Arundhati Roy kommt nicht, wie geplant, zur Berlinale. Die preisgekrönte indische Autorin ist „empört“ über die Aussage von Jurypräsident Wim Wenders, Filmemacher sollten unpolitisch bleiben
Die indische Autorin Arundhati Roy, hier in Stockholm, Schweden, im November 2025
Foto: Jonas Ekströmer/IMAGO/TT
Die Autorin Arundhati Roy hat einen Besuch bei der Berlinale abgesagt – und als Grund dafür Aussagen ihres diesjährigen Jurypräsidenten Wim Wenders benannt. Wenders hatte gesagt, Filmemacher müssten sich aus der Politik heraushalten.
Die Berlinale hatte am Donnerstag einen holprigen Start, als die Wettbewerbsjury unter Leitung des deutschen Filmemachers Wenders Fragen zum Konflikt in Gaza beantwortete. Auf die Frage hin, ob Filme politischen Wandel bewirken können, antwortete Wenders, dass „Filme die Welt verändern können“, aber „nicht auf politische Weise“.
Wim Wenders: „Wir müssen die Arbeit der Menschen tun, nicht die Arbeit der Politiker“
Wenders weiter: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.“ Denn wenn das Kino Filme machte, die dezidiert politisch seien, „begeben wir uns auf das Feld der Politik – doch wir sind das Gegengewicht zur Politik. Wir müssen die Arbeit der Menschen tun, nicht die Arbeit der Politiker“.
In einer Erklärung vom Freitag, in der Arundhati Roy ihren Rückzug bekannt gab, bezeichnete sie, die an einer Vorführung ihres kürzlich restaurierten Films In Which Annie Gives it Those Ones aus dem Jahr 1989 teilnehmen wollte, Wenders‘ Kommentare als „unzumutbar“; sie befürchte, dass sie „Millionen von Menschen auf der ganzen Welt“ erreicht hätten.
Die mit dem Booker-Preis ausgezeichnete indische Autorin sagte: „Zu hören, dass Kunst nicht politisch sein sollte, ist einfach nur unglaublich. Damit wird eine Diskussion über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit unterbunden, obwohl es sich gerade vor unseren Augen abspielt – in einer Zeit, in der Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu stoppen.“
Was „Zone-of-Interest“-Produzentin Ewa Puszczyńska sagt
Roy weiter: „Obwohl mich die Haltung der deutschen Regierung und verschiedener deutscher Kulturinstitutionen zu Palästina zutiefst beunruhigt hat, habe ich immer politische Solidarität erfahren, wenn ich vor deutschem Publikum über meine Ansichten zum Völkermord in Gaza gesprochen habe.“
Wenders ist der amtierende Präsident der diesjährigen Berlinale-Jury, zu der auch der amerikanische Regisseur und Produzent Reinaldo Marcus Green, der japanische Filmemacher Hikari, den nepalesischen Regisseur Min Bahadur Bham, die südkoreanische Schauspielerin Bae Doona, den indischen Regisseur und Produzenten Shivendra Singh Dungarpur und Ewa Puszczyńska gehören, die den Oscar-prämierten Film The Zone of Interest über das idyllische Familienleben eines Auschwitz-Kommandanten und seiner Familie produziert hat.
Die Jury wurde zu der Unterstützung befragt, die die deutsche Regierung, die einen Großteil des Festivals finanziert, Israel entgegenbringt. Puszczyńska bezeichnete die Frage als „kompliziert“ und „ein bisschen unfair“.
Roy spricht vom „Völkermord an den Palästinensern durch den Staat Israel“
„Natürlich versuchen wir, mit den Menschen – mit jedem einzelnen Zuschauer – ins Gespräch zu kommen, um sie zum Nachdenken anzuregen, aber wir können keine Verantwortung dafür übernehmen, ob sie sich dafür entscheiden, Israel oder Palästina zu unterstützen“, sagte sie. „Es gibt viele andere Kriege, in denen Völkermord begangen wird, und darüber sprechen wir nicht.“
Roy, die diese Woche für ihren ersten Memoirenband Mother Mary Comes to Me auf die Longlist für den Women’s Prize for Non-Fiction gesetzt wurde, betonte ihre Überzeugung, dass „das, was in Gaza geschehen ist und weiterhin geschieht, ein Völkermord an den Palästinensern durch den Staat Israel ist“.
Arundhati Roy: „Ich bin schockiert und empört“
Sie fügte hinzu: „Dies wird von den Regierungen der Vereinigten Staaten und Deutschlands sowie mehreren anderen Ländern in Europa unterstützt und finanziert, was sie zu Mittätern dieses Verbrechens macht. Wenn die größten Filmemacher und Künstler unserer Zeit nicht aufstehen und dies sagen können, sollten sie wissen, dass die Geschichte über sie urteilen wird. Ich bin schockiert und empört.“
Mit Blick auf die Aufnahme ihres Films in die Sektion „Classics“ des Festivals sagte die Autorin, dass In Which Annie Gives It Those One „etwas Süßes und Wunderbares“ zueigen sei, und beschrieb ihn als „einen skurrilen Film, den ich vor 38 Jahren geschrieben habe“.