Der britische Dokumentarfilmer Louis Theroux will mit seiner Netflix-Produktion „Inside the Manosphere“ über die Welt der misogynen Influencer aufklären. Doch seine Methode kommt an ihre Grenzen: Die Influencer filmen zurück
Louis Theroux
Foto: Cr. Courtesy of Pip/Netflix
In der Welt der unerbittlichen Rivalität um Aufmerksamkeit, die die heutige Medienlandschaft so darstellt, hat Louis Theroux mit seiner Netflix-Dokumentation Inside the Manosphere den sogenannten „sweet spot“ getroffen: Fast alle finden an seiner Dokumentation etwas auszusetzen, sehr viele – jetzt auch der Freitag – wollen etwas dazu sagen.
Dass Theroux als Dokumentarfilmer einiges gemeinsam hat mit seinen Protagonisten aus der „Manosphere“, darf man als Kalkül begreifen. Gleich in den ersten Szenen geht es um den direkten Vergleich: Einerseits hört man Aufnahmen der Influencer, in denen sie über Theroux sprechen und darüber, ob er sie „fertigmachen“ wolle.
Andererseits sieht man den 55-jährigen Theroux, wie er sich in Marbella zu seinem ersten Treffen mit „HSTikkyTokky“ aufmacht. Seine sportlich-schlanke Gestalt, in Jeans und T-Shirt auf unscheinbar getrimmt, bildet einen optischen Kontrast zu dem vor Muskeln schier berstenden, jüngeren Harrison Sullivan, der Männern predigt, sich nicht wie „Soja-Jungs“ zu benehmen. Unter den ersten Fragen, die Theroux Sullivan stellt: Ob der gerade seine – vermeintlich zu dünnen – Oberarme ausgecheckt habe?
Begegnung auf Augenhöhe
Man kann das als Begegnung auf Augenhöhe sehen: Theroux will nicht als verdeckter Ermittler antreten, sondern seine Protagonisten mit den Argumenten eines Journalisten konfrontieren. Gleichzeitig legt er offen, wie und wo die Aufnahmen entstanden sind. Man sieht, wie freundlich er zu seinen jeweiligen Gegenübern ist und wie höflich er bleibt beim Versuch, sie bei Widersprüchen zu ertappen oder ihnen etwas entgegenzuhalten.
Was ist überhaupt die „Manosphere“? Sexismus und Misogynie sind schließlich nicht erst mit dem Internet erfunden worden. Die sozialen Medien aber bieten neue Möglichkeiten der Verbreitung. Auf Youtube, Instagram usw. hat sich unter dem Dach von Themen wie Dating, Fitness und Business ein ideologisches Milieu gebildet, in dem Frauenfeindlichkeit und Rechtspopulismus zusammenfinden. Andrew Tate ist eine Art Galionsfigur, berühmt und berüchtigt nicht zuletzt durch einen öffentlichen Austausch mit Greta Thunberg. Er hatte die Klimaaktivistin mit den Emissionen seiner teuren Autos provozieren wollen, was diese legendär lapidar mit „email me at smalldickenergy@getalife.com” beantwortete.
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Wie es heißt, ist Theroux daran gescheitert, Tate vor die Kamera zu bekommen. Die Kandidaten, die er stattdessen aufsucht, sind ausdrucksstarke und kontroverse Beispiele der „Manosphere“, bieten aber nicht ganz die Spannung, die eine Begegnung mit Tate gehabt hätte.
Politisches bleibt außen vor
So gut es Theroux gelingt, die tief sitzende Misogynie seiner Gesprächspartner zum Vorschein zu bringen, so scharf zeichnen sich die Grenzen seines Formats ab. Mehr als einmal filmen die Influencer „zurück“ und Theroux muss erleben, dass das Material live gestreamt und spöttisch kommentiert wird. Immer wieder zeigt sich, dass es den Influencern dabei völlig egal ist, ob das, was sie sagen, Logik oder Sinn hat.
Außer der beiläufigen Erwähnung von Trump und Umfeld bleibt Politisches außen vor. Über das Geschäftsmodell der Influencer erfährt man nichts Neues jenseits der Tatsache, dass sie nah am Betrug arbeiten. Warum hat jemand wie „HSTikkyTokky“, der weder über eine angenehme Ausstrahlung noch tiefere Einsichten verfügt, überhaupt Follower? Den rebellischen Zug an dieser Männerbewegung, die gegen die Eliten wettert, die vermeintlich die Weltbevölkerung schröpfen, tut Theroux zu schnell als bloße Fassade ab. Stattdessen sucht er Begründungen in schwierigen Familienumständen und vaterlosen Kindheiten.
Am interessantesten wird sein Film ohnehin immer dann, wenn er mit den Frauen dieser Welt spricht, der liberalen Mutter, der scheuen Freundin, der selbstbewussten Ehefrau. Für eine Fortsetzung wünscht man sich mehr Fragen zu ihrer Komplizenschaft in einer Umgebung, in der ihnen so demonstrative Verachtung entgegenschlägt.
Inside the Manosphere Louis Theroux GB/USA 2026, 90 Min., Netflix