Tadej Pogacar kämpft sich bei Paris-Roubaix durch Defekte und die Kopfsteinpflaster-Hölle, doch im Sprint unterliegt er Wout van Aert. Der feiert den emotionalsten Sieg seiner Karriere.
Mit Dreck verschmiertem Gesicht stapfte ein enttäuschter Tadej Pogacar von der ehrwürdigen Betonpiste im Velodrome, völlig fertig lehnte sich der Weltmeister auf sein Rad. In einem Rennen für die Geschichtsbücher hatte der slowenische Ausnahmekönner alles versucht, drei Radwechsel in der Hölle des Nordens gemeistert – und doch im Finale bei der Kopfsteinpflaster-Tortur Paris-Roubaix im Sprint gegen den belgischen Klassiker-Spezialisten Wout van Aert das Nachsehen.
„Als ich zusammen mit Wout fuhr, war nicht mehr viel Frische in den Beinen. Ihn auf dem Kopfsteinpflaster abzuhängen, wäre eine Mission impossible gewesen. Ich hatte noch Hoffnung auf den Sprint, aber meine Beine waren wie Spaghetti. Er hat auf den Champs-Élysées gewonnen. Es ist hart ihn zu schlagen“, sagte Pogacar.
Mit seinem erneuten zweiten Platz verpasste Pogacar den nächsten bedeutenden Meilenstein im Radsport hauchdünn. Der slowenische Ausnahmekönner muss weiter auf seinen ersten Sieg in Roubaix warten, womit er dem elitären Kreis um Legende Eddy Merckx beigetreten wäre. Nach 258,3 Kilometern zwischen Compiègne und Roubaix musste der Sprint entscheiden, nachdem sich Pogacar und van Aert auf den Kopfsteinpflaster-Sektoren ein spannendes Duell ohne Sieger geliefert hatten.
„Das bedeutet mir alles“, jubelt van Aert
Der zehnmalige Tour-Etappensieger van Aert feierte indes den größten Erfolg seiner Karriere. Es war ein emotionaler Triumph. „Das bedeutet mir alles. Das ist ein Ziel seit 2018, als ich das erste Mal hier gefahren bin. Vor acht Jahren habe ich in dem Rennen meinen Teamkollegen Michael Goolaerts verloren. Seitdem war es mein Ziel, hierherzukommen und den Finger in den Himmel zu strecken. Dieser Sieg ist für Michael, vor allem auch für seine Familie“, sagte ein bewegter van Aert. Goolaerts hatte damals während des Rennens einen Herzinfarkt erlitten.
Vor seinem Sieg musste van Aert aber Schwerstarbeit leisten, denn Pogacar versuchte auf dem Kopfsteinpflaster aller, um den Belgier abzuhängen. Schon im vergangenen Jahr hatte Pogacar bei seiner Roubaix-Premiere den zweiten Platz belegt. Damit muss er seinen Angriff auf den historischen Coup um ein Jahr verschieben. Mit einem Sieg bei der Königin der Klassiker hätte Pogacar bei allen fünf bedeutenden Eintagesrennen – den sogenannten Monumenten – mindestens einen Sieg bejubelt. Das schafften vor dem Slowenen nur die drei Belgier Merckx, Roger De Vlaeminck und Rik Van Looy.
Das mit Spannung erwartete Duell von Pogacar mit seinem großen Widersacher Mathieu van der Poel fiel dagegen aus. Der niederländische Ex-Weltmeister verpasste nach einem Defekt zur Unzeit im berüchtigten Wald von Arenberg den Anschluss und damit auch seinen vierten Sieg nacheinander. Van der Poel versucht zwar mit aller Macht, zurück an die Spitze zu kommen – ohne Erfolg. Am Ende wurde er Vierter.
In einer spektakulären 123. Auflage blieb aber kein Fahrer von technischen Problemen verschont. Auch Pogacar musste zweimal vom Rad und zwischenzeitlich eine Aufholjagd starten. Van Aert musste einmal aus dem Sattel, ließ sich dann aber auf den heftigen Kopfsteinpflaster-Sektoren im Zweikampf mit Pogacar nicht mehr abschütteln.
Die Entscheidung fiel entsprechend erst im Velodrome. Dort lancierte Pogacar den Sprint, doch van Aert zog vorbei und riss schnell eine Lücke. Dies konnte Pogacar nicht mehr schließen. Bester Deutscher war der Kölner Nils Politt auf Platz neun.
Pogacar mit Reifenschaden
Mit kräftigem Rückenwind fuhren die Profis ein zügiges Tempo in den ersten von 30 harten und unerbittlichen Pflastersteinsektoren. Als etwa 160 Kilometer vor dem Ziel der erste Kopfsteinpflaster-Sektor wartete, waren die beiden Top-Favoriten Pogacar und van der Poel bestens an der Spitze des Hauptfelds positioniert. Bei dem Spektakel lief zunächst alles nach Plan, doch dann bremste Pogacar 120 Kilometer vor dem Ziel ein platter Vorderreifen aus.
Ohne schnelle Hilfe eines Teamfahrzeugs musste sich der Weltmeister mit einem neutralen Ersatzrad zufriedengeben. Lange musste er nicht warten: Mit dem passenden Ersatzrad und einer kurzen Standpauke für ein Kameramotorrad im Weg ging es mit 50 Sekunden Abstand weiter. Angetrieben durch den Kölner Helfer Nils Politt kämpfte sich Pogacar wieder an die Gruppe heran.
Der Slowene schloss vor dem berüchtigten Wald von Arenberg wieder auf. Und dann erwischte es den Konkurrenten: Van der Poel hatte ein Defekt. Der Niederländer schnappte sich das Rad seines Teamkollegen, doch es passte nicht. So begann das lange Warten auf das Begleitfahrzeug. Van der Poel büßte so zwei Minuten auf die Spitzengruppe um Pogacar ein. Es wurde das erwartet hektische Rennen mit Stürzen, Platten und reichlich Dramatik.
dpa/SUF
Source: welt.de