Iran reagiert mit Raketenbeschuss auf Israel, dort sucht in Bunkern Schutz, wer kann: Was Menschen in Tel Aviv und Ostjerusalem über diesen Krieg sagen – und wie sich die Opposition zu Benjamin Netanjahu verhält, acht Monate vor den Wahlen
Drei orthodoxe jüdische Männer am 28. Februar 2026 vor einem Luftschutzbunker im Zentrum Jerusalems
Foto: Debbie Hill/Imago/UPI Photo
Luftangriffssirenen und leere Straßen am Samstag in Israel, Menschen flüchteten in Luftschutzbunker in Vorbereitung auf eine iranische Angriffswelle. Doch individuelle Ängste oder Resignation stehen im Schatten breiter politischer wie öffentlicher Unterstützung für den zweiten Krieg Israels mit dem Iran in weniger als einem Jahr. „Wir alle sind der Meinung, dass das, was wir begonnen haben, zu Ende gebracht werden muss“, sagte Gal Tzairi, ein 23-jähriger Universitätsstudent, der in einer Tiefgarage im Zentrum von Tel Aviv Schutz gesucht hatte. „Wir wollen unsere Sicherheit, deshalb wissen wir, dass wir [das] brauchen.“
Wehrpflicht und Untersuchung des 7. Oktober sind erstmal kein Thema mehr
Sanitäter mussten Tzairi im Juni vergangenen Jahres aus den Trümmern seines Hauses bergen, als ein iranischer Raketenangriff sein Wohnhaus zerstörte. Die ersten Sirenen weckten wieder Ängste von damals bei ihm, aber wie viele andere in Israel sagte er, er habe nach den wochenlangen militärischen Vorbereitungen der USA in der Region und Warnungen des israelischen Premierministers an den Iran schon fast mit einem weiteren Krieg gerechnet. „Das ist Runde zwei“, sagte der 30-jährige Tom Zimako, der die Entscheidung, den Iran erneut anzugreifen, „zu 100 Prozent“ unterstützte. „Wir müssen eine gute Lösung gegen den Terror finden – nicht gegen die Menschen, gegen die Bürger [des Iran].“
Die Angriffe am Morgen beendeten sofort alle erbitterten politischen Auseinandersetzungen in Israel im Vorfeld der für Oktober dieses Jahres angesetzten Wahlen. Streitigkeiten über die Wehrpflicht für ultraorthodoxe Männer und die Frage, ob es eine staatliche Untersuchung der Anschläge vom 7. Oktober 2023 geben soll, spielen plötzlich keine Rolle mehr. Alle Oppositionsführer aus fast dem gesamten politischen Spektrum stellen sich hinter Benjamin Netanjahu.
Oppositionsführer Yair Lapid schrieb in einem Social-Media-Beitrag: „Ich unterstütze diese Operation voll und ganz. Wir sind uns alle einig über die Rechtfertigung und Bedeutung eines Schlags gegen das mörderische iranische Regime.“ Yair Golan, Vorsitzender der Mitte-Links-Partei Die Demokraten, des Zusammenschlusses von Meretz und Arbeiterpartei, sagte, das israelische Militär habe seine „volle Unterstützung“ bei der „Beseitigung der iranischen Bedrohung“. Der rechtsgerichtete Ex-Premier Naftali Bennett sagte: „Die gesamte Nation Israel steht hinter Ihnen.“
Was Yoav Gallant und Ayman Odeh sagen
Während unter anderem EU-Staaten eine Rückkehr zu Verhandlungen über das iranische Atomprogramm forderten, riefen prominente Israelis zu einem umfassenden, unbefristeten Krieg auf. Yoav Gallant, ehemaliger Verteidigungsminister, sagte in einem Interview auf Israels Channel 12: „Es ist klar, dass wir gegenüber dem Iran die Oberhand haben. Wichtig ist, dass wir nicht aufhören, bis wir die Aufgabe erledigt haben.“ Zu Irans Reaktion auf die israelischen und US-amerikanischen Angriffe sagte Gallant: „Die geringe Anzahl an Raketen, die die Iraner abschießen, zeigt, dass sie schwach sind.“
Einer der wenigen politischen Kritiker des Krieges war der Abgeordnete Ayman Odeh, ein palästinensischer Staatsbürger Israels, der die Opposition dafür attackierte, dass sie sich hinter eine Regierung stellte, die „für immer nach dem Schwert leben“ wolle. „Es gibt keine Opposition in Israel, nur 50 Schattierungen des Militarismus“, sagte er in den sozialen Medien. „Immer wieder versuchen sie hier dasselbe Rezept: eine weitere ‚Runde‘, eine weitere Operation, mehr Blutvergießen. Jedes Mal versprechen sie, dass es diesmal Sicherheit bringen wird, und jedes Mal beweist die Realität das Gegenteil.“
In Israel spielen Kinder auf dem Spielplatz „Sirenen“ und „Schutzräume“
Raketenangriffe auf Israel sind besonders gefährlich für die palästinensischen Bürger des Landes, die weniger Zugang zu Luftschutzbunkern haben. Nourka Ghoul, eine 30-jährige Art Directorin aus Ostjerusalem, gehört zu denen, die zu Hause keinen Schutzraum haben. Sie hatte ihren Mann Kenan und ihre 13 Monate alte Tochter Sofia ins Auto gepackt, um zur Wohnung eines Verwandten zu fahren. „Wenn die Sirenen heulen, kommen wir zusammen und beten“, sagte sie. „Es ist jedes Mal dasselbe. Wir wollen bei unserer Familie sein. Wenn wir sterben müssen, dann sterben wir alle zusammen.“
Viele Menschen in Israel kennen diese Unruhe des Krieges als Alltag. Aleeza, 35, eine Filmemacherin, die sich in einem Schutzraum abmüht, ein Baby und ein Kleinkind zu versorgen, erzählte, dass ihr dreijähriger Sohn nun mit Freunden „Sirenen“ spielt und sie sich gegenseitig zu „Schutzräumen“ auf ihrem Spielplatz rennen. Am Samstagnachmittag klang sie eher frustriert als verängstigt, weil der Krieg die Dreharbeiten zu ihrem ersten Spielfilm, einer Komödie, abrupt unterbrochen hatte. „Ich möchte einfach nur, dass es vorbei ist.“
Krieg am Vorabend des Purim-Festes
Der Angriff erfolgte am Vorabend des jüdischen Purim-Festes, das an die biblische Geschichte aus dem Buch Esther erinnert, in der eine jüdische Gemeinde im alten Persischen Reich sich vor einem Massaker rettete. Traditionell gehören zu den Feierlichkeiten Verkleidungen, und einige Menschen in Tel Aviv gingen direkt von den frühen Purim-Partys in ihren Kostümen zu den Schutzräumen. Andere scherzten, dass US-Präsident Donald Trump sich selbst als modernen Mordechai – einen Helden aus der biblischen Geschichte – inszenieren wolle, indem er jüdische Leben im heutigen Iran verteidige.
Da der Luftraum gesperrt und alle Flüge gestrichen waren, mussten auch einige Touristen ihren Weg zu Schutzräumen finden. Philippe und Juliette Kubler aus Nizza in Frankreich hatten Jerusalem im Rahmen einer lange in ihrem Leben geplanten Reise besucht. „Wir sagten uns, dass das Risiko gering sei. Wir hatten eine tolle Zeit hier. Alle waren sehr gastfreundlich. Wir haben alle heiligen Stätten gesehen. Wir haben uns nie in Gefahr gefühlt“, sagte Philippe, ein Krankenpfleger. „Jetzt mache ich mir nur noch Sorgen, wie wir nach Hause kommen.“