In Sachsen-Anhalt: Wie die AfD sich die „patriotische Wende“ vorstellt

Auf mindestens 600.000 wird die Zahl der Kunstwerke geschätzt, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten in Europa geraubt wurden. Der NS-Staat und auch Teile der deutschen Bevölkerung hatten sich systematisch und skrupellos vor allem an jüdischem Eigentum bereichert. In der Lost-Art-Datenbank des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg finden sich aktuell fast 87.000 Meldungen über NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, deren Herkunft oder Verbleib bis heute ungeklärt ist, wobei die Dunkelziffer der vermissten Werke wesentlich höher liegt.

Die in Museen, Stiftungen und Auktionshäusern betriebene Provenienzforschung leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Klärung der Geschichte und Herkunft von Kulturgütern, die rechtmäßig erworben wurden, sondern arbeitet auch historisches Unrecht auf, wenn es sich um verfolgungsbedingt entzogenes Raubgut aus der NS-Zeit oder aus kolonialen Kontexten handelt.

176 verdächtige Objekte aus ehemals jüdischem Besitz

Die meisten großen Museen haben für ihre Sammlungen eigene Provenienzforscher und -forscherinnen. Die kleinen Häuser hingegen verfügen oft weder über die Finanzmittel noch das Personal noch über das notwendige Fachwissen, um diese Recherchearbeiten durchzuführen. Aktuell bemüht sich Sachsen-Anhalt in einem Pilotprojekt vorbildlich darum, neben den kunst- und kulturhistorischen Museen in Großstädten wie Dessau und Halle auch Sammlungen in Kleinstädten wie Aschersleben, Ballenstedt, Köthen und Wernigerode zu unterstützen.

Bei einer Erstuntersuchung in dreißig Museen fanden sich 176 verdächtige Objekte aus ehemals jüdischem Besitz, die in der NS-Zeit wahrscheinlich zwangsverkauft, enteignet oder geraubt wurden. Dabei handelt es sich vor allem um Judaica, das heißt um alte schriftliche Dokumente zum Judentum, kunsthandwerkliche Objekte des Alltags sowie rituelle und sakrale Gegenstände.

Gerecht zurück in der Moritzburg: Menzels restituierte „Bauarbeiter“, 1875 Foto MoritzburgKulturstiftung Sachsen-Anhalt

Deshalb hat nun die Koordinierungsstelle Provenienzforschung des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt ein Projekt initiiert und zusammen mit dem in Halberstadt ansässigen kulturhistorischen Berend Lehmann Museum ein Konzept entwickelt: Mit finanzieller Unterstützung unter anderem des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg werden über ein Jahr lang vertiefende Recherchen zu den 176 Objekten durchgeführt, um deren Geschichte zu klären.

Lieber sollen Kriegerdenkmäler gepflegt werden

In das Weltbild der AfD passt diese Form des historischen Bewusstseins jedoch nicht. Denn die von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragene Erinnerungskultur ist zum Lieblingsfeind der extremen Rechten avanciert. Unter dem Motto „Kein Geld mehr für sogenannte Provenienzforschung!“ wird die wissenschaftliche Aufarbeitung von NS-Raubkunst vom Landesverband der Partei in Sachsen-Anhalt abgelehnt. In ihrem Wahlprogramm für die Landtagswahl im September, das siegessicher „Regierungsprogramm“ heißt, wird ein Kulturkampf angekündigt, der einen radikalen Umbau in allen gesellschaftlichen Bereichen vorsieht.

Dazu gehört unter anderem auch die Provenienzforschung, für die es in den Augen der AfD keinen Anlass gibt. Denn sie dient nach ihren Worten „nur der künstlichen Aufrechterhaltung eines Schuldgefühls, das wir endlich ablegen sollten“. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg soll deshalb kein Geld mehr vom Land Sachsen- Anhalt erhalten, obwohl sich weiterhin unzählige geraubte Kulturgüter in den Museen befinden.

Anstatt die Provenienzforschung zu finanzieren, sollen laut Wahlprogramm der AfD Kriegerdenkmäler gepflegt werden und gefallene Soldaten – nicht nur jene aus dem Ersten Weltkrieg, vielmehr auch solche, die für das NS-Regime gekämpft haben – mit Gedenkstätten geehrt werden als „ein erstes Zeichen der patriotischen Wende“.

„Provenienzforschung muss als originäre Aufgabe von Museen verstanden werden“

Dass sich Deutschland offiziell und mehrfach zu den internationalen Washingtoner Prinzipien von 1998 bekannt hat, die eine aktive Erforschung von NS-Raubgut sowie faire und gerechte Lösungen für die Opfer und ihre Nachfahren beinhalten, berücksichtigt die AfD nicht. Auch dass die Suche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern nicht zuletzt ein Ausdruck für die Anerkennung des Leids und Unrechts der Verfolgten des Nationalsozialismus ist, ist für die Partei bezeichnenderweise kein Thema.

Unabhängig von der Frage, ob die AfD im September die Regierung in Sachsen-Anhalt stellt oder ihr die Rolle einer starken Oppositionspartei zukommt, wird es in dem Bundesland in Zukunft schwieriger werden, den Anspruch einer funktionierenden Provenienzforschung aufrechtzuerhalten.

Wiebke Ahrndt, die Präsidentin des Deutschen Museumsbunds, der die Interessen von mehr als 4300 Mitgliedern bundesweit vertritt, bezog auf Anfrage dieser Zeitung jedoch eindeutig Stellung: „Provenienzforschung muss als originäre Aufgabe von Museen verstanden werden. Nur so lässt sich der Anspruch auf Transparenz und gesellschaftliche Verantwortung im Umgang mit Sammlungsgut einlösen, der für öffentliche Institutionen in einer demokratischen Ordnung zentral ist. Daraus folgt, dass historisches Unrecht benannt und aufgearbeitet werden muss.“

Source: faz.net