Ludwig Prinz von Bayern unterscheidet sich von den meisten jungen Aristos Europas. Seit vielen Jahren kämpft er für Mädchen in Afrika – nun auch im Kino.
Prinz Ludwig, Sie sind seit vielen Jahren in und für Afrika engagiert. Nun auch als Filmproduzent. „NAWI – Dear Future Me“ erzählt vom Schicksal eines 13-jährigen kenianischen Mädchens, das in eine Kinderehe zwangsverheiratet wird. Wie authentisch ist diese Geschichte?
Ludwig Prinz von Bayern: Leider sehr authentisch. Geschichten wie diese ereignen sich in bestimmten Regionen Afrikas ständig und viele tausend Male. Das Drehbuch wurde auf Basis der Texte eines Schreibwettbewerbs lokaler Autoren und Autorinnen verfasst und aus vielen wahren Begebenheiten und Erzählungen zusammengefügt. Die Erzählung beruht auf dem Siegertext von Milcah Cherotich, die auch am Drehbuch mitschrieb.
Ludwig Prinz von Bayern, 43, Ururenkel des letzten bayerischen Königs © IMAGO/Wolfgang Maria Weber / Imago Images
Haben Sie in Ihren Jahren in Afrika selbst von Kinderehen etwas mitbekommen?
Natürlich, jeder kennt im Norden Kenias solche Fälle oder weiß von solchen im Bekanntenkreis. Der Staat geht zwar dagegen vor, aber es ist ein langer Prozess, solche patriarchalischen Traditionen zu überwinden. Es sind aber auch andere Szenen im Film, die ich selbst so gesehen oder erlebt habe. Etwa jene Insel, auf der Kinder als Fischer arbeiten. 2012 habe ich exakt diese Insel besucht. Wir hatten damals versucht, eine Schule dort zu bauen. Im Film sehen sie die Ruine dieser Schule.
Ein Prinz von Bayern als moderner Entwicklungshelfer
Was war geschehen?
Ein bayerischer Pater wollte die Schule betreiben, was sehr beschwerlich war. Man musste die Lehrer auf diese Insel bringen, was hohe Kosten verursachte. Schließlich hat ein Sturm das Gebäude zerstört. Wir versuchen inzwischen, die Kinder in anderen Schulen unterzubringen.
Sie haben in Turkana im Norden Kenias gedreht, ein Schauplatz, der bislang kaum in Filmen zu sehen war. Leben die Menschen dort wirklich so einfach und ärmlich, wie im Film zu sehen?
Wir zeigen sogar eine eher wohlhabende Familie. Der Vater hat ein Fahrrad, sie besitzen Vieh und einen Fernseher mit Satellitenschüssel, um Fußball schauen zu können. Viele andere haben keine Technik. In Europa denken viele Menschen, dass es dieses Afrika nicht mehr gibt. Es ist nicht repräsentativ für den Kontinent, aber es ist nach wie vor real. Deshalb will das Mädchen Nawi im Film auch nach Nairobi, der Hauptstadt, in der sie ein modernes Leben erwartet. Turkana ist eine Problemzone, was nicht heißt, dass alles schrecklich und furchtbar dort wäre. Aber eben sehr rückständig, auch was Traditionen anbelangt. Der Schlüssel ist Bildung. Sie dürfen nicht vergessen, dass es auch in Europa jahrhundertelang Zwangsverheiratungen und Kinderehen gab, und wir uns erst daraus befreien mussten. Die Erkenntnis, dass Mädchen und Frauen das Recht haben, selbstbestimmt ihren eigenen Weg zu gehen, mussten auch wir Europäer uns erkämpfen.
Was nicht zwangsläufig mit Bildung zu tun hatte, sondern auch aus Traditionen, dynastischen Strategien – ob in Herrscherfamilien, wie der Ihren, oder in einfachen Bauern-Clans.
Es wurde aus unterschiedlichen Motiven betrieben, wirtschaftlichen, politischen und anderen. Liebesheiraten waren lange Zeit die Ausnahme. Es ist leider kein Phänomen der Vergangenheit, sondern in weiten Teilen der Welt nicht überwunden. Die Zuschauer unseres Films sind meistens geschockt, wenn am Ende die aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen zu Zwangsheiraten eingeblendet werden. Sie sind immens.
Zwangsehen sind kein Phänomen der Vergangenheit
In Kenia wirkte bereits ein anderer Prinz aus dem Hause Wittelsbach, der 2022 verstorbene Missionar und Benediktinermönche Pater Florian Prinz von Bayern. Hatte er Einfluss auf Ihre Afrika-Begeisterung?
Er war auf jeden Fall eine wichtige Inspiration. Als ich 2010 beim Hilfsverein Nymphenburg eine Funktion übernommen habe, wusste ich, dass ich mich auf Afrika konzentrieren möchte. Dann bin ich zu Onkel Florian gereist, um mir anzuschauen, was er macht und was ich daraus lernen könnte. Aber es war dann doch ein anderer Zugang, er leitete eine Missionsstation. Das war eine Art Schule für Nomaden, die mit diesem Stamm mitgezogen ist. Ein wunderbares Projekt.
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Wie kritisch sehen Sie die Rolle der katholischen Kirche in Afrika?
Die problematische Rolle der Kirche liegt aus meiner Sicht in der Vergangenheit. Gerade in dieser Region hat sie einen sehr positiven Fußabdruck hinterlassen. Bis die Regierung etwa um 2012 den Regionen mehr finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt hat, war die Kirche der wichtigste Betreiber von Krankenhäusern und Schulen, und für die wichtigsten Entwicklungsschübe verantwortlich. Insgesamt haben die Menschen einen lockeren Zugang zur Religion, da ist der eine Bruder Muslim, der andere Katholik. Das Problem der Zwangsverheiratungen ist nicht religiös motiviert, sondern hat zumeist wirtschaftliche Gründe.
Baut das Filmprojekt auf den Netzwerken und Erfahrungen auf, die Vertreter des Hauses Bayern dort begründet haben?Wir haben dort mit dem Benefizprojekt „STERNSTUNDEN“ des Bayerischen Rundfunks unter anderem eine Mädchenschule gegründet, unser erstes großes Projekt. Und eine der ersten Absolventinnen dieser Schule – eine derjenigen, die komplett die acht Jahre Unterricht geschafft haben – ist nun witzigerweise die Nawi aus unserem Film: Michelle Lemuya. Sie spielt fantastisch. Das und auch Anderes möglich zu machen, war meine eigentliche Rolle in diesem Filmprojekt
Zum Beispiel?
Mit dem von mir mitbegründeten Projekt „Learning Lions“ hatten wir mitten in der kenianischen Wüste ein IT-Camp errichtet, übrigens von dem Stararchitekten Francis Karré aus Burkina Faso gebaut. Das konnten wir wunderbar als Basis nutzen, um dort zu drehen, anderweitig hätten wir ein eigenes Containerdorf für die Film-Crew errichten müssen. Das Ganze war ja klein gestartet, erst nur als Kurzfilm angedacht. Ich kann bis heute kaum glauben, dass daraus ein abendfüllender Spielfilm entstanden ist, der weltweit Preise gewinnt und sogar für die Oscars eingereicht wurde.
Sie sind gemeinsam mit Katja Eichinger ausführende Produzenten, die Ingolstädter Toby und Kevin Schmutzler haben Regie geführt. Das klingt dann doch nach einem sehr europäischen Blick auf diese Welt, oder nicht?
Das war uns bewusst, weshalb wir jede Position mit einem kenianischen Gegenüber besetzt haben, etwa den beiden kenianischen Regisseurinnen Vallentine Chelluget und Apuu Mourine. Das Prinzip zieht sich weiter, von Maske bis Setbau und alle anderen Departements.
Prinz Ludwig, Sie sind ein waschechter Royal, Ururenkel des letzten bayerischen Königs, traditionell spricht man Sie mit „königliche Hoheit“ an. Für gewöhnlich schaut Benefizarbeit in Ihren Kreisen anders aus, man sammelt Spenden auf schicken Galadinners in Schlosssälen. Wie sind Sie so anders geworden?
Ich hatte das große Glück, dass ich von meiner Familie und meinem Onkel, Herzog Franz, Zeit und Unterstützung bekommen habe, mich einer Sache sehr intensiv und konzentriert zu widmen, bevor ich hier größere Aufgaben übernehmen durfte. Ich wollte kein Missionar wie Onkel Florian werden, aber mit einer ähnlichen Passion daran gehen. Mein Blick auf Entwicklungshilfe war immer schon auch kritisch gewesen, ich fragte mich, ob man das nochmal ganz anders denken und angehen könnte, und zwar von unten ausgehend. Gemeinsam mit den Menschen, die es betrifft.
Sie haben einmal gesagt, als Wittelsbacher gehöre das Ehrenamt zur Job-Beschreibung.
So ist es ja auch, man sitzt in unzähligen Gremien und Kuratorien, aber nicht, weil man qualifizier dafür wäre, sondern weil man aus dieser Familie kommt. Was auch richtig und gut ist. Meine Familie ist mit dem Land Bayern über viele Jahrhunderte verbunden und es ist gelungen, diese historisch gewachsene Beziehung in die Gegenwart zu übertragen. Viele Institutionen, ob das jetzt Universitäten, Schulen, Vereine, Museen oder andere sind, haben uns gerne in den Gremien. Ich wollte dem mit einer gewissen Verantwortung begegnen, mich eben auch dafür anderweitig qualifizieren. Aber nun sind wir vom Film abgeschweift.
Was Europa von Afrika lernen kann
Sie haben Ihr IT-Projekt in Afrika erwähnt, in den Schulen, die Sie aufgebaut haben, gibt es für jeden Platz Computer. Auch die Personen im Film leben in einfachsten Verhältnissen, haben jedoch Smartphones. Bitte erklären Sie uns, warum im entlegenen Turkana ein stabiles 4G-Netz möglich ist, in Oberbayern aber nicht?
Das klingt erst nach einem Widerspruch. Wenn sich in Kenia einmal etwas entwickelt, dann passiert es schnell. Man fängt bei Null an, beginnt mit einem Brunnen, drei Jahre später steht da ein IT-Campus mit inzwischen 70 Gebäuden, eigener Strom- und Wasserversorgung. Im Englischen gibt es den Begriff „Leapfrogging“, was das Überspringen von Entwicklungsstufen bedeutet. Genau das ist hier passiert. Was auch daran liegt, dass es keine älteren Strukturen gibt, wie bei uns, die erst einmal ihre Reviere verteidigen und im Zweifel Neues blockieren und behindern. Nur ein Beispiel: In Kenia zahlt schon lange kaum jemand mit Bargeld oder Kontoüberweisung. Wenn ein Nomade dem anderen eine Ziege verkauft, zückt der seinen alten Nokiaknochen und erledigt die Bezahlung mit mobilem Geldtransfer. Afrika kann in vielerlei Hinsicht auch für uns Vorbild sein.
Michelle Lemuya im Film „NAWI – Dear Future Me“, der am 2. März 2026 in München Premiere feiert und zuvor zahlreiche Preise auf Festivals erobert hat. © FilmCrew Media / PR-Material
Nun startet der Film in europäischen und US-amerikanischen Kinos. Aber wird sich dadurch etwas ändern?
Es ist wichtig, dass es Aufmerksamkeit für diese Missstände gibt, und ein Verständnis, dass es sich hier um eine Form von Sexsklaverei handelt, diese Mädchen werden zu Gebärmaschinen, viele sterben im Kindbett. Dagegen anzugehen, braucht viel Geld, das wir jetzt sammeln müssen. Sobald Mädchen eine Schule besuchen, können sie auch nicht mehr so einfach verschwinden. Es fällt auf, wenn eine fehlt, man kann nachforschen, warum und wohin. Wir arbeiten mit der Regierung daran, dass solche Schulen und Internate entstehen, aber es bedarf der Mittel dafür. Manchmal scheitert es daran, dass sich ein Mädchen die Schuluniform nicht leisten kann. Ein anderer Punkt ist, dass die Familien und dörflichen Gemeinschaften verstehen müssen, dass die Mädchen auch einen über das Umfeld hinausgehenden Wert haben. Das wird im Film in einem ganz starken Dialog deutlich, wenn Nawi erst ihrem Vater und später dem Freier erklärt, dass das Ende der Kinderehen und Zwangsverheiratungen nicht das Ende ihrer Tradition ist, sondern der Anfang, Sie sagt: Unsere Kultur stirbt nicht, sie floriert, weil sie in die Zukunft führt.
Wieviel Zeit werden Sie in Zukunft für ihre Afrika-Projekte aufbringen und noch unter freiem Himmel in Turkana schlafen?
Ich bin inzwischen Familienvater, wie Sie wissen, dadurch wird das automatisch weniger. Ich muss aber gar nicht Galionsfigur sein, weil es mit Michelle Lemuya eine viel bessere für die NAWI-Initiative gibt, ebenso Milcah Cherotich. Sie sind zu wirklichen Botschafterinnen geworden, reisen durch die Welt, vertreten ihre Anliegen bei NGOs. Das sollte das Ziel jeglicher Entwicklungsarbeit sein, dass am Ende die Menschen in der Lage sind, ihre Anliegen selbst zu vertreten.
Source: stern.de