Mit breiter Brust treten organisierte Atheisten und „Konfessionsfreie“ in die Öffentlichkeit. Sie fordern mehr Einfluss für sich selbst – und weniger Einfluss für Religionsgemeinschaften. Das mag im Trend liegen. Aber was wäre das für eine arme Welt?
Am Ostersonntag, direkt nach der Liveübertragung des Ostersegens vom Petersdom, würde die ARD einen atmosphärischen Kontrapunkt setzen. Und eine Dokumentation ausstrahlen. Titel: „Warum Gott eine Illusion ist“. In den Schulen würden die Bundesländer helfen, den Aberglauben schon an der Wurzel, in Kindheit und Jugend, auszureißen. Indem sie das Fach „säkulare Lebenskunde für alle“ einführen, das die Kunst des zufriedenen Lebens ohne Religion lehren würde. Und am 23. März, dem Welttag der Atheisten, würde für konfessionslose Mitbürger ein Feiertag geschaffen, an dem sie die Befreiung vom Joch der Religion begehen könnten. Denn öffentliche Feiern stärken die Identität.
Klingt unrealistisch? Mag sein. Doch so ähnlich könnte es schon kommen, wenn sich die Verbände der Konfessionslosen und Atheisten mit ihrer zentralen Forderung durchsetzten: Sie wollen gemäß ihrem vermeintlichen Bevölkerungsanteil gestärkt und mit Religionsgemeinschaften gleichbehandelt werden.
Die radikale Atheisten-Agenda
Ließen sich Bund und Länder darauf ein, wären Sitze in Rundfunk- und Medienräten, ein eigenes Schulfach und ein Feiertag nur folgerichtig. Derart gekräftigt, könnten die organisierten Konfessionslosen umso vehementer ihrer wahren Passion frönen: der antireligiösen Propaganda. Denn in der Frage, wogegen sie kämpfen, wirken sie weit beredter als in der Frage, wofür sie stehen. Vermutlich würden die radikalen Säkularisierer primär darauf drängen, den Kirchen das Leben zu erschweren (wobei auch die muslimische Minderheit von ihnen schon einiges abbekommen hat).
Schon jetzt fordern der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten oder der Zentralrat der Konfessionsfreien, Kinder vor religiöser Erziehung zu schützen („für Kinderrechte statt Indoktrination“). Damit gemeint: Möglichst wenig Religionspädagogik in Kita und Schule. Und möglichst keine Theologie an Unis. Zudem werben sie dafür, die Kirchenmitgliedschaft von Kindern zu verhindern (und damit kräftig ins Erziehungsrecht der Eltern einzugreifen). Niedrigschwelligere Angebote zum Kirchenaustritt verlangt die Gott-ist-so-gut-wie-tot-Lobby gleichfalls. Und den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts für Religionsgemeinschaften stellt sie ebenso in Frage.
Mit Abschaffung dieses Status würde die Unterstützung für Kirchen und Synagogen geschwächt – beim Betrieb von Gotteshäusern, Friedhöfen, in der Jugendhilfe und in der Krankenhaus- oder Gefängnis-Seelsorge. Ach ja, und die vom Staat eingetriebene Kirchensteuer soll bei der Gelegenheit selbstverständlich auch verschwinden.
All das würde indirekt auch die Moscheeverbände betreffen, streben diese im Zuge ihrer Gleichstellung doch an, was Kirche und Synagoge schon haben: den Körperschaftsstatus. Außerdem treten die militanten Konfessionslosen mit ihrem Herzenswunsch, jede Spur von Religion aus der Öffentlichkeit auszutreiben, natürlich allen Konfessionen auf die Füße – ob Juden (Kippa), Christen (Kreuze) oder Muslimen (Kopftuch).
Würde die Agenda der Antikonfessionellen umgesetzt, dürfte die Sichtbarkeit der Religionsgemeinschaften ergo schrumpfen: In Kita, Schule, Hochschule, Verwaltung kaum mehr präsent, in Medien von ihren Antipoden unter Feuer gesetzt, mit den Pflegekosten für Menschen und Gebäude überlastet. Das könnte zur Streichung karitativer Angebote, zu Engpässen bei der Seelsorge und zur Schließung so manches Gotteshauses führen. Kurz und schlecht: Unser Land würde verarmen (auch wenn nie auszuschließen ist, dass geballter Druck neue Lebensgeister in marginalisierten Glaubensgemeinschaften weckt).
Der Trend zur Säkularisierung
Doch den Konfessionslosen spielt einiges in die Hände – vor allem der Trend der Säkularisierung, der sich kurz vor Ostern wieder bemerkbar machte. Da wurden die neuen Zahlen zur Kirchenmitgliedschaft veröffentlicht. Bei diesen gibt es seit Jahrzehnten nur eine Richtung: bergab. Heidenvolk hoch, Kirchenvolk runter – so scheint’s. Deutschlandweit gehören noch 36,6 Millionen Mitglieder zur katholischen oder evangelischen Kirche – 43,8 Prozent der Bundesbevölkerung. In westdeutschen Ländern wie NRW sind es laut dortiger Staatskanzlei immerhin noch 9,2 Millionen und 51 Prozent.
Wenn aber so viele Menschen keiner Großkirche angehören und insofern konfessionslos sind, wie kann man ihren Interessenverbänden dann vorenthalten, was der Staat den Konfessionellen gewährt? Die Frage wirkt berechtigt. Zumindest wäre sie es, wenn der Niedergang organisierter Großkirchen automatisch den Siegeszug organisierter Konfessionsloser bedeuten würde. Aber ist dem so? Zugespitzt: Haben ein paar passionierte Religionsfresser mit ihren Mini-Organisationen das Recht, im Namen all jener zu sprechen, die keiner Großkirche angehören? Wohl kaum.
Die bunte interreligiöse Mehrheit
Zum einen glauben rund 60 Prozent der Deutschen sehr wohl „an einen Gott“, während sich (bei allen Schwankungen in Umfragen) nur 33 Prozent als Atheisten verstehen, die an keinen Gott und keine „höhere Macht“ glauben. Für dieses Drittel mag eine Konfessionslosen-Lobby eventuell sprechen dürfen. Selbst das ist aber zweifelhaft, weil in diesen Lobbyverbänden allem Anschein nach nur ein winziger Bruchteil dieser 33 Prozent organisiert ist.
Wohl nicht ohne Grund sind die Vereine, die sich im Dachverband der Konfessionsfreien versammeln, mit ihren Mitgliederzahlen äußerst zurückhaltend. Und so bleiben die Großkirchen die mit Abstand mitgliederstärksten weltanschaulichen Organisationen der Republik.
Hinzu kommt, dass es auch jenseits der Großkirchen konfessionell organisierte Mitbürger gibt. 2025 lebten in Deutschland rund 3,9 Millionen orthodoxe Christen, vier bis fünf Prozent der Bevölkerung. Wie könnte man diese getauften Christen einfach zum Lager der Konfessionslosen zählen? Oder gar die laut REMID gut eine Million organisierter Freikirchler (über ein Prozent der Bevölkerung)? Und dann wohnen ja auch noch mindestens 5,5 Millionen Muslime in Deutschland, sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung. Auch bei ihnen gibt es keinen Anlass zur Vermutung, ausgerechnet sie würden sich allesamt von organisierten Gottlosen vertreten fühlen.
Addiert man diese Gruppen, dürften die Organisiert-Konfessionellen bundesweit doch wieder die 50-Prozent-Grenze überschreiten. Diese bunte interreligiöse Mehrheit verdrießt die Religionsmarginalisierer natürlich. Sie versuchen solche Zahlen kleinzureden. So argumentiert Fowid, das von der Giordano-Bruno-Stiftung gegründete Forschungsinstitut der Konfessionslosen, die Kirchenmitglieder seien ja oft gar keine Christen. Denn die Glaubensüberzeugungen „von weniger als einem Drittel der Kirchenmitglieder beider Konfessionen“ stimmten noch „mit der Lehre des ‚Apostolischen Glaubensbekenntnisses‘ überein, was also, im engeren Sinn, bedeutet, dass sie keine Christen sind“.
Ihnen zufolge ist also kein Christ, wer nicht buchstäblich an die Jungfrauengeburt glaubt (ein Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses). Ob diese selbsternannten Experten jemals mit hiesigen Christen gesprochen haben? Dann wüssten sie, dass etwa in der evangelischen Kirche kaum ein Bischof, Präses oder Theologieprofessor die Jungfrauengeburt wörtlich nimmt. Und diese Zeitgenossen wollen unsere Schulen, Medien, Öffentlichkeit prägen?
Wie beruhigend, dass zumindest das Land NRW auf Anfrage mitteilte, es pflege „keine Kontakte zum Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten“. Nein, Religionsgemeinschaften und ihre Gegner lassen sich – bei allen historischen Verbrechen, die sie gemeinsam haben – nicht gleichsetzen.
Letztlich ist es einfach. Das zeigt die alte Erbauungsgeschichte von dem Krankenhausseelsorger, den ein atheistischer Freidenker einst als üblen Feind des Fortschritts und der Menschheit beschimpfte. „Mein Glaube hat schon vielen Menschen auf dem Kranken- und Todesbett geholfen, das weiß ich“, antwortete der Seelsorger. „Aber wem hat dein Unglaube geholfen?“
Source: welt.de