Im „Haus des Schreckens“ quälten und ermordeten die Eheleute West Mädchen und Frauen

Am 22. November 1995 endete eines der schockierendsten Gerichtsverfahren der britischen Kriminalgeschichte: Rosemary West wurde für schuldig befunden, gemeinsam mit ihrem Ehemann Frederick brutale Sexualmorde begangen zu haben. Der Fall sorgte weltweit für Entsetzen.

Bei seiner Urteilsverkündung wählte Richter Charles Mantell deutliche Worte. Die Taten der Angeklagten seien „widerwärtig“ und „verkommen“, und „wenn mein Wort etwas bedeutet, dann werden Sie nie mehr freigelassen!“

Damit ging am 22. November 1995 einer der grauenvollsten Gerichtsprozesse der britischen Kriminalgeschichte zu Ende. Die damals 41-jährige Rosemary West wurde von einer Jury für schuldig befunden, zehn Mädchen und Frauen im Alter zwischen acht und 21 Jahren sexuell missbraucht, gefoltert und schließlich bestialisch umgebracht zu haben. Dies tat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Frederick West. Ihm konnte kein Prozess mehr gemacht werden: Er hatte sich am 1. Januar 1995 in seiner Zelle umgebracht.

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In Großbritannien und der ganzen Welt sorgte der Fall für Verstörung. Seit Februar 1994 wurde das Haus der Wests in der Cromwell Street in Gloucester im Südwesten Englands vielfach als „Haus des Schreckens“ („House of Horrors“) bezeichnet. Dort, vergraben im Garten, unter der Terrasse sowie unter dem Keller- und Küchenboden, hatte die Polizei nach und nach die verstümmelten Reste von neun Leichen gefunden, darunter die der gemeinsamen West-Tochter Heather (16) sowie von Rosemarys Stieftochter Charmaine (8). Eine weitere Leiche wurde an einem früheren Wohnsitz der Wests gefunden.

Die Behörden verfügten den Abbruch des Schreckenshauses. Auch sonst zogen sie Konsequenzen aus dem Fall, der Anfang 1994 beinahe zufällig ans Tageslicht gekommen war: Sie befürchte, „wie Heather unter der Terrasse zu enden“, hatte eine Tochter des Ehepaares West bezüglich ihrer seit Jahren verschwundener Schwester zu einer Sozialarbeiterin gesagt. Dabei hätten Ermittler längst Verdacht schöpfen müssen, dass im Haus an der Cromwell Street nicht alles mit rechten Dingen zuging: Frederick West war ihnen bereits 1961 erstmals aufgefallen, das Paar mehrfach seit den 1970ern. Doch es gab keine Stelle, an der die Informationen aus dem Sozialamt, der Polizei, der Schule und der Krankenhäuser zusammenlaufen konnten. In der Folge wurde die Koordination dieser Behörden zur Aufdeckung von Missbrauchsfällen verbessert.

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Sowohl Rosemary als auch Frederick West durchlebten äußerst problematische Kindheiten. Frederik und seine fünf Geschwister wuchsen in ärmlichen Verhältnissen auf dem Land auf, ihre Eltern vergingen sich laut Fredericks späterer Aussage regelmäßig sexuell an ihren Kindern. Sein Vater habe ihm immer wieder eingeschärft, man dürfe alles machen, was man wolle, solange man sich nicht erwischen lasse, behauptete Frederick später. Im Alter von 20 Jahren wurde er wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen angeklagt, doch der Prozess platzte, als diese ihre Aussage zurückzog.

Als Frederick seine spätere Ehefrau traf, war diese noch ein Teenager und lebte nach der Scheidung ihrer Eltern bei ihrem Vater, der unter paranoider Schizophrenie litt, seine Tochter regelmäßig sexuell missbrauchte und gewalttätig war. Ihre Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft depressive Schübe erlitten und war mit einer Elektrokrampftherapie behandelt worden. Später wurde spekuliert, dass dies Rosemarys Gehirn beschädigte und dazu beigetragen haben könnte, dass sie in ihrer Jugend als sehr launisch, teils aggressiv auffiel. Zu Fredericks Neigung zu Wutausbrüchen könnten wiederum zwei schwere Unfälle beigetragen haben, derentwegen er zeitweilig im Koma lag.

Nach ihrer Heirat arbeitete Rosemary immer wieder als Prostituierte, was Frederick guthieß und förderte. Ein Zimmer im Haus der Wests war hierfür reserviert, mehrere andere Räume vermietete das Paar an Logiergäste. Rosemary brachte insgesamt acht Kinder verschiedener Väter zur Welt, während Frederick aus erster Ehe zwei Töchter in den Haushalt einbrachte.

Eine dieser Töchter, die achtjährige Charmaine, ermordete Rosemary im Jahr 1971, als Frederick eine mehrmonatige Haftstrafe wegen Diebstahlsdelikten absaß. In den folgenden Jahren und in den 1980ern ermordete das Ehepaar West mindestens neun weitere Mädchen und Frauen, darunter Familienmitglieder, Logiergäste oder entführte Passantinnen. Die Details der grausamen Untaten, die sich im „Haus des Schreckens“ abspielten, sind schier unerträglich. Die Wests missbrauchten, quälten und ermordeten ihre Opfer mit teils äußerster Brutalität – während ihre geschundenen eigenen Kinder davon viel mitbekamen.

Mehrfach wurden die Behörden auf die Wests aufmerksam, bis die Polizei schließlich im Februar 1994 einen Durchsuchungsbefehl für das Haus erhielt – und dort grausige Funde machte. Nachdem sich Frederick Anfang 1995 selbst gerichtet hatte, erhielt Rosemary Ende November desselben Jahres wegen zehnfachen Mordes eine lebenslängliche Haftstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung (welche sie bis in die Gegenwart absitzt).

Es war Jahrzehnte her, dass eine Frau im Vereinigten Königreich dieses Strafmaß erhalten hatte: Die Serienkillerin Myra Hindley, die gemeinsam mit ihrem Partner Ian Brady fünf Kinder und Jugendliche missbraucht und ermordet hatte, wurde 1966 zu lebenslanger Haft verurteilt.

Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Kulturgeschichte, Technikgeschichte, Zeitgeschichte und die Geschichte der USA – sowie Kriminalgeschichte(n) wie der Fall Aileen Wuornos.

Source: welt.de

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