Knapp zwei Wochen vor der baden-württembergischen Landtagswahl bringt ein Videointerview von 2018 den CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel in Erklärungsnöte. Darin berichtete Hagel, damals ein junger Landtagsabgeordneter der CDU, von einem Besuch in einer Realschule: „Ich war vor wenigen Wochen in einer Realschule bei uns im Wahlkreis; eine Klasse, 80 Prozent Mädchen. Da gibt es für einen neunundzwanzigjährigen Abgeordneten schlimmere Termine als diesen. Dann begann die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen. Ich sage keine Nachnamen.“
Hagel nennt Einstieg für das Interview „Mist“
Die grüne Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer entdeckte das Video und teilte es mit einem Kommentar über die Plattform Instagram. „Würde eine weibliche Politikerin genau so über einen Schulbesuch reden, in dem 80 Prozent Jungen sitzen?“, fragt die zum linken Flügel der Grünen gehörende Bundestagsabgeordnete. Wenn Betrachter sagen würden, das sei harmlos, dann sei genau das möglicherweise das eigentliche Problem.
Der CDU-Spitzenkandidat nahm dazu auf Anfrage der F.A.Z. Stellung und gestand einen Fehler ein: „Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist. Meine Frau hat mir damals direkt den Kopf gewaschen. Frau Dr. Mayer kommt damit jetzt 12 Tage vor der Landtagswahl, also acht Jahre zu spät“, sagte Hagel.
Zoe Mayer erzählte auf Nachfrage, was sie zu ihrem Vorgehen und dem Post mit dem Video veranlasst hatte: „Ich hatte vergangene Woche eine längere Diskussion mit meinen Mitarbeitern über längere, sexistische Facebook-Nachrichten. Die bekam ich als junge Frau, da war ich 16 und schon politisch aktiv. Ich fand sie eklig.“ Über diese unangemessenen Facebooknachrichten, in denen junge Frauen verächtlich gemacht wurden, habe sie in der vergangenen Woche ein Video publiziert. „Darauf schickte mir jemand das Interview mit Manuel Hagel zu. Ein Timing gab es da nicht. Ich entschied mich dann am Montag, auch darüber ein Video zu machen“, sagte Mayer der F.A.Z.
Auf Nachfrage der F.A.Z. sagte die Bundestagsabgeordnete, die Veröffentlichung des Videos habe mit dem Landtagswahlkampf nichts zu tun. Ihr Vorgehen sei auch mit dem grünen Spitzenkandidaten Cem Özdemir und seinem Team nicht abgesprochen gewesen.
Die CDU könnte nach jüngsten Meinungsumfragen mit 28 oder 30 Prozent bei der Landtagswahl am 8. März die stärkste Fraktion werden. Hagel hätte dann den Auftrag, die nächste Landesregierung zu bilden, und könnte Ministerpräsident werden. Die Grünen liegen etwa sechs Prozentpunkte hinter der CDU und wollen in den verbleibenden Tagen diesen Abstand noch verkürzen.
Am Dienstagabend treffen die Spitzenkandidaten Hagel und Özdemir bei einem sogenannten Triell beim SWR aufeinander. Der dritte Teilnehmer ist der AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier. Der SWR hat ihn wegen der „abgestuften Chancengleichheit“ eingeladen und auf ein klassisches Duell verzichtet.
Das als sexistisch kritisierte Interview mit Hagel dürfte auch in der Sendung eine Rolle spielen. Bislang orientierten sich die Spitzenkandidaten von CDU, Grünen, SPD und FDP eher an Sachthemen. An den politischen Mehrheitsverhältnissen hat sich laut Umfragen seit Beginn des Wahlkampfes wenig verändert, die Grünen konnten leicht zulegen. Am Donnerstag wird eine weitere Umfrage erwartet. Ob die grüne Bundestagsabgeordnete das Video bewusst vor der Livesendung postete und kommentierte, blieb am Dienstag unklar.
Source: faz.net