Die Weimarer Republik ist en vogue. Sie dient stärker als in früheren Jahrzehnten als Folie, vor deren Hintergrund unsere Gegenwart beurteilt wird. Dabei suchen die einen sie vorrangig als aufregendes Demokratieexperiment wiederzuentdecken und ihr zukunftsweisendes, modernes Potential zu unterstreichen. Die anderen hingegen nehmen Weimar als Menetekel einer Krisengeschichte, die in Diktatur, Untergang und Verderben endete. Nimmt man beide Interpretationsstränge zusammen, gleicht die deutsche Geschichte der Zwischenkriegszeit dem Schicksal Dr. Jekylls, der seinen Mr. Hyde bestenfalls temporär bändigen konnte.
Ein seltsamer Fall also, zwischen begrüßenswerten und bedrohlichen Ausprägungen schwankend. Der widersprüchliche und instabile Charakter wirkt wie das Hauptkennzeichen einer Geschichte der potentiell multiplen, jedenfalls ambivalenten Entwicklungsrichtungen jener Jahre.
Diese Grunddeutung brachten in jüngerer Zeit in unterschiedlicher Weise Harald Jähner mit seinem „Höhenrausch“ überschriebenen Weimar-Buch ebenso wie Volker Ullrich zum Ausdruck, der nochmals jene Entscheidungsmomente zwischen 1918 und 1933 in den Blick nahm, die dazu berechtigen, von einem „aufhaltsamen Scheitern“ zu sprechen.
Weimar: ein europäischer Normalfall?
Schon der Buchtitel „Im Zwischenreich“ von Ute Daniels Weimar-Darstellung lässt vermuten, dass sie einen ähnlichen Weg beschreiten und die widerspruchsvollen Konstellationen herauspräparieren will. Den anschaulich, weniger analytisch entfalteten Begriff des Zwischenreichs nutzt die Braunschweiger Neuzeithistorikerin, um den von den Zeitgenossen wahrgenommenen Übergangszustand zwischen einem „Nicht mehr“ des untergegangenen Kaiserreichs und einem „Noch nicht“ mit unterschiedlichen Zielvorstellungen zu kennzeichnen, ob damit nun eine Rückkehr ins Kaiserreich, demokratisch-republikanische Hoffnungen oder neue autokratische Lösungen gemeint waren.
Verschiedenartige, aus der transitorischen Lage hervortretende Erfahrungswelten will Ute Daniel breit widerspiegeln, statt sie in „binäre Oppositionen wie Demokraten versus Antidemokraten“ zu pressen. Angesichts der reklamierten Vielfalt verwundert es indes ein wenig, dass sich die Autorin fast ausschließlich auf von ihr pauschal „linksliberal“ genannte Quellen wie das „Tage-Buch“, die „Weltbühne“ oder Erich Schairers „Sonntags-Zeitung“ als Zeugnisse zeitgenössischer Weltwahrnehmung stützt. Als Kronzeuge Nummer eins zitiert sie allerdings den selbstverliebten intellektuellen Flaneur und linksrepublikanischen Grafen Harry Kessler. Von rechtsbürgerlichen, konservativ-revolutionären, anarchistischen oder kommunistischen Stimmen findet sich bei ihr hingegen so gut wie keine Spur.
Allzu eng gefassten Deutungsmustern sucht die Autorin gleichwohl schon dadurch zu entrinnen, dass sie die Weimarer Republik innerhalb der allgemeineuropäischen Entwicklung zu situieren beansprucht. Dann seien viele länderübergreifende Herausforderungen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als das neue „Nachkriegsnormal“ erkennbar: der Streit um das Aufgabenspektrum und die erforderlichen Finanzierungen des Staates, die Abgeltung der Kriegsfolgelasten und die allgemeine Skepsis gegenüber Parteien, Parlamenten und Demokratie.
Fixierung auf die Revision des Versailler Vertrags
In den ersten beiden Fällen stellt die Autorin überzeugend ein vertracktes „Schulden-, Reparations- und Steuervermeidungskarussell“ heraus, das in Deutschland nicht aufgrund unbewältigbarer Lasten fatale Folgen zeitigte, sondern vielmehr aufgrund einer regelrecht obsessiven sozialpsychologischen Fixierung auf die Revision des Versailler Vertrags.
Im Fall der dritten Problematik hätten selbst Republikaner mit der parlamentarischen Demokratie gefremdelt und am Wunschbild eines frei deliberierenden Abgeordneten festgehalten, statt im Verschmelzen der Mehrheitsfraktionen mit der Exekutive (gegenüber der oppositionellen Minderheit) die Funktionslogik dieses Regierungssystems zu erkennen.
Dies begünstigte zumal in Deutschland die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine über Parlament und Parteien schwebende, allein dem Staat und Volkswohl dienende Entität. Diese Denkweise bereitete einem Ersatzkaisertum in der Rolle des Reichspräsidenten samt Notverordnungsregime strukturell den Boden.
Die Reichswehr konnte ihr eigenes Spiel spielen
Doch darin erkennt Ute Daniel nicht den entscheidenden Faktor für die Niederringung der Demokratie in Deutschland. Neben Eigendynamik gewinnenden „Ressentimentwogen“ gegen eine als zutiefst ungerecht empfundene Reparationsordnung streicht sie vor allem heraus, wie sehr sich das Militär als ein mächtiger Akteur positionierte, der von Anfang an eine eigene Agenda verfolgte und innerhalb einer „bellizistischen“ Gesellschaft auf viel Gegenliebe stieß.
Bereits während der Novemberrevolution seien Chancen verpasst worden, die Militärfrage im demokratischen Sinne zu lösen. Einigermaßen unkritisch folgt die Autorin der These einer staatlich lizenzierten, insbesondere durch Ebert-Scheidemann-Noskes SPD gestützten Gründungsgewalt, die der Weimarer Republik ihren Stempel aufgedrückt habe. Letztlich sei es der Reichswehr ungeachtet ihrer zeitweisen Annäherung an zivile politische Kräfte samt entsprechenden Loyalitätsbekundungen stets gelungen, ihr eigenes politisches Spiel zu spielen. Am krassesten kam dies in der Einrichtung eines geheimen, alles andere als regelkonformen Wehretats ab den späten Zwanzigerjahren zum Ausdruck.
Brüning eine Marionette an den Fäden Hindenburgs?
Was am Schluss der Weimarer Republik geschah, hat für Ute Daniel weit zurückreichende Ursachen, die wesentlich im Versäumnis einer Demokratisierung des Militärs auszumachen seien. Eine große Verfehlung erkennt sie zudem in dem letztlich unvollendet gebliebenen Versuch Finanzminister Matthias Erzbergers, die Republik als (progressiven) Steuerstaat mit gerechter Umverteilungsmechanik zu etablieren. Die Annahme, sein Vorhaben einer Erhöhung des deutschen Steuerniveaus habe ihn letztlich das Leben gekostet, zielt an der Motivlage der rechtsterroristischen „Organisation Consul“, die ihn im August 1921 ermordete, allerdings vorbei.
Ein bisschen hört man aus der gesamten Argumentation die alte Geburtsfehlerthese mit früh missglückten Weichenstellungen zur Stärkung der Republik heraus. So wundert es nicht, dass die Autorin in Heinrich Brüning, dem ersten Kanzler des Präsidialsystems, nicht viel mehr als einen marionettenhaft an den Fäden Hindenburgs und der Reichswehr geführten Totengräber der Republik sieht. Der „Einstieg in den Ausstieg aus dem Zwischenreich“ ist schnell ausgemacht. Im Falle Brünings wie auch sonst werden kontroverse Standpunkte in der Historiographie mit einer bemerkenswerten Nonchalance beiseitegeschoben. Sie seien für ihren Interpretationsansatz nicht „hilfreich“, heißt es handkantenschlagartig in der Einleitung.
Wenngleich eine solche Haltung Weimarkundige irritieren muss, gewinnt die reduktionistische Argumentation so doch an Schärfe und Stringenz, zumindest wenn man nach Gründen und Dynamiken des Scheiterns der Weimarer Republik sucht. Die Autorin reklamiert für sich, auch mittels kontrafaktischer Überlegungen über alternative Geschichtswege nachzudenken und eine „neue Geschichte der Weimarer Republik“ vorzulegen. Trotz manch origineller Akzentsetzung und Zuspitzung schreibt sie aber letztlich ein Stück wohlbekannter Pathologiehistorie. Demokratiegeschichtliche Hoffnungen wird man daraus für die Gegenwart kaum schöpfen können.
Es verwundert insofern nicht, wenn am Ende im Stil eines Politikratgebers „Tipps“ stehen, was es unbedingt zu beachten gilt, um nicht in die Weimar-Falle zu tappen, darunter: Demütige ehemalige Feindstaaten nicht zu sehr. Sorge für Umverteilung und Infrastruktur. Gib Ressentimenttreibern keine Chance. Schließlich: Lass das Militär nicht über die Staatsspitze entscheiden. Spätestens an dieser Stelle möchte man Weimars Mr. Hyde sein Serum verabreichen, um ihn als Dr. Jekyll das schillernde Zwischenreich von Neuem erkunden zu lassen.
Ute Daniel: „Im Zwischenreich“. Eine Geschichte der Weimarer Republik 1918 bis 1933. Hamburger Edition, Hamburg 2026. 328 S., geb., 30,– €.
Source: faz.net