Beziehung. Sie wird natürlich vor allem dadurch sehr stark geprägt, dass in Pakistan etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung Schiiten sind. Damit ist Pakistan nach Iran das Land mit der weltweit zweitgrößten Zahl dieser Gruppe. Das hat immer wieder zu Spannungen im Land geführt.

Wir haben nach der Tötung von Religionsführer Chamenei gesehen, dass es sofort zu Demonstrationen schiitischer Gruppen kam, etwa in Karatschi vor dem amerikanischen Konsulat, wobei elf Personen von Sicherheitskräften getötet wurden.

Auch im Norden Pakistans, in der Region Gilgit Baltistan, die zu der umstrittenen Region Kaschmir gehört, gab es Demonstrationen und Ausschreitungen. Die Regierung rief dann dazu auf, die Ruhe zu bewahren – das scheint bislang relativ gut zu funktionieren.

Und vor allem in der Provinz Belutschistan gibt es seit vielen Jahren eine militante Aufstandsbewegung, die zum Teil auch Kontakte zu ähnlichen Gruppen in Iran hat. Das heißt, hier gibt es auch eine Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitskräften, es kann aber eben auch immer wieder zu Zwischenfällen kommen, wie wir das vor zwei Jahren gesehen haben. Es ist eine der größten Unruheprovinzen in Pakistan.

Als Handelspartner ist Iran für Pakistan nicht wichtig. Das liegt an den Sanktionen gegen Iran. Als Transitland für Exporte nach Zentralasien aber ist der Iran durchaus wichtig. Es gibt in der Provinz Belutschistan, die unmittelbar an den Iran grenzt, immer wieder Schmuggel, auch von Erdöl.

Mehr als fünf Millionen pakistanische Gastarbeiter in Golfregion

tagesschau.de: Konfliktstoff gibt es also genug. Wo ziehen Pakistan und Iran denn an einem Strang?

Wagner: Politisch gibt es eigentlich nur Verbindungen über die Organisation für islamische Zusammenarbeit. Da arbeitet man zusammen. Ansonsten aber ist das Verhältnis vergleichsweise angespannt, weil natürlich Pakistan sehr viel stärkere und wirtschaftlich gesehen auch wichtigere Verbindungen zu den Golfstaaten hat. Über 90 Prozent des pakistanischen Gasbedarfs kommen aus der Golfregion.

Es sind ungefähr 5,5 Millionen pakistanische Gastarbeiter in der Golfregion beschäftigt, die mit ihren Rücküberweisungen natürlich extrem wichtig sind für die pakistanische Wirtschaft.

„Pakistanische Westgrenze in einer Art Kriegszustand“

tagesschau.de: Dominiert am Ende die wirtschaftliche Motivation von Seiten Pakistans, sich nun friedensstiftend einzubringen?

Wagner: Ja, Pakistan leidet wie alle anderen Länder natürlich massiv unter der Verknappung der Energieeinfuhren. Der zweite Aspekt sind die Probleme der pakistanischen Gastarbeiter – beispielsweise wenn es zu größeren Kampfhandlungen käme in der Golfregion, das wäre katastrophal für Pakistan.

Ein weiterer wichtiger Punkt, der Pakistan motiviert, ist die eigene Sicherheitslage, auch in der Provinz Belutschistan. Hinzu kommt noch der Konflikt zwischen Pakistan und dem Nachbarn Afghanistan.

So befindet sich quasi die gesamte pakistanische Westgrenze in einer Art Kriegszustand, und nicht zuletzt nutzt Pakistan diese Vermittlung natürlich dazu, politisches Kapital zu schlagen.

Das Land hatte in den vergangenen Jahren eine sehr schwierige internationale Presse, denken Sie etwa an die Tötung von Osama bin Laden 2011 in Pakistan von amerikanischen Spezialeinheiten.

Nun sieht man sich plötzlich quasi im Zentrum internationaler Vermittlungsbemühungen. Man bietet seine guten Dienste an und will sein Image verbessern. Auch mit Blick auf den Erzrivalen Indien.

Indien sieht das Bemühen skeptisch

tagesschau.de: Welche Rolle spielt dabei die Rivalität zu Indien?

Wagner: Die Rivalität zu Indien spielt sicherlich eine Rolle, weil man hier eine Möglichkeit sieht, sich international aufzuwerten. Die Beziehungen zwischen Indien und den USA haben sich dramatisch verschlechtert.

In Indien sieht man das Bemühen Pakistans mit großer Skepsis. Die indische Regierung hat sich zwar etwas abfällig über Pakistan geäußert, Pakistan sei ja jetzt nur ein Mittelsmann. Doch auch ein Mittelsmann bekommt gute Presse im internationalen Raum und profitiert davon.

tagesschau.de: Blicken wir noch auf die sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen und auf das Verhältnis zu den Golfstaaten. Pakistan hat beispielsweise ein Sicherheitsabkommen mit Saudi-Arabien abgeschlossen, das ja wiederum von Iran aus beschossen wird. Welche Rolle spielt das?

Wagner: Man will den Schutz Saudi-Arabiens sichern, man will das Königreich dabei unterstützen, die Grenzen und die heiligen Stätten zu sichern, aber eben nicht offensiv in irgendwelche Kampfhandlungen verwickelt werden.

Auch deshalb hat Pakistan hier ein Interesse, nicht zu einem Teil einer militärischen Auseinandersetzung zu werden. Das könnte dann nicht zuletzt durch die militanten schiitischen Gruppen im Land zu einer weiteren innenpolitischen Konfliktsituation führen.

Das Gespräch führte Katja Keppner, tagesschau.de. Für die schriftliche Fassung wurde es leicht angepasst.

Source: tagesschau.de