Bianca Heinicke wurde mit dem YouTube-Kanal „Bibis Beauty Palace“ bekannt. Jetzt erzählt die Lifestyle-Influencerin in ihrem Buch „Wie man Geschichte schreibt“ vom Bruch mit der Kunstfigur – und wiederholt dabei fast alle alten Muster
Bianca Heinickes Text „Wie man Geschichte schreibt“ überträgt sehr konsequent Social-Media-Logik in die Buchform
Foto: Next Level Verlag
Mit dem Buch in der Hand fühlt sich plötzlich alles wieder an wie 2013. Wie man Geschichte schreibt, das Debüt von Bianca Heinicke – ehemals Bibis Beauty Palace –, verspricht genau das, was einst der Traum von Millionen war: Biancas Gedanken zu kennen, ihre Gefühle zu verstehen, von Kopf bis Fuß so zu sein wie sie. Ein hochprofitables Geschäftsmodell, das nach der fast zweijährigen Pause – in der aus Bibi wieder Bianca wurde – heute neu verpackt erscheint.
Bianca will erklären, wie es zum Bruch mit ihrem alten Ich kam. Ihr Vokabular aus Bewusstsein, Freiheit und Selbstverantwortung richtet sich erneut an ein Publikum, dem suggeriert wird, es könne – mit den richtigen Entscheidungen – selbst zu jemandem werden. Wer gehofft hat, der Druck, etwas aus sich machen zu müssen, sei mit der Transformation Bibis verschwunden, wird enttäuscht. Er hat nur die Richtung gewechselt.
Denn: In avancierter Ratgeber-Taktik überträgt der Text Social-Media-Logik konsequent in die Buchform: ein liebenswertes Ich, ein sympathisches, aber misstrauisches Du, permanent adressiert, damit es bloß nicht vom falschen Weg abkommt. Auf fast jeder Seite formuliert der Text Gefühle oder präsentiert psychologische Querverweise. Literarisch ist das dieselbe Verkaufsstrategie, von der sich Heinicke eigentlich gelöst haben will. Ihr Erfolgsmodell beruht auf der Prämisse, dass Ich und Du auf derselben Stufe stehen. Die Hoffnung, dass das stimmt, funktioniert weiterhin als Katalysator.
Bianca Heinicke ertrug den Druck auf Social Media nicht mehr
Heinicke beschreibt ausführlich, dass sie den Druck sozialer Medien nicht mehr ertragen habe, diese verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, und sodann den Lebenswandel zur Nachhaltigkeit. Sie verspricht zu erklären, wie es dazu kam – und wie wir dem Hamsterrad des Konsums entkommen. Die psychischen Auswirkungen werden zwar greifbar, doch die Eskalationsschritte bleiben fragmentarisch. Stattdessen folgen pathetische Sterbebett-Monologe von eigentümlicher Pietätlosigkeit und sporadische monetäre Verweise. Unbehagen stellt sich ein: Sind Ich und Du etwa doch nicht gleich?
Der Text bleibt auffällig vage, wenn es um Privilegien geht. Das Wort selbst fällt exakt dreimal, während permanent von „Bewusstsein“ die Rede ist. Bewusstsein, ja, für sechsstellige Monatserträge, Ferienhäuser, Malediven und Tausende Pakete – und dafür, so nicht weitermachen zu können. Persönliche Anekdoten, die diesen Nullpunkt nachvollziehen lassen, bleiben rar. Ihre Dissonanz zwischen Selbstgewissheit und Selbstzweifel wird konstant entschärft.
Das Buch ist weniger authentische Autobiografie als Ausdruck dessen, wie unterschiedlich Ich und Du tatsächlich sind – und wer von beiden sich was leisten kann. Psychische Probleme werden so zu Randerscheinungen. Interessant wird es dann, wenn Heinicke lose über die Gefahren der Digitalisierung oder über den Zwang zu (weiblicher) Schönheit schreibt. Hier blitzt etwas auf, das über Selbstoptimierung hinausragt, wie die teils unerforschten Nachwirkungen des Youtube-Booms in den 2010er-Jahren, zu großen Teilen bei Minderjährigen. Heinicke sieht sich vor die unbequeme Frage gestellt, ob sie ein unerreichbares Schönheitsideal verkauft hat – Markenzeichen einer ganzen Industrie. Die Antwort bleibt aus.
Klassenbewusstsein? Fehlanzeige
Der Text will viel erklären, aber es mangelt ihm an Authentizität. Dabei gäbe es so viel zu besprechen. Zwischenmenschliche Fragen zum Beispiel, die teils öffentlich und teils privat geblieben sind: Kann ich meinen Beruf aufgeben? Wer bin ich nach einer Trennung? Wäre ich bereit, Zeit mit meinen Kindern aufzugeben? Hier läge die Möglichkeit literarischer Zäsur mit Identifikationspotenzial. Stattdessen kippt der Text in ein Coaching, dessen Floskeln von „zehn Minuten Wachstum pro Tag“ jede Veränderung erschreckend einfach erscheinen lassen.
Klassenbewusstsein? Fehlanzeige. Ein alternativer Begriff, um all das zu beschreiben? Kapitalismus. Statt das konkret zu benennen, folgen Exkurse zu Politik und Wirtschaft, so als folgte man der zurückhaltend höflichen Dramaturgie einer Powerpoint-Präsentation. Die Zeit, jede Entscheidung zu reflektieren, wird zur moralischen Verantwortung deklariert – dass Bewusstseinscoaching selbst ein Privileg ist, bleibt dabei unerwähnt.
Am Ende erfährt das Du, wie es Geschichte schreiben kann, auch ohne Millionen auf dem Konto, aber mit einer Holzzahnbürste. Nachhaltigkeit ist die neue Erfolgsstrategie. Zur Einordnung: 100.000 Euro habe Bianca in ihren Image-Wechsel investiert, heißt es. Dass es hier nicht wieder um Geld, sondern um Mut zur Veränderung gehe, ist das letzte Paradoxon, an das wir glauben dürfen – oder eben nicht.
Wie man Geschichte schreibt Bianca Heinicke Next Level 2026, 192 S., 20 €