Individuelles Risiko: Mit besseren Daten gegen die Demenz

Hirnforscher kennen vierzehn Faktoren, die das Risiko für Demenz erhöhen. Hoher Blutdruck gehört dazu, Seh- und Hörverlust, Rauchen, Trinken, Einsamkeit. Wer diese Faktoren minimiert, der schützt sein Gehirn vor Alzheimer und Co. Das ist angesichts der absehbar steigenden Zahlen an Demenzpatienten eine wichtige Nachricht: Allein in Deutschland werden 2,7 Millionen Betroffene im Jahr 2050 prognostiziert, heute sind es 1,8 Millionen. Mit besserer Prävention ließe sich knapp die Hälfte der Erkrankungen verhindern.

Nun weiß theoretisch jeder, was gesund ist. Aber kaum jemand weiß, was er selbst am besten tun oder lassen sollte. Prävention funktioniert nur, wenn sie individuell angepasst ist. Diese Erkenntnis ist die Grundlage, auf der die Wissenschaftsakademien Leopoldina und Acatech nun ein Positionspapier veröffentlicht haben. Im Daten- und KI-Zeitalter sei eine solche angepasste, „datengetriebene Demenzprävention“ möglich, heißt es darin. Es sei heute denkbar, für jeden Menschen ein Demenzrisikoprofil zu erstellen. Mithilfe von Gentests, der Bestimmung der körperlichen Verfasstheit, des Lebensstils und der Umwelt, in der ein Mensch lebt, lässt sich bestimmen, welcher Präventionsweg der effektivste ist: Sollte man besser das Rauchen und Alkoholtrinken einstellen, sich mehr bewegen, Blutdrucksenker einnehmen oder sich ein Hörgerät anschaffen?

Eine Impfempfehlung für ältere Menschen

Konkret wollen die Forscher mehr Gesundheitsdaten sammeln, vernetzen und besser auswerten und mit neuen Erkenntnissen der Wissenschaft verknüpfen. Es soll ein „Ökosystem“ entstehen, in das alle Daten aus Forschung, Medizin und Epidemiologie einfließen. Auf dieses sollten die unterschiedlichen Zielgruppen, also Forscher, Ärzte oder auch Privatpersonen, über Apps zugreifen, erklärte Joachim L. Schultze. Er leitet das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und hat am Positionspapier mitgearbeitet.

Die Auswertung von Daten habe die Demenzprävention erst kürzlich weitergebracht, als anhand von Krankenakten älterer Menschen in Wales gezeigt wurde, dass diejenigen, die eine Impfung gegen Gürtelrose erhalten hatten, ein geringeres Risiko für eine Demenz haben als die, die diese Impfung nicht erhalten hatten. Daraus lässt sich eine Impfempfehlung für ältere Menschen ableiten. „Wir wollen nicht hergehen und sagen: ‚Esst gesünder, treibt ein bisschen mehr Sport.‘ Das ist zwar richtig, wird aber nicht funktionieren“, sagt Schultze. Jeder Mensch habe sein eigenes Risikoprofil. Es müsse also ein „Toolset von Möglichkeiten“ geschaffen werden, mit dem man viel schneller diejenigen mit erhöhtem Risiko identifizieren könne.

Die nicht an der Erstellung des Entwurfs beteiligte Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health am Uniklinikum Leipzig, Steffi G. Riedel-Heller, nannte die Stellungnahme „längst überfällig“. Wenn der Einzelne sein Risikoprofil erhalte, sei das ein Hebel. Man müsse gleichzeitig aber auch die Bedingungen in der Gesellschaft schaffen, die gesunde Lebensentscheidungen möglich machten.

Rechtssicherheit in der Datenflut

Steffen Heß, Leiter des Forschungsdatenzentrums Gesundheit am Bundesarzneimittelinstitut (BfArM), schätzt das Projekt auch deshalb als „ambitioniert“ ein. Gesundheitsdaten zu erheben, zu verknüpfen und in Apps bereitzustellen, ist nicht trivial. Man muss beispielsweise die Daten, die an seinem Zentrum in Form von Abrechnungsdaten vorliegen, mit den bildgebenden Daten bei den Universitätskliniken, aber auch mit Registern verschiedener Erkrankungen verknüpfen. Es gebe „eher zu viele Datenquellen, die relevant wären“, um sie in ein Ökosystem einbinden zu können. Wenn man individualisierte Demenzprofile erstellen will, müssen auch neue Daten erhoben werden: etwa Blutmarker, genetische Faktoren oder auch Daten zum Lebensstil. Solche Daten müssen hochwertig sein und rechtssicher gespeichert und vernetzt werden.

In Deutschland gibt es bereits seit 2020 eine nationale Demenzstrategie, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen in der Gesellschaft erleichtern soll. Dass sie nicht ausreicht, ist eine Botschaft der Wissenschaftler. Man müsse größer und langfristiger denken, es müsse eine Dekade für Gehirngesundheit entwickelt werden, sagte Schultze. Alle Ministerien müssten sektorenübergreifend mitarbeiten. Demenzprävention sei eine Gesellschaftsaufgabe, die mehr als nur die Gesundheits- und Familienpolitik betreffe. Angesichts der Prognose, dass die Kosten für die Erkrankung bis auf 141 Milliarden Euro im Jahr 2040 steigen könnten, ist das wohl eine realistische Einschätzung.

Source: faz.net