Immer wieder wundert man sich, warum sich im 19. Jahrhundert Erfolge im einen Land nicht zumindest auf Nachbarländer übertragen haben. Die Rede ist von der 1845 in Wien geborenen österreichischen Landschaftsmalerin zwischen einem eigenständigen Impressionismus und sogar ersten Aufbrüchen in die Abstraktion, Tina Blau, die nun im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (MPK) als fast Unbekannte wiederzuentdecken ist. Denn obwohl sie in Österreich in ihrer Zeit gefeiert wurde, mit nur 23 Jahren ihr erstes Bild verkaufte und später der Kaiser persönlich in der Limousine vorfuhr, um aus einer Ausstellung Gemälde von ihr zu erwerben, ist sie in Deutschland den wenigsten ein Begriff.
An nationalistischen Grenzziehungen zwischen dem Reich und Kakanien vor 1918 wird es kaum liegen, Blau stellte als deutschsprachige Künstlerin in Paris, London und Chicago aus und verkaufte auch gut in diesen Ländern. Als begabte Lehrerin bildete sie eine ganze Generation von Malerinnen aus, die ihre malerischen Kniffe weitertrugen. Ihr Vergessenwerden in deutschen Landen bleibt ein Rätsel.
Erstaunliche Leihgaben kamen aus Privatsammlungen
Umso ehrenwerter, wenn sich das MPK im Nachgang zu seinem 150-jährigen Bestehen (F.A.Z. vom 19. August 2025) nun intensiv der Künstlerin widmet, indem es um ein bereits von seinem Gründungssammler Joseph Benzino angekauftes großformatiges Gemälde, dem „Apriltag im Prater“, eine konzise Schau mit zahlreichen Leihgaben der österreichischen Blau-Hauptsammlungen Belvedere, Leopold und Wien Museum inklusive dreißig grandioser Leihen von privat gruppiert.
Der Einführungskorridor im zweiten Obergeschoss breitet erst einmal ein erstaunliches Panorama aus, welches zeigt, dass Blau keinesfalls die einzige gefeierte und avancierte Malerin im Wien der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war. Neben ihr reüssierten vor allem Maria Egner, von der eine magisch daliegende „Landschaft mit Spiegelbild“ und im Vollmondlicht dümpelnden Fischerbooten von etwa 1885 zu sehen ist, und Olga Wisinger-Florian. Mit deren großem Hochformat „Feldblumen am Wasser (Frühlingsblumen)“ von 1888 ist dem Museum ein Coup gelungen. Nur mehr als Aufnahme in Schwarz-Weiß bekannt und seit Langem in einem Wiener Depot verstaubend, bot das MPK als Gegenleistung für die Ausleihe die Restaurierung des Gemäldes an.
Und siehe da: Die Aufsicht auf einen so schmalen wie umwucherten Steg an einem Bach ist ein Hauptwerk der Naturmalerei der Achtzigerjahre des neunzehnten Jahrhunderts. Ganze Bündel wilder Stiefmütterchen in ihrem unverwechselbaren Farbzweiklang aus tiefem Violett und Gelb ragen aus der dunkelgrün verwucherten Pflanzenwand dahinter. Hauchfeine Libellenflügel liefern multisensorisch eine zarte Geräuschkulisse dazu. Die Art des Ausschnitts nimmt die Besonderheit niederländischer Sottobosco-Stücke auf, präzise Mikroskopblicke Alter Meister auf die wimmelnde Flora und Fauna des Unterholzes. Und da Wisinger-Florian die Ölfarbe ebenfalls wie im Barock auf eine Holztafel auftrug, glänzt diese vor dem schwarzen Hintergrund umso geheimnisvoller.
Dieses Leuchten von innen zeichnet auch Tina Blaus en plein air – daher der Titel „Im Freien“ – entstandene Bilder aus. Vor allem trifft dies auf jene aus dem Prater zu, wo sie in den Weltausstellungshallen ihr kleines Atelier zusammen mit Emil Schindler hatte und von wo aus sie ihre durchaus nicht kleinen Leinwände mit ihrem selbst gebauten „Wagerl“ als Mix aus Kinderwagen und großem Korb wie ein trippelnder „Schwammerl“ – so nannten sie ihre Schüler wegen ihrer ausladenden shiitakepilzhaften Hüte – fast täglich in den Prater fuhr, wie es eine zur raumhohen Fototapete ausgezogene skurrile Aufnahme im Museum von um 1900 zeigt.
Der wie der Turm des Stephansdoms rechts aufragende Baumgigant verströmt ein frühlingshaft sonniges Lindgrün, auf seinem Stamm ist ein Affiche mit Lagehinweis auf die Meierei Krieau – eine damals gerade angesagte Jausenstation der Jeunesse dorée Wiens, nachdem Kaiserin Sisi dort kurz zuvor mit dem Pferd eingeritten war und ein Glas Milch genossen hatte. Wie auf Seurats berühmtem Pointillismus-Meisterwerk „Sonntag auf der Grand Jatte“ von 1884 promeniert auch bei Blau eine komplett schwarz gewandete Dame mit ebensolchem Sonnenschirm als bewusst gesetztem Kontrast zu den hellen Frühlingsfarben in der Bildmitte.
Die Bäume stehen für sie Spalier
Dabei kopiert sie keinen der französischen Impressionisten wie Monet oder Pissarro direkt, was sich allein in dem Fakt offenbart, dass Blau ein Faible für graue Herbsttage hat, eher keine Domäne der Franzosen. Sie findet zu einem sehr eigenen Stil, indem sie das Spiel aus Licht und Schatten intensiviert und in der malerisch baumbestandenen Prater-Parklandschaft Merkmale der den Impressionisten vorausgegangenen Schule von Barbizon einflicht, aber beispielsweise das Kaiserslauterner Prater-Bild auch nachträglich im Atelier mit minutiösen Schilderungen Hunderter sich im Wind biegender Grashalme versieht, was ein Monet ebenfalls nicht getan hätte. Traumschön ist ihre herbstlich eingefärbte Allee auf der „Praterlandschaft“ von 1915/16 mit ihren spalierstehenden Baumindividuen, die man sofort von der Wand stehlen möchte und denen – als Intervention einer zeitgenössischen Künstlerin – Simone Nieweg mit ihren Fotografien stimmig sekundiert.
Wie enorm ihre Entwicklung in überschaubarer Zeit vonstattenging, belegt die Gegenüberstellung eines ihrer frühesten Bilder mit einem desselben Motivs aus der reifen Phase. „Die Franz-Josephs-Kaserne mit Hauptzollamt“ zeigt das Gebäude 1862 bräsig breitgelagert in biedermeierlicher Bravheit, „Beim Hauptzollamt“ daneben von 1883 ist eine atemnehmend gewagte Ölstudie, die bereits semiabstrakte Züge trägt. Blau pfeift darin auf erlernte Gesetzmäßigkeiten von Perspektive und Ponderierung, indem sie einer hochgewachsenen Allee auf der linken Bildseite bewusst kein Gegengewicht auf der rechten verleiht. Auf dem von scharfen Schatten durchschnittenen Alleeweg defiliert eine Karawane von Schwerbepackten mit Ziel Zollamt, unter denen ein Mann mit einem riesigen Baumwollsack auf den Schultern ins Auge sticht, weil er zuvorderst als mächtiger weißer Fleck aus dem Dunkel der Allee herausleuchtet.
Der Saal zur Münchner Schule zeigt, wie sie dort von 1869 an ihre Farbzauberei perfektionierte und sich malerische Kniffe aneignete, indem sie unter anderem das „gestreckte Handtuchformat“ der Alten Meister des siebzehnten Jahrhunderts übernahm, das die mit ihr befreundeten Maler Eduard Schleich der Ältere und Josef Wenglein just in dieser Zeit durch deutliche Aufhellung der niederländischen Erdfarben aktualisierten.
Auf ihrer „Atelierecke“ ist ein Steinguttopf der Hauptdarsteller
Das Hauptwerk der Münchner Jahre bleibt ihre monumentale „Atelierecke“ von 1872, bei der sie wie Carel Fabritius im Barock ihren roten Mantel, auf einem Stuhl abgelegt, mit der moosgrünen Zeichenmappe vor der beigefarbenen Wand um die Wette leuchten lässt. Als Solitär und anthropomorph wirkend ragt ein kobaltblau bemaltes Steingutgefäß auf einem gedrechselten Sockel hoch.
Von München aus unternahm sie auch ausgedehnte Reisen nach Italien, Holland und Frankreich. Schon von ihrem ersten Bildverkauf hatte sie sich eine Reise geleistet, und der Kuratorin Anette Reich sieht man die Verblüffung selbst nach vollendeter Hängung von Blaus eindrucksvollem gemalten Itinerar darüber noch immer an, wo die Malerin überall im angeblich so immobilen Spätbiedermeier war.
Blaus Ungarnurlaubsbild „An der Donau bei Szobb“ ist solch ein Exempel für die geschickte Nutzung des gestreckten Handtuchformats, da sie den ohnehin breiten Fluss durch das extrem querrechteckige Bildformat noch mächtiger wirken lässt. Der hochsommerlich blau und diaphan leuchtende Himmel wird partiell von den dunklen Rauchfahnen der Donaudampfschiffe verhüllt und ist an diesen Stellen eben nicht mehr gläsern durchsichtig, sondern „bedeckt“. Zusätzlich arbeitet sie mit dem malerischen Kniff in ihren Niederlande-Bildern, dass sie etwa den First eines relativ dunklen Backsteinhauses mit einer dünnen weißen Linie versieht, wodurch der Blick erst auf diese Ecke des Bildes gelenkt wird.
Einen Höhepunkt hat Blaus glühendes Interesse an allen Zuständen des Lichts, vom vagen Zwischenlicht des Frühlings bis zu Melangen aus Herbstsonne und Nebel im Querformat „Dettwang im Taubertal bei Rothenburg“ von 1887. Die romanische Kirche in Grau hat ihr helles Pendant im Saftgrün der gespaltenen Weide rechts. Der Kaiser kaufte richtig.
Tina Blau. Im Freien. MPK, Kaiserslautern; bis zum 25. Mai. Katalog folgt.
Source: faz.net