Er galt als Wunderkind, weil ihm alles sehr früh gelang. In London geboren, in Indien aufgewachsen, Student an den besten Universitäten Indiens und der Vereinigten Staaten, hatte Shashi Tharoor mit zweiundzwanzig schon zwei Magister und ein Doktorat absolviert, womit er sofort in die Vereinten Nationen eintrat. Dort arbeitete er sich in der Kommission für Flüchtlinge in New York, Genf und Singapur bis zum stellvertretenden Generalsekretär hoch. Sein Griff zum höchsten Posten misslang jedoch, und damit endete seine Diplomatenkarriere.
2009 wechselte er in die Politik. In Indien wurde er Mitglied der Kongress-Partei, der politischen Heimat Mahatma Gandhis und Jawaharlal Nehrus, und im selben Jahr Parlamentsmitglied und wenig später Minister. Bis heute sind ihm die Wähler in seiner Heimatstadt Trivandrum in Kerala treu geblieben, auch nachdem 2014 die Regierung in Neu Delhi wechselte und Narendra Modi Premierminister wurde. In der Politik bemühte er sich ebenfalls ums höchste Amt, doch um Präsident der Indischen Union zu werden, war sein Image wohl zu elitär.
Urindischen Stoff ins moderne Zeitalter transponiert
Aber das ist nur die Hälfte seiner Lebensgeschichte. Shashi Tharoor hat mit jungen Jahren begonnen, als Journalist tätig zu sein, und schreibt bis heute allwöchentlich zwei, drei, manchmal vier Artikel in den führenden indischen Journalen über Themen, die sein weites kosmopolitisches Interesse und gesellschaftliches Engagement zeigen. Doch wird man ihn vor allem kennen als Autor des Buchs „Der große Roman Indiens“, auf Englisch 1989 erschienen, als Tharoor gerade einmal dreiunddreißig Jahre alt war. Der Roman versetzt die Handlung des bekannten Epos der Hindus, des „Mahabharata“, in die Zeit des Kampfes Indiens um die politische Unabhängigkeit, also ins zwanzigste Jahrhundert, und zieht satirisch die Parallelen nach. Dieser epische Wurf, den urindischen Stoff ins moderne Zeitalter zu transponieren, rückt Tharoor in die Nähe von Salman Rushdie und dessen Roman „Mitternachtskinder“, der ebenso den Resonanzraum des Mythos in der Moderne zum Klingen bringt.
Von zwei kaum beachteten weiteren Romanen abgesehen, hat Shashi Tharoor sich danach seinen sozialpolitischen Themen gewidmet. Manche würden bedauernd sagen, er habe sein erzählerisches Talent der Politik geopfert. Immerhin aber waren seine Bücher über Nehru, Bhimrao Ramji Ambedkar (den im Westen wenig bekannten Anführer der gesellschaftlich ausgegrenzten Dalits) und den religiösen Reformer Narayana Guru Signale eines Mannes, der komplexe und umstrittene Themen zu behandeln verstand.
Noch einmal machte Tharoor weltweit auf sich aufmerksam mit dem genau recherchierten Buch „An Era of Darkness“ (2016), das die wirtschaftliche Ausbeutung der britischen Kolonisatoren anprangerte. Es beruht auf einer viel beachtete Rede vor der Oxford Union im Jahr 2015 und fordert von den Engländern Reparationen für Indien. Die deutsche Übersetzung, „Zeit der Finsternis“, erschien erst 2024.
Mit Shashi Tharoor kann Indien seinen prominentesten und wirkungsvollsten „public intellectual“ vorweisen. Weltmännisch, charmant, rhetorisch begabt, blitzgescheit und außerdem noch gut aussehend, bleibt er weiterhin eine Ausnahmeerscheinung, dessen Visionen für ein modernes Indien die Politik sämtlicher Parteien überschreitet. Heute wird er siebzig.
Source: faz.net