Infineon-Chef: „Nicht jeder Roboter wird aussehen wie ein Mensch“

Herr Hanebeck, Infineon profitiert im Moment von der Begeisterung rund um Künstliche Intelligenz. Sie stellen Leistungshalbleiter her, die eine effiziente Stromversorgung in Rechenzentren ermöglichen sollen. Hat man sich das so vorzustellen, dass es kaum ein KI-Rechenzentrum ohne Infineon-Chips gibt?

Es dürfte schwer sein, eines zu finden, in dem wir nicht sind. Das ist vor diesem Hintergrund auch ein perfektes Timing für unsere Investition von fünf Milliarden Euro in unsere neue Chipfabrik in Dresden. Im Moment werden die ersten Anlagen installiert, im Sommer werden wir offiziell mit der Fertigung starten. Wir werden hier analoge und Leistungshalbleiter für KI-Anwendungen herstellen, später dann auch Chips für die Autoindustrie.

Das Geschäft mit diesen Chips für KI-Rechenzentren wächst rasant, während ihre anderen Segmente im Moment schwächeln. Heißt das, ohne diesen KI-Effekt hätten Sie im Moment ein echtes Problem?

Nein. Wir haben immer mehrere Eisen im Feuer. Vor fünf Jahren konnte keiner die rasante Entwicklung der KI-Anwendungen erkennen. Aber es war damals schon klar, dass der Strombedarf künftiger Prozessoren steigen wird. Wir haben deswegen frühzeitig unsere Expertise aufgebaut. Als dann klar wurde, wie stark und schnell das Thema KI und die Hochleistungs-KI-Chips kommen, war es für uns nicht so schwierig, diese Kompetenzen in Produkte zu verwandeln. Heute ist das unser am stärksten wachsendes Geschäft, und zwar in einem Ausmaß, das ich in meinen 30 Jahren bei Infineon noch nicht gesehen habe.

Es wird im Moment viel über die Gefahr einer möglichen KI-Blase gesprochen. Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein?

Es handelt sich hier um eine Universaltechnologie mit breitem Anwendungspotential und ein reales Geschäft dahinter. Ich muss dazu nur in mein eigenes Unternehmen schauen. KI bringt uns echte Produktivitätsgewinne, zum Beispiel in der Kundenbetreuung, in der Softwareentwicklung und in der Erstellung von Chiplayouts.

Können Sie denn die Zeit- oder Kostenersparnisse beziffern?

Im Chipdesign können das Wochen sein, um die sich die Arbeit beschleunigt. Ein anderes Beispiel ist „Ask Infineon“, das ist ein KI-Agent, den wir intern für Anfragen von Mitarbeitern nutzen und der mit den relevanten Informationen aus dem Unternehmen trainiert ist. Unsere Personalabteilung bekommt heute 30 Prozent weniger Anfragen als früher, weil Mitarbeitende sich über „Ask Infineon “ selbst informieren.

Dennoch gibt es viele warnende Stimmen, die auf Alarmsignale hinweisen. Zum Beispiel Transaktionen zwischen Unternehmen wie Open AI und Nvidia, die den Eindruck erwecken, hier werde Geld hin- und hergeschoben.

Natürlich ist die Finanzierung auf Gebieten, die einen Boom erleben, immer ein Thema. Aber die meisten der wichtigsten Unternehmen in diesem Markt können ihre Investitionen aus ihrem eigenen Cashflow finanzieren. Aus meiner Sicht gibt es in der KI-Diskussion zudem noch einen ganz anderen Aspekt, der bisher etwas untergeht. Wir sehen in vielen Regionen der Welt ein zunehmendes Bedürfnis nach sogenannter souveräner KI. Regierungen kommen zu dem Schluss, dass KI-Infrastruktur genauso zu einem Land gehört wie andere Infrastruktur. Dazu gehören unter anderem China, die EU, aber auch Länder am Golf. Deren Motivation ist anders gelagert als die der reinen Betreiber großer Datenzentren.

Der US-Präsident Donald Trump hat unlängst die „Genesis Mission“ angekündigt, eine nationale KI-Initiative. Ist das ein Vorbild für Europa?

Es handelt sich hierbei um ein umfassendes KI-Forschungsprogramm. Es zeigt, dass die Politik den Mehrwert von Künstlicher Intelligenz erkennt und entsprechend handelt. Künstliche Intelligenz ist eine sehr grundlegende Technologie, die vielen Wirtschaftszweigen zugutekommt. Sie wird uns in den nächsten Jahren in vielen Formen und in verschiedensten Bereichen beschäftigen.

Kann Europa hier mithalten? Die wichtigsten Unternehmen sind ja in den USA.

Das stimmt schon. Andererseits haben wir auch in Europa Fähigkeiten und Kompetenzen. Wir müssen das anders angehen, und wir sollten nicht der Versuchung verfallen, die USA eins zu eins kopieren zu wollen.

Was heißt das konkret?

Fangen wir auf der Ebene von KI-Modellen an. Ich sehe hier Chancen, in der EU industriespezifische Modelle zu entwickeln, also jenseits der großen Sprachmodelle. Auch auf der Chipebene hat Europa viel zu bieten. Unsere Leistungshalbleiter sind ein Beispiel dafür, aber auch Mikrocontroller, eine Produktkategorie, in der europäische Anbieter einen Weltmarktanteil von 50 Prozent haben. Mikrocontroller spielen beispielsweise eine wichtige Rolle bei Edge AI, also wenn Daten lokal verarbeitet werden und nicht in der Cloud. Das ist oft effizienter, schneller und sicherer. Ein anderes Aushängeschild für Europa ist die Lithographie-Technologie des Chipmaschinenherstellers ASML, ohne die kein KI-Chip in der Welt produziert werden könnte. Europa muss einen eigenen Weg finden, auf bestehenden Stärken aufbauen und beherzt vorgehen, um auf diesen Hochtechnologiegebieten nicht einseitig abhängig zu werden.

Sie finden also, Europa hat hier schon Pfunde, mit denen es wuchern kann?

Ja natürlich. Es ist viel besser, auf unseren eigenen Stärken aufzubauen und auf dieser Basis mit Partnern zusammenzuarbeiten, die andere Stärken haben. Dazu zählen auch die Hersteller von KI-Prozessoren in den USA.

Der Energieaspekt von KI spielt in der öffentlichen Diskussion eine immer größere Rolle, weil die Rechenzentren ex­trem viel Strom verbrauchen. In den USA ist zu hören, dass in einigen Regionen mit vielen Rechenzentren Stromrechnungen für Verbraucher steigen, und mancherorts regt sich Widerstand gegen den Ausbau der KI-Infrastruktur. Könnte das die Branche bremsen?

Genau aus diesem Grund wäre es wichtig, möglichst schnell zusätzliche Energiequellen zu erschließen. Aus meiner Sicht kann das in näherer Zukunft nicht nur mit zusätzlichen Gaskraftwerken oder gar Nukleartechnik geschafft werden. Die einfachste und offensichtlichste Lösung sind erneuerbare Energien. Windparks oder Solaranlagen, gepaart mit Batteriespeichern, lassen sich recht schnell skalieren.

Das scheint aber im Moment nicht der bevorzugte Weg der US-Regierung zu sein. Donald Trump ist ein erklärter Gegner von Windkraft und will sogar entsprechende Projekte stoppen.

Sicher, es gibt in den USA eine politische Agenda. Aber aus Industriesicht kann ich nur sagen, erneuerbare Energien werden auch in der westlichen Welt vor einem neuen Boom stehen. Genau aus dem Grund, dass eben schnell zusätzliche Elektrizitätsgenerierungskapazität erzeugt werden muss.

Trump scheint nichts gegen Kohle zu haben.

Ich möchte die amerikanische Politik nicht kommentieren. Natürlich sehen wir im Moment eine regional unterschiedliche Entwicklung bei erneuerbaren Energien. China setzt massiv darauf, Europa auch, in den USA sind die politischen Rahmenbedingungen derzeit anders. Gleichzeitig haben wir in der Vergangenheit gerade in den USA oft gesehen: Wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist, dann werden Chancen ergriffen.

Sehen Sie denn auf Ihrer Seite noch viel Innovationspotential, um die Stromversorgung effizienter zu machen und den Anstieg des Energiebedarfs zu bremsen?

Ja, da ist noch einige Luft nach oben. Zum Beispiel durch den Einsatz von Materialien wie Siliziumcarbid oder Galliumnitrid, die ein schnelleres Schalten ermöglichen als Silizium. Da kann man noch einige Prozent rausholen. Aber es ist natürlich auch so, dass die enorme Leistungssteigerung von KI-Chips dafür sorgt, dass der Energiebedarf fast exponentiell ansteigt, und dabei darf die Stromversorgung nicht das limitierende Element werden.

Wie hoch ist denn der Wertanteil von Infineon-Chips in Rechenzentren?

Die aktuellen Serverschränke sind so groß wie Kühlschränke und enthalten rund 15.000 Dollar an Leistungshalbleitern. In der kommenden Generation werden es schon deutlich mehr sein. Bis 2030 werden es wohl mehr als 100.000 Dollar werden, wohlgemerkt pro Schrank. In einem KI-Rechenzentrum können schon mal mehrere Zehntausend Schränke stehen. Natürlich kontrollieren wir nicht den ganzen Markt, aber zu einem erheblichen Anteil werden das Infineon-Chips sein.

Im vergangenen Geschäftsjahr standen die Chips für KI-Rechenzentren erst für fünf Prozent Ihres Umsatzes. Wie viel kann das in der Zukunft werden?

Im laufenden Jahr rechnen wir mit ungefähr zehn Prozent. Das gesamte Volumen des von uns adressierten Marktes wird bis Ende des Jahrzehnts auf acht bis zwölf Milliarden Dollar steigen. Natürlich muss man sehen, wie das mit dem Ausbau der KI-Infrastruktur weitergeht, aber wir erwarten, dass das ein sehr bedeutendes Wachstumsgeschäft für Infineon über die nächsten Jahre bleiben wird.

Weniger erfreulich ist im Moment das Geschäft mit der Autoindustrie, Ihre noch immer mit Abstand größte Sparte. Wie schätzen Sie hier den Markt ein?

Wir haben auch hier Wachstumsgebiete, insbesondere rund um das „softwaredefinierte Fahrzeug“. Darunter fallen neben der gesamten Rechner- und Kommunikationsarchitektur des Autos zum Beispiel auch automatisierte oder autonome Fahrsysteme und Sicherheitsfunktionen. Wenn es um Elektromobilität geht, ist die Lage in der Tat schwierig. Der amerikanische Markt ist aufgrund nicht vorhandener politischer Unterstützung im Moment sehr schwach. Auch in China flacht das Wachstum wegen des bereits sehr hohen Anteils an Elektrofahrzeugen ab, und es gibt einen harten Preiswettbewerb. In Europa sieht es noch vergleichsweise gut aus, wenngleich es auch hier nicht so schnell vorangeht wie erhofft.

Infineon musste jetzt zwei Geschäftsjahre in Folge Umsatzrückgänge hinnehmen, für das laufende Jahr sagen Sie moderates Wachstum voraus. Meinen Sie, das Geschäft mit Chips für KI-Rechenzentren kann Ihnen helfen, in Zukunft über moderates Wachstum hinauszukommen?

Wir haben uns für dieses Jahr erst mal auf das Wort „moderat“ festgelegt. Ich bin sehr optimistisch, dass wir auch in den kommenden Jahren sehr starkes Wachstum im KI-Geschäft sehen werden. Auch in anderen Märkten werden wir wieder eine Belebung spüren, darunter auch in der Autoindustrie. Wenn wir weiter in die Zukunft schauen, verspreche ich mir viel von Robotik, also mobilen KI-unterstützten Robotern. Wenn wir ganz weit in die Zukunft blicken, sehen wir für uns auch Potential in Quantencomputern. Wie schon gesagt: Wir haben immer mehrere Eisen im Feuer.

Was trüge Infineon zu Robotern bei?

Roboter sind ja letzten Endes von der Architektur her gesehen nicht so viel anders als softwaredefinierte Autos, insofern könnten wir da sehr ähnliche Produkte verkaufen. Wir können humanoiden Robotern zum Beispiel helfen, sich zu bewegen, auch bei der Steuerung ihrer Finger, was eine anspruchsvolle Sache ist. Darüber hinaus ermöglichen wir den Robotern, mit Sensoren die Umwelt wahrzunehmen, und bieten Lösungen für die Kommunikation und das Strommanagement an. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Roboter Halbleiter im Wert von mehr als 1400 Dollar hat, könnten davon bis zu 500 Dollar auf unsere Produkte entfallen. Neben Autos sind Roboter die zweite große Kategorie von sogenannter physischer KI. Und wenn sie einmal auf breiter Basis zum Einsatz kommen, kann das ein wichtiges Wachstumsgebiet für Infineon werden.

Elon Musk gibt für den humanoiden Roboter Optimus, den sein Unternehmen Tesla entwickelt, kühne Prognosen. Er hat gesagt, das könnte das erfolgreichste Produkt aller Zeiten werden. Andere Roboterhersteller zeigen sich da etwas vorsichtiger. Wo stehen Sie?

Ich würde sagen, es ist normal, dass es bei einem neuen Trend eine gewisse Spreizung der Vorhersagen gibt. Ich bin da vielleicht eher in der Mitte unterwegs. Aber ich sehe eine gewaltige Chance für Infineon, weil es für uns eigentlich gar nicht mal so ein großer technologischer Schritt ist. Wie gesagt: Es gibt sehr große Gemeinsamkeiten mit softwaredefinierten Fahrzeugen.

Also sehen Sie eine Zukunft, in der wir mit vielen Robotern koexistieren?

Absolut. Wobei die physische Realisierung sehr unterschiedlich ausfallen kann. Nicht jeder Roboter wird zehn Finger oder Beine brauchen. Wichtig ist, was drin ist. Es gibt einen Computer, der mit Künstlicher Intelligenz arbeitet und es dem Roboter ermöglicht, seine Umgebung wahrzunehmen und auch in einer sehr komplexen Umgebung zu agieren. Aber nicht jeder Roboter wird aussehen wie ein Mensch.

Zur Person

Infineon blickt auf ein schwieriges Geschäftsjahr zurück. Zum zweiten Mal in Folge ist der Umsatz des Halbleiterkonzerns gefallen, er betrug knapp 14,7 Milliarden Euro. Jochen Hanebeck, seit 2022 Vorstandsvorsitzender, verweist auf eine „Schwäche in der Mehrzahl unserer Zielmärkte“. Dazu gehört die Autoindustrie, die mit Abstand wichtigste Kundengruppe, die Infineon rund die Hälfte des Umsatzes einbringt. Es gibt aber einen Lichtblick, wenn auch in einem bislang noch deutlich kleineren Geschäft. Das Unternehmen verkauft Halbleiter, die in KI-Rechenzentren zum Einsatz kommen und dort eine möglichst effiziente Stromversorgung gewährleisten sollen. Der Umsatz mit diesen Chips hat sich im vergangenen Geschäftsjahr (per Ende September) fast verdreifacht, und für das laufende Jahr sagt Infineon mehr als eine Verdoppelung auf 1,5 Milliarden Euro voraus. Im Gesamtkonzern soll es wieder ein „moderates“ Umsatzwachstum geben.

AndersArbeitArchitekturASMLAutoindustrieAutosBetrugChinachipChipsCloudDie ZeitDollarDonaldDresdenElonEndeEntwicklungErneuerbare EnergienEUEuroEuropaFeuerFinanzierungGeldGolfHintergrundHörenInfineonInfrastrukturIntelligenzInvestitionenJochenKIKohleKommunikationKühneKünstliche IntelligenzLuftMANMotivationMuskNvidiaPolitikPrognosenRechenzentrenRechtRegierungRoboterRobotikSelbstSiliziumSolaranlagenSommerStarkStromTeslaTrumpUmweltUnternehmenUSUSAVerbraucherWachstumWeilWELTWillWindkraftZeitZukunft