Interview mit Amerikanistin: „Stellen Sie sich vor, Michelle Obama hätte ihren Hund erschossen“

Frau Paul, Trump holt gezielt Frauen wie die für ihr hartes Auftreten bekannte Heimatschutzministerin Kristi Noem in seine Nähe. Noem ist jetzt durch die Eskalation in Minnesota unter Druck geraten. Ist ihre Position im Kabinett anders als die der Männer?

Zunächst gilt für Frauen dasselbe wie für Männer: Sie müssen Trump gegenüber absolut loyal und gefügig sein und dürfen keine eigenen Positionen vertreten. Ihre Aufgabe besteht darin, Trump zu bespiegeln, zu bewundern und seine politische Agenda umzusetzen – die MAGA-Agenda. Natürlich kann sich Trump dennoch jederzeit einseitig von ihnen distanzieren, wann immer es ihm opportun erscheint. Bei Kristi Noem hat er es bisher noch nicht getan, aber ich würde nicht darauf wetten, dass sie im Amt bleibt.

Optisch ähneln sich die Frauen in Trumps engstem Kreis auffällig.

Was das Erscheinungsbild betrifft, lässt sich hier eine „emphasized femininity“ beobachten. Der Begriff stammt aus der Geschlechtersoziologie und beschreibt ein kulturell normiertes Ideal von Weiblichkeit, das komplementär zur hegemonialen Männlichkeit konstruiert ist. Mit diesem Typus lassen sich unterschiedliche reale Frauen beschreiben: die Tradwives ebenso wie Frauen in politischen Spitzenpositionen, etwa Kristi Noem oder die Justizministerin Pam Bondi. Diese Frauen kleiden sich in der Regel stark figurbetont, sind auffällig geschminkt und tragen ihr Haar in einem sehr spezifischen Stil.

Für diese Ästhetik hat sich sogar ein eigener Begriff etabliert: das Mar-a-Lago-Face. Welche Botschaft transportiert diese Inszenierung?

Sie sendet mehrere Botschaften zugleich. Eine davon lautet: Ich bin eine richtige Frau. Ich kenne meinen Platz. Und ich ergänze den Mann. Frauen dürfen nicht in Konkurrenz zu Männern treten. Sie können zwar Ministerämter bekleiden, aber nicht die allerwichtigsten. Auch im Kabinett sollen sie signalisieren, dass sie sich gegebenenfalls unterordnen. Eine weitere Botschaft lautet: Es gibt nur „richtige“ Frauen und „richtige“ Männer, dazwischen existiert nichts. Diese Regierung ist bekannt für ihre Transfeindlichkeit. Das ungewollt Kuriose ist: Gerade diese operierten und gespritzten Frauen stellen die Künstlichkeit von Geschlecht offen zur Schau und eben nicht jene Natürlichkeit, auf die sich die entsprechenden Diskurse sonst gerne berufen. Die Auftritte der Mar-a-Lago-Gesichter muten mitunter unfreiwillig komisch an – und wurden auch schon mit Drag Shows verglichen.

Trägt ebenfalls ein Mar-a-Lago-Face: Die US-Justizministerin Pam Bondidpa

Sie ordnen diese Entwicklung auch historisch ein. Wo liegen die Wurzeln?

Seit Ronald Reagan lässt sich beobachten, dass sich das Selbstverständnis dieser christlichen Nation zunehmend verhärtet. Die weißen Ultrakonservativen präsentieren die USA nicht mehr als ein offenes Land, in dem alle sich lieben sollen, sondern verfolgen einen stark ethnonationalistischen Kurs. Klassische christliche Werte wie Nächstenliebe treten dabei in den Hintergrund. Im rechtspopulistischen Umfeld taucht in letzter Zeit immer häufiger ein Begriff auf: toxische Empathie.

Was ist damit gemeint?

Die Emotionskultur in den USA hat eine deutliche parteipolitische Verschiebung erfahren. Schauen Sie sich Ronald Reagan oder George W. Bush an: Beide arbeiteten stark mit Gefühlen. Nach 9/11 sagte Bush etwa: „I ask you to hug your children.“

Heike PaulKlaus Lösch

Aber gerade Trump arbeitet doch stark mit Gefühlen . . .

Auch wenn Trump vermeintlich positive Gefühle aufruft wie Patriotismus, steht das stets im Kontext einer antagonisierenden, ausgrenzenden Rhetorik: Wer gehört dazu, wer nicht? Heute sehe ich die Gefühlspolitik eher bei den Demokraten verankert. Bei Kamala Harris etwa ging es um Mitgefühl mit den Kindern an der mexikanischen Grenze. Aktuell sehen wir diesen Diskurs auch in der Kritik an den Einsätzen von ICE. Ich bezeichne das als Staatsbürgersentimentalismus. Bruce Spring­steens Song zu Minneapolis ist ein großartiges Beispiel für trumpkritischen Staatsbürgersentimentalismus. Die Demokraten setzen ihn als Gegenstrategie zu Trumps demonstrativer Härte ein. Nun behaupten ausgerechnet die Rechten, die Linken würden christliche Werte instrumentalisieren, und nennen das toxische Empathie. Sie werfen den Demokraten vor, mit den „falschen“ Menschen Mitleid zu haben: Ihr kümmert euch nicht um ungeborenes Leben, sondern um fremde Menschen an unseren Grenzen und beruft euch dabei auch noch auf christliche Nächstenliebe. Die Rechte dagegen inszeniert sich als immun gegen diese angeblich toxische Empathie: Wir wissen, so deren Erzählung, wo Härte notwendig ist.

Zum Beispiel beim Thema Abtreibung.

Ja, genau.

Kristi Noem inszeniert diese Härte auch privat. Sie hat ihren Hund erschossen, weil er nicht spurte.

Stellen Sie sich einmal vor, Michelle Obama hätte ihren Hund erschossen. Was wäre dann passiert? Das hat viel mit bestimmten weißen Vorstellungen von Law and Order zu tun. Nur ein ganz bestimmter weißer Frauentypus – wie der von Kristi Noem – kann innerhalb dieses Weltbildes so agieren, ohne abgekanzelt zu werden.

Sie haben einmal gesagt, Frauen befänden sich emotional in einer „No-win-Situation“. Was meinen Sie damit?

Politikerinnen, deren Kommunikation stärker gefühlsbetont ist, werden häufig als weniger kompetent wahrgenommen; andererseits drückt zu wenig Emotionskultur auch die Sympathiewerte von Frauen. Die Frauen in Trumps engstem Umfeld begeben sich erst gar nicht in dieses Spannungsfeld und bleiben geradezu demons­trativ unempathisch. Auch das trägt dazu bei, dass das gesellschaftliche Klima als stark abgekühlt wahrgenommen wird.

Welche Rolle spielen die Tradwives im System Trump?

Für mich sind die Tradwives der Endpunkt einer Entwicklung, die sich auch mindestens bis in die Reagan-Ära zurückverfolgen lässt. Eine zentrale Figur ist dabei Phyllis Schlafly. In einer Zeit, in der Feminismus bereits Mainstream war, begann sie als weiße Frau erfolgreich Stimmung und Politik gegen den Feminismus zu machen – quasi Identitätspolitik von rechts. Sie verkörperte genau das, was wir heute bei den Tradwives sehen: Einerseits agierte sie hochpolitisch und initiierte wirkungsvolle Kampagnen, andererseits präsentierte sie sich als Mutter vieler Kinder. Ich sehe die Tradwives in einer Tradition ultrakonservativer Frauen, die bei den Republikanern unter dem Label „Eigentlich will ich ja nur Hausfrau sein“ Politik machen. Feminismus, so ihre Erzählung, sei schlecht für Familien und schlecht für Kinder, eine antiintellektuelle, stark christlich geprägte Haltung. Phyllis Schlafly unterstützte Trumps politische Ambitionen früh. Und er hat letztlich genau das umgesetzt, was sie sich jahrzehntelang gewünscht hatte: die Aufhebung von Roe v. Wade. Seit den frühen Siebzigerjahren haben evangelikale Christen in den USA schlecht geschlafen, weil Abtreibung legal war. Trump hat ihnen gegeben, was sie wollten. Deshalb finden sie ihn toll.

Was verstehen Sie unter konservativem Feminismus?

Konservativer Feminismus unterscheidet sich grundlegend von einem Feminismus, der auf Emanzipationsgewinne abzielt. Er erkennt Geschlechterunterschiede prinzipiell an: Frauen sind Frauen, Männer sind Männer. Zwar geht es auch hier um Gleichberechtigung – etwa darum, dass Frauen in männliche Domänen vordringen oder Kabinettsposten übernehmen können. Diese berufliche Gleichberechtigung wird jedoch ausschließlich innerhalb einer konservativen Werteordnung gedacht, die stark religiös und familienorientiert ist. Dieser konservative Feminismus, der Frauen ausdrücklich und biologistisch als Hausfrauen und Mütter definiert, hat sich als Gegenbewegung zum Second-Wave-Feminismus herausgebildet.

„Make America Hot Again“ will junge Konservative vernetzen. Wie passen sexpositive MAGA-Frauen und religiöse Konservative zusammen?

„Make America Hot Again“ passt gut zur emphasized femininity. Ich glaube allerdings, man muss hier nicht zwangsläufig nach einem gemeinsamen ideologischen Nenner suchen. Die Parteien in den USA sind immer schon sehr breite Dächer gewesen, unter denen sich unterschiedliche Strömungen versammeln. Der eigentliche Spagat besteht darin, diese Widersprüche politisch zusammenzuhalten. Interessant ist, dass sich derzeit unglaublich viel am Thema Gender entzündet. Es ist und bleibt eine zentrale Differenzkategorie für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse und dient vor allem in rechtspopulistischen Kampagnen der Beförderung affektiver Polarisierung im Land – gerade auch in Bereichen, in denen es eigentlich einen gesellschaftlichen Konsens über Gleichberechtigung oder Toleranz gibt.

Manche behaupten, Trumps Wahlerfolge seien die Rache abgehängter Männer an den Frauen. Können Sie dieser These etwas abgewinnen?

Es ist ein bekanntes Problem, dass Emanzipationsgewinne, die mit dem Abbau von Privilegien einhergehen, von vielen als Diskriminierung empfunden werden. Dieser Diskurs ähnelt stark dem Anti-Rassismus-Diskurs, in dem sich plötzlich weiße Menschen als benachteiligt wahrnehmen. Ein Patriarchat existiert allerdings nie ohne die Mitwirkung von Frauen, es sei denn, wir sprechen von einem totalitären Regime. Viele Frauen sehen in diesem System offenbar Vorteile für sich. Solange das so ist, in den USA wie anderswo, wird das Patriarchat – zumindest auf einer Schwundstufe – bestehen bleiben, da es eine Form der Komplizenschaft von Frauen mit dem patriarchalen System gibt.

John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, sagte einmal, er halte es für wahrscheinlich, dass die erste US-Präsidentin keine Demokratin, sondern eine Republikanerin sein wird. Teilen Sie diese Einschätzung?

Das könnte durchaus zutreffen. Es gab bei den Republikanern bereits mehrere Anläufe mit Kandidatinnen. Auch Sarah Palin, der berühmte „Pitbull mit Lippenstift“, war eine wichtige Figur in der Entwicklung, die wir hier skizziert haben.

Source: faz.net